Zeitung Heute : Auf eigene Kosten

Mit einem Stopp seiner Ölexporte dürfte sich der Iran im Moment vor allem selbst schaden

Ruth Ciesinger

Nach der Andeutung des Irans, im Atomstreit mit dem Westen möglicherweise Öl doch als Waffe einzusetzen, ist der Ölpreis gestiegen. Wie wahrscheinlich wäre ein Stopp der Ölversorgung durch den Iran?


Amerikas Außenministerin Condoleezza Rice hat Recht: Aus dem Iran ist in diesen Tagen viel zu hören – und nicht auf jede Äußerung muss reagiert werden. Es ist zwar wichtig, wenn der oberste Religionsführer Ajatollah Chamenei zum Todestag des Republikgründers Ajatollah Chomeini betont, ein „falscher Schritt“ der Amerikaner werde sich auf den Energietransport aus der Golfregion und damit auch auf die weltweite Energieversorgung auswirken. Doch gleichzeitig ist diese Aussage so allgemein gehalten, dass niemand genau weiß, was unter einem „falschen Schritt“ verstanden wird, auch wenn wohl ein amerikanischer Militärschlag damit gemeint ist. Die USA gehen vermutlich selbst davon aus, dass eine solche Eskalation des Atomstreits die Ölexporte aus der Region gefährden würde – auch deshalb will man schließlich eine solche Krise vermeiden.

Demnach formuliert der oberste Religionsführer etwas im Prinzip Bekanntes – und kann sich dennoch die Angst des Westens zu Nutze machen. Denn der Führung in Teheran dürfte nicht verborgen geblieben sein, wie empfindlich die Ölkonzerne auf jeden kleinen Ausschlag in der Atomkrise reagieren. Steigt dann der Ölpreis, profitiert vor allem einer: der Iran. Das Land ist viertgrößter Erdölexporteur der Welt, aus dem Iran fließen jeden Tag etwa 2,8 Millionen Barrel (ein Barrel entspricht 159 Litern) Rohöl auf den internationalen Markt. Bis zu 90 Prozent der iranischen Exporterlöse stammen dementsprechend aus der Ölausfuhr, sie machen deshalb auch den weitaus größten Teil der Einnahmen des Landes aus. Gerade deswegen muss die Weltgemeinschaft nur bedingt Angst haben vor einem Iran, der ihr mir nichts, dir nichts den Ölhahn zudreht. Denn das Regime wiederum finanziert sich fast vollständig aus dem Ölgeld.

Straßen, Autobahnen, Eisenbahnlinien – die gesamte iranische Infrastruktur profitiert davon. Flug- und Bahnreisen sind geradezu erstaunlich billig, eine fast zwanzigstündige Fahrt mit der Eisenbahn, erster Klasse und im Schlafwagen, kostet umgerechnet etwa 19 Euro, was auch für iranische Verhältnisse sehr günstig ist. Grundlebensmittel macht der Ölreichtum ebenfalls preiswert. Vor allem aber – das mag erstaunen – wird die Einfuhr von Benzin stark subventioniert. Der Literpreis liegt zurzeit bei etwa elf Cent. Dass der wichtige Ölexporteur eine große Menge seines benötigten Treibstoffs selbst einführen muss, liegt daran, dass Irans Raffineriekapazitäten viel zu gering und technisch nicht weit genug entwickelt sind, um die Inlandsnachfrage zu decken.

Nach Einschätzung von Volker Perthes, Direktor der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), könnte Irans Regime die Ausfälle durch einen Exportstopp zwar durch die gerade in der jüngsten Vergangenheit aufgehäufte Rücklagen ausgleichen. Nach einigen Monaten würde aber die eigene Bevölkerung stark darunter leiden, was wiederum für das Regime gefährlich werden könnte. Denn anders als von außen auferlegte Sanktionen, die ein Volk auch zusammenschweißen können, wäre dies ein selbst gewählter Mangel.

Das heißt zwar nicht, dass der Iran irgendwann unter bestimmten Bedingungen nicht doch auf das Mittel eines Boykotts zurückgreifen könnte. Doch nach Ansicht von Johannes Reissner (SWP) ist dieser Zeitpunkt noch längst nicht gekommen. Ähnliches gilt auch für die Debatte darüber, ob Teheran die Straße von Hormus sperren und die Ölversorgung aus dem Persischen Golf heraus stoppen könnte. Durch die Meerenge verläuft der gesamte Schiffsverkehr von und zu den Ölhäfen des Iran, Kuwaits, Bahrains, des Irak, der Vereinigten Arabischen Emirate und der größte Teil des saudi-arabischen Verkehrs. Schon im Krieg zwischen dem Iran und dem Irak in den 80er Jahren wurde darüber spekuliert, ob eine solche Drohung realistisch sei. Jetzt kommen diese Überlegungen vor allem aus US-Kreisen, die sich mit den möglichen Konsequenzen eines Militärschlages gegen den Iran befassen. Unter einem solchen Szenario wäre auch eher irrationales Verhalten schwer auszuschließen. Doch in der jetzigen Situation wird der Iran wohl kaum einen solchen Schritt versuchen – einerseits, weil er selbst auf den Ölexport angewiesen ist, und andererseits auch, weil die Nachbarn in der Region es ihm sehr übel nehmen würden.

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