Zeitung Heute : Auf ein langes Leben

Wir werden immer älter – das bedeutet oft auch mehr Jahre mit Krankheit und Leid. Wer pflegt uns dann?

Leo Müller Rainer Woratschka

Zuerst die gute Nachricht: Experten prophezeien, dass die Menschen in Deutschland in gar nicht so ferner Zukunft fröhliche 100 Jahre alt werden. Das ist im Grunde keine große Überraschung. Denn schon in den vergangenen Jahrzehnten ist die Lebenserwartung in schwindelerregende Höhen geschossen: Lebten im Jahr 1965 in Deutschland 8095 Menschen, die älter als 95 Jahre waren, so sind es im Jahr 2000 schon etwa 114 000 gewesen. Das ist eine Explosion. Und das Statistische Bundesamt versichert: „Eine Obergrenze der Lebenserwartung gibt es nicht.“

Wie schön. Wie schrecklich. Denn die gute Nachricht hat eine Rückseite. Die Verheißung längeren Lebens ist auch eine Verheißung von Leiden. Die Verlängerung des Alters führt trotz aller Fortschritte der Medizin dazu, dass mehr Jahre in der Nähe des Todes zugebracht werden als früher, oft mit Krankheit und Schmerzen. Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigen das: Bis zum 60. Lebensjahr liegt das Risiko, zum Pflegefall zu werden, unter einem Prozent, bis zum 70. bei 2,1 Prozent. Dann aber steigen die Zahlen sprunghaft. Zwischen 80 und 85 sind 20 Prozent pflegebedürftig, zwischen 85 und 90 sind es 33 Prozent, bei über 90-Jährigen beträgt die Zahl der Pflegefälle 58 Prozent.

Da immer mehr Menschen immer älter werden, erhöht sich die Gesamtzahl der Pflegefälle enorm. Im Jahr 1995, als der damalige Sozialminister Norbert Blüm sein „Jahrhundertwerk“, die Pflegeversicherung, aus der Taufe hob, erwartete er, dass die Zahl der Pflegebedürftigen in den folgenden 20 Jahren auf 1,9 Millionen steigen würde. Er irrte sich gewaltig. Tatsächlich war diese Zahl schon nach sieben Jahren erreicht. Und die Prognosen sind erschreckend. 2010: 2,4 Millionen. 2020: fast drei Millionen. Und für das Jahr 2050 schwanken die Voraussagen zwischen 3,7 und 4,7 Millionen. Die Ausnahme Pflegefall wird also zur Regel.

Was das bedeutet, nicht nur in finanzieller Hinsicht, lässt sich noch kaum erahnen. Denn schon heute, bei gut zwei Millionen Pflegefällen, ist das Land im Notstand. Einen menschenwürdigen Umgang mit den Alten und Kranken zu garantieren ist offenbar nicht möglich. Zur Zunahme der Zahl der Gebrechlichen kommt nämlich eine Abnahme von Bereitschaft und Möglichkeit, Pflegefälle zu Hause in der Familie zu versorgen. Eine Folge der zunehmenden Mobilität einer modernen Gesellschaft und ihrer Tendenz zur familiären Zersplitterung.

Öffentliche und private Systeme sind kaum in der Lage, das zu kompensieren. Professionelle Dienste sind nur eine Alternative, wenn es um Kurzzeit-Einsätze geht. Bei Menschen, die rund um die Uhr versorgt werden müssen, betragen die Kosten zwischen 6000 und mehr als 10 000 Euro im Monat. Für Normalverdiener ist das – trotz Unterstützung durch die Pflegeversicherung – weit jenseits ihrer finanziellen Möglichkeiten.

Bleibt das Pflegeheim. Aber hier sind nicht selten Zustände anzutreffen, die mit Menschenwürde nicht viel zu tun haben und die Arbeit guter Heime diskreditieren. Von den gut 9000 deutschen Pflegeheimen zählt nach einer Schätzung des Berufsverbands Altenpflege etwa ein Drittel zu den schwarzen Schafen. Das ist ein vorsichtige Schätzung. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen hat immerhin bei 41 Prozent der von ihm untersuchten Heime „gravierende Qualitätsdefizite vor allem bei der Ernährung und der Flüssigkeitversorgung festgestellt“. Bei 43 Prozent fand der Medizinische Dienst Druckgeschwüre bei Bettlägerigen. Enorm ist auch die Zahl von Menschen, die unnötig mit Psychopharmaka vollgepumpt werden. Solche Zahlen haben die öffentliche Diskussion nicht unbeeindruckt gelassen. Wurden früher Berichte von Missständen in Heimen als Einzelfälle abgetan, so setzt sich inzwischen die Einsicht durch, dass hier ein ernstes gesellschaftliches Problem vorliegt. Kein Wunder, dass Menschen immer öfter zu Lösungen greifen, die nicht legal sind. In 100 000 deutschen Haushalten arbeiten derzeit nach Schätzungen Pflegerinnen aus Osteuropa. Wäre dies nicht so und würden für diese Pflegebedürftigen Leistungen aus der Pflegeversicherung abgefordert, würde das System wohl jetzt schon kollabieren.

Damit es das auch in den nächsten Jahren nicht tut, muss mehr Geld hinein. Die dicksten Posten sind die vier „D“s: Defizit, Demenzkranke, Dynamisierung, Demografiereserve. Auf jährlich sieben Milliarden Euro beziffern Experten den Bedarf. Zur Beseitigung des Dauerdefizits braucht es etwa eine Milliarde Euro. 1,5 Milliarden sind nötig, um – wie versprochen – endlich auch Demenzkranken Pflegeleistungen zukommen zu lassen. Ein ernstzunehmender Kapitalstock für den demografischen Wandel verschlänge vier Milliarden pro Jahr. Und um die seit zwölf Jahren unveränderten Leistungen wenigstens künftig zu dynamisieren, wären nochmals 500 Millionen Euro vonnöten. Unabhängig vom Nachholbedarf. Durch fehlende Anpassung ist der Realwert der Pflegeleistungen seit 1994 um mindestens 16 Prozent gesunken. Wollte man nur den alten Status Quo wieder erreichen und nicht etwa auf neue Erfordernisse und Einsichten reagieren, bräuchte man schon 2,24 Milliarden Euro. Das wären, umgerechnet, fast 0,3 Prozentpunkte.

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