Zeitung Heute : Auf diese Geige können Sie sich stellen

Sounddesigner Friedrich Blutner baut mit Hilfe der Informatik Geigen aus Kunststoff, die so klingen sollen wie eine Stradivari

Christiane Tewinkel

Für gewöhnlich hört Friedrich Blutner Tomaten oder Waschmaschinen zu. Blutner ist Geschäftsführer der im Erzgebirge ansässigen Firma Synotec, die sich mit Klängen des Alltag beschäftigt, damit also, wie es tönt, wenn man in einen Butterkeks beißt, ein Eis schleckt, den Automotor laufen lässt oder den Staubsauger benutzt. Gemeinsam mit einem knappen dutzend Mitarbeitern steht der Sounddesigner und Psychoinformatiker Blutner gewissermaßen an der Wegkreuzung der Beurteilung und Herstellung von Klängen, dort also, wo scheinbar dröge Disziplinen wie Akustik, Informatik und Linguistik aufeinandertreffen: Was klingt aus welchem Grund für wen wie? Und mit welchen Worten ließe es sich beschreiben – schrill oder beruhigend? Golden, silbern? Kernig, tragfähig, vielleicht sogar glücklich?

Unzählige Fragen müssen Blutners Testhörer beantworten, bis sie aus der Kopfhörerumklammerung wieder freigegeben werden und ihn mit einem fein ausdifferenzierten Sprachspiegel des Gehörten zurücklassen, dem so genannten mapping. Auf der Grundlage dieser Rückmeldung gehen Blutner und seine Mitarbeiter daran, zu überlegen, wie die beschriebenen Klänge modifiziert und in eine günstige Richtung gelenkt werden können.

Synotec gehört zu den Vorreitern auf dem Gebiet des Sounddesign. Das menschliche Ohr hat schließlich immer geöffnet; Sprache, Musik und Geräusch sind wesentliche Dimensionen schon der frühkindlichen Kommunikation. Nachdem die Autoindustrie schon in den 1970er Jahren begriffen hatte, wie wichtig das Sounddesign ist – der nachgerade brünftig klingende Motor, die diskret und zuverlässig zuschlagende Autotür – zieht der Rest der Industriewelt seit einigen Jahren nach. Auch ein emsig klingender Drucker verkauft sich eben besser als einer, der müde tönt und immer neue Quasi-Atemzüge braucht, bis er endlich seine Blätter ausspuckt. Blutners in der unmittelbaren Nachwendezeit gegründete Firma arbeitet inzwischen für die Nahrungsmittel-, Verpackungs- und Pflegemittelindustrie. Und natürlich: für die Musikwelt.

Denn was läge näher, als sich nach den Autotüren, Tomatenschnitten, Wasch- und Schreibmaschinen endlich auch einmal der Kür des Schönklangs zuzuwenden, dem Musikinstrumentenbau? Zum Beispiel der Violine. „Die Geige“, sagt Blutner, „ist das Vorbild für den guten Ton schlechthin“. Vor über dreihundert Jahren zur Vollendung gebracht durch die italienischen Geigenbauer Amati, Stradivari und Guarneri, habe das Instrument eine lange Bewährungsprobe hinter sich. Da könne man sich im Sounddesign einiges abschauen.

Oder abhören. Und am Ende sogar nachbauen. Blutner hat also große Geiger und Geigerinnen, darunter die lettische Weltklasseviolinistin Baiba Skride, gefragt, ob sie mal eben ein teures Instrument zur Hand nehmen und bespielen könnten. Hat solcherart „sehr gute Spieler“ mit mehreren Instrumenten hantieren und verschiedene Ausschnitte spielen lassen. Hat die Situation des Konzertsaals nachgestellt, „Expertenhörer“ befragt und aus ihren Antworten und Einschätzungen schließlich komplizierte mappings erstellt.

Die auf dieser Grundlage entstandenen Computerbilder sehen aus wie kompliziert verwabernde Farbkleckse. Rechts unten in einem Koordinatensystem zum Beispiel der Parameter „Klangschönheit“ – und natürlich unterscheiden sich hier die verschiedenen Instrumente, bekommt das eine mehr von der Zustimmungssignalfarbe Rot als das andere, das in halbherzigem Blau ertrinkt. In einem parallelen Schritt vermaß Blutners Team die über einhundert bespielten Instrumente. Insgesamt 20 000 Parameter wurden abgeprüft; von „ganzheitlichen Merkmalsaggregaten für einen tragfähigen Ton“ spricht Blutner. Denn ein Instrument bloß auf 0,2 Millimeter nachzubauen, wie es etwa japanische Geigenbauer versucht haben, ist kaum Garant für ein wohlklingendes neues.

Per Computer haben Blutner und seine Mitarbeiter die subjektive Größen des mapping und die objektiven Daten der Vermessung miteinander in Einklang gebracht und an in Sachsen ansässige Geigenbauer weitergegeben – Blutner spricht nicht gerne über Namen, weil es verständlicherweise innerhalb der traditionsbewussten Zunft auch scharfe Kritik gibt.

Materialempfehlungen waren unter diesen Daten, Vorschläge etwa, es mit dem Kunststoff Arconit zu versuchen, einem „sehr reproduzierbaren“ Material aus der Raumfahrttechnik. Auch Geometriedaten bekamen die Geigenbauer, wie die Umrisskurve des Instrumentes, die taillierte Silhouette.

Über dreißig Forschungsmuster sind bisher gebaut worden. Eine der letzten Geigen, die im Auftrag von Synotec entstanden ist, hat einen schwarzglänzenden Boden und ist auch an Stellen, wo sie hölzern scheint, furniert. Dafür kann man sich, wenn man Lust dazu hat, auf das Instrument stellen, ohne dass es Schaden nimmt. Und dann kostet es auch nur 30 000 Euro – billiger als eine Stradivari ist die High-tech-Geige damit allemal. Aber klingt sie tatsächlich so schön?

Satt ist der Klang auf jeden Fall. Kraftvoll und glatt. Wegen der vollkommen ausgereizten Resonanzen, des „schwingungsfreudigen Materials“ (Blutner) tönt die Geige wesentlich stärker als ihre auf traditionelle Weise entstandenen Schwestern, fast vulgär laut und mit bedingungslosem Nachhall. Indessen haben Instrumentenbauer immer davon gelebt, dass Musiker sie ständig mit ihren Wünschen und Visionen belagert haben. Die Vorstellung, auch riesig große Säle mühelos bespielen und mit Klang füllen zu können, gehört seit jeher dazu. Insofern könnte die Kunst-Geige genau das Richtige sein für ein Musikleben, zu dem zunehmend Massenevents und Giga-Konzerte gehören.

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