Zeitung Heute : Auf eigene Gefahr

Der Tagesspiegel

Unter den Friedensaktivisten, die zurzeit im Bunker von Palästinenserführer Jassir Arafat in Ramallah ausharren, befindet sich auch eine junge Berlinerin. Julia Deeg, die in Kreuzberg in einer Kita arbeitet. Vor sechs Jahren war die 21-Jährige nach Berlin gekommen, drei Jahre hatte sie in Amerika gelebt, ihre Mutter wohnt in München.

Seit zwei Tagen sitzt sie nun mit Mutter Sophia in dem fast vollkommen zerstörten Präsidentenpalast. Freiwillig, wie die 40 übrigen Friedensaktivisten: Franzosen, Italiener, Briten, die meisten Mitarbeiter der Gruppe International Solidarity Movement (ISM) und der Grassroots International for the Protection of the Palestinians (GIPP).

Es ist kalt in dem Gebäude, es gibt kaum noch Wasser, von der Außenwelt sind sie fast vollkommen abgeschlossen. „Ich kann keine Worte dafür finden“, sagte Julia dem Tagesspiegel auf einem der drei Handys, die den Kontakt nach außen sichern. „Ich war noch nie in einer solchen Situation.“ Jetzt sei sie vor allem müde.

„Die politische Situation in Palästina war mir wichtig“, sagt Julia, die mit ihrer Mutter Freunde in Israel besuchen wollte. Julia hatte vor, eine Reportage über die politische Situation zu schreiben. Während eines Treffens mit ISM-Aktivisten beschlossen Mutter und Tochter, sich anzuschließen. Gemeinsam gingen sie zum Krankenhaus von Ramallah, das gerade von israelischen Truppen angegriffen wurde. Später gelangten sie in den Präsidentensitz, vorbei an den überraschten israelischen Soldaten. „Die wussten gar nicht, was sie machen sollten, als wir mit weißen Fahnen an ihnen vorbeiliefen“, berichtet Julias Mutter. Eigentlich sei der Komplex total unzugänglich.

Es müsste dringend eine UN-Schutztruppe nach Palästina geschickt werden, fordert Julia und ist frustriert: „Die Politiker machen nichts, die Botschafter machen nichts.“ Die sollten sicherstellen, dass die Menschenrechte nicht mit Füßen getreten würden. Der Sprecher der deutschen Botschaft will das Verhalten der Friedensaktivisten nicht bewerten: „Die Gründe, weshalb die da sind, interessieren uns nicht“, sagt Reinhard Wiemer. „Es geht uns um die Sicherheit der Deutschen in den Autonomiegebieten.“ Doch zurzeit werde der deutsche Konsul nicht auf das Gelände gelassen, berichtet Julia. „Und wir trauen uns nicht raus.“ Dabei gehen in zwei Tagen ihre Flüge, ihre Mutter muss nach München, wo sie am Studienkolleg lehrt. Julia will zurück nach Berlin, die Residenz Arafats verlässt sie jedoch nur, wenn die Versorgung der anderen gesichert ist. Sonst müsse ihre Mutter alleine fliegen. Inzwischen verhandeln sie mit der deutschen Botschaft über ihre Ausreise.

Wie sich fühlt, als Berlinerin mitten im Nahost-Konflikt? „Für mich zählen nur die Menschen. Es gibt ja auch viele kritische Stimmen unter den Israelis.“ Einer hat sich sogar den Friedensaktivisten angeschlossen und wartet mit Mutter und Tochter Deeg in der Residenz.

Verwundert seien aber auch die Palästinenser über den Einsatz der Deutschen. Die fragten sie immer wieder, warum sie sich in solche Gefahr begeben würden. Julias Antwort: Weil die Gefahr sonst zu uns kommt. Am Telefon sagt sie: „Wir sind nicht wichtig, sondern dass hier keine Menschen mehr umgebracht werden.“ Schutz sei von den palästinensischen Kämpfern, die sie auf 300 bis 400 schätzt, nicht zu erwarten. Das seien eher Wachleute.

Auch in Berlin engagiert sich Julia in einem Integrationsprojekt, der „Till-Eulenspiegel-Kette“ in Kreuzberg. Daneben jobbt sie noch. „Die Kita ist übrigens auch sehr von den Kürzungen des Senats betroffen“, sagt Julia. „Das ist auch so ein Problem.“ Dann ist das Gespräch aus Arafats Präsidentensitz beendet. Moritz Schuller

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