Zeitung Heute : Auf einer Insel in Berlin

Die Schulfarm Scharfenberg will das erste Ganztagsgymnasium werden – und schon jetzt zieht sie immer mehr Schüler an

Katja Gartz

ANDER(E)S LERNEN: INTERNATE UND PRIVATSCHULEN

Offene Kisten mit Büchern stehen herum, ein aufgeklappter Koffer liegt auf dem Boden. Fotos, die Monate lang Wände und Schranktüren zierten, sind schon verstaut. Nur das Bett sieht aus wie immer: Ordentlich gemacht, mit blauem Batiküberwurf und plüschigem Bärenkissen. Susanne Kreßin räumt ihr Zimmer. Es ist ihr letzter Tag auf der Insel Scharfenberg.

Ihren ersten Tag erlebte sie hier vor drei Jahren. Der gebürtigen Brandenburgerin war damals das Städtchen Thale im Harz mit 13 000 Einwohnern zu eng geworden. Als Susannes Mutter aus beruflichen Gründen an einen Ortswechsel dachte, liebäugelte das Mädchen mit einem Internat. Die Insel Scharfenberg im Tegeler See in Berlin lernte sie bei einem Tag der offenen Tür kennen, hegte auf Anhieb Sympathien und besuchte hier fortan das Gymnasium. Die 19-Jährige erinnert sich noch gut an ihre ersten Eindrücke: „Die Schüler waren unglaublich offen, schnell entstanden Gespräche, und auch die Lehrer waren nett“, erzählt sie. Offene Lehrer- und Schulleiterzimmer signalisieren hier Gesprächsbereitschaft.

Ohne ein funktionierendes soziales Miteinander wäre Scharfenberg auch gar nicht möglich. Auf der 1100 Meter langen und 300 Meter breiten Insel laufen sich Schüler und Lehrer ständig über den Weg. Sie begleiten sich, essen auch gemeinsam. Die Schüler wohnen in Zwei- bis Vier-Bett-Zimmern. „Da muss man sich manchmal schon arrangieren“, sagt Susanne. Aber nach einer Weile hat jeder ein Fleckchen auf der Insel gefunden, wo er sich auch mal in Ruhe zurückziehen kann.

Am Wochenende nach Hause

Um die insgesamt 400 Schüler kümmern sich an dem staatlichen Gymnasium Scharfenberg 32 Lehrer und neun Erzieher. Im Internat leben 100 Gymnasiasten. Sie kommen aus allen sozialen Schichten und fahren am Wochenende nach Hause. Ein Internatsplatz kostet 420 Euro im Monat. So holen einige Eltern ihre Kinder mit einer Limousine ab, andere leben von Sozialhilfe.

Susanne wird heute mit lediglich sechs anderen Abiturienten das Ende ihrer Schulzeit feiern – der kleinste Jahrgang, den es je auf Scharfenberg gab. Jahrelang wurde die Schule nur kommissarisch geleitet, ein Konzept fehlte, das Image wurde immer schlechter. Die Schüler blieben aus. Doch vor einem Jahr hat der neue Schulleiter Burkhard Ost das Ruder in die Hand genommen, seitdem weht ein frischer Wind über die Insel – und er hat sich für die kommenden Jahre viel vorgenommen: Die Scharfenberg Schule will Berlins erstes Ganztagsgymnasium werden.

Dafür sind die Rahmenbedingungen durch den Internatsbetrieb bereits vorhanden. Die Schulstunden der siebenten bis zehnten Klassen werden um fünf Minuten auf 50 Minuten verlängert. Für den zusätzlichen Unterricht am Nachmittag sind zehnwöchige Praxisprojekte in den Fächern Biologie, Sport, Kunst, Musik und Informatik geplant, außerdem viele Wahlpflichtkurse und Arbeitsgemeinschaften – von Fremdsprachenunterricht über Schülerwettbewerbe bis hin zu Kochkursen.

„Inwieweit sich der neue Lehrplan in der Praxis bewährt, wird sich zeigen“, sagt Schulleiter Ost. Aber er ist zuversichtlich. Bei der Umsetzung von neuen Schulkonzepten und Ideen hat er Erfahrungen. Der ehemalige Potsdamer Oberstufenleiter rief bereits an der Voltaire Gesamtschule ein Medienprojekt ins Leben, das traditionelle und alten Medien in den Unterricht einbindet. Heute ist das Konzept fest im Lehrplan verankert.

Zu den Neuerungen in der Scharfenberg Schule zählt auch ein mithilfe von Eltern- und Firmenspenden finanziertes Freizeithaus. Es wird derzeit mit Billardtisch, Fitnessgeräten und Internetplätzen eingerichtet. Austauschprogramme mit Partnerschulen in den USA und Guatemala sollen den Fremdsprachenunterricht intensivieren. Themenblöcke zur Vorbereitung der jährlich stattfindenden „kleinen UNO Konferenz“, der „Model United Nation Conference“, werden künftig in Englisch unterrichtet.

Dem Schulleiter und Lehrer für Deutsch, Geschichte und Politik schwebt auch ein kleines Medienprojekt in Scharfenberg vor. In seinem Deutschunterricht spielen Medien jetzt schon eine Rolle. „Um Erzählformen zu lernen, schreiben wir auch Exposés und Filmtreatments“, berichtet Josef Mattes. Der Sohn der Schauspielerin schreibt gern, die Filmwelt fasziniert ihn. Deutsch ist sein Lieblingsfach. „Der Ost macht coolen Unterricht“, sagt er.

Wird der Antrag zur gymnasialen Ganztagsschule von Schulsenator Klaus Böger genehmigt, hat der Schulleiter, trotz anfänglicher Widerstände aus dem Kollegium, sein erstes Ziel erreicht. Im Juli fällt die Entscheidung. Die steigenden Schülerzahlen geben ihm jetzt schon Recht: Die Anmeldungen haben sich innerhalb eines Jahres von 60 auf 120 verdoppelt. Pro Schuljahr kann das dreizügige Gymnasium 90 Schüler aufnehmen, 30 davon werden aus anderen Bezirken zugewiesen.

In der Mensa gibt es zum Mittagessen Ravioli. Die Schulkost könnte schon ein bisschen besser sein, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Aber ein freier Blick auf den Tegeler See entschädigt für die Fertiggerichte. Wäre es weniger regnerisch, könnte man das Essen auf der Terrasse genießen.

Eine Frage drängt sich unwillkürlich auf: Ist das wirklich eine Schule oder eher ein Ferienort? „Ersteres, aber in besonderer Lage“, sagt Susanne. Sie paddelt gerne und genießt die Nähe zur Natur. Gesäumt von Wald und Wiesen führt ein mit Kopfsteinen gepflasterter Weg über die Insel – vom zentralen Gebäude mit Mensa, Sekretariat und Lehrerzimmer, zu den Schulhäusern, Sportplätzen und Wohnhäusern, vorbei an einem großen Schulgarten mit Gewächshaus, Gehegen für Gänse, Ziegen, Schafe und Pferde. „Die Tiere ersetzen manchmal sogar einen Schulpsychologen, zu ihnen gehen Schüler, wenn sie sich geärgert oder eine schlechte Note geschrieben haben“, berichtet Schulleiter Ost.

Die Biologie- und Chemielehrerin Daniela Sievers kam vor einem Jahr von einer Lichtenberger Gesamtschule auf die Insel. „Scharfenberg ist das reinste Paradies“, schwärmt sie. Ökosysteme erkunden, Wasserproben entnehmen oder Fische sezieren, kann sie mit den Schülern hier vor der Haustür. Durch die Nähe zur Natur und den Umgang mit den Tieren lernen die Schüler auch Verantwortung zu übernehmen.

Mehr Zeit füreinander

Unter den Schülern soll es wenig Konflikte geben. „Die Gewalt bleibt auf dem Festland“, sagt der Schulleiter. Aus der Sicht von Daniela Sievers ist die Insel der Grund dafür, sie wirke beruhigend. Sibylle Schultz unterrichtet Deutsch und darstellendes Spiel. Sie fährt jeden Tag von Prenzlauer Berg auf die Insel und zurück. Ihr ergeht es ähnlich: „Hier vergeht die Zeit langsamer, man nimmt sich auch mehr Zeit füreinander“.

Zwei Lehrer leben ständig auf der Schulfarm. Als es Thilo Wedemeyer vor zehn Jahren aus Kreuzberg nach Scharfenberg verschlug, war er zunächst nicht sicher, ob er diese Idylle auf Dauer aushalten würde. „Anfangs habe ich meine Wohnung am Paul-Linke-Ufer sicherheitshalber behalten“, berichtet der Englisch- und Geschichtslehrer. Doch schon bald hat er sich für die Insellage entschieden.

Hausmeister Dietrich Marzineck hätte nicht lange überlegen müssen. Er wäre gern früher gekommen, aber bis vor vier Jahren war die Stelle besetzt. Bei seinen abendlichen Inselrundfahrten mit dem Fahrrad ist er schon mal in ein Wildschwein gerauscht. Marzineck schaut in den 15 Gebäuden, Schuppen und zwischen den Ruderbooten nach dem Rechten. Zum Pinsel greift er selber, für Renovierungen fehlt das Geld.

Bei aller Idylle schmoren die Insulaner nicht im eigenen Saft. Die Großstadt ist nah, die Friedrichstraße nur 30 Minuten entfernt und eine Fähre zum Festland geht alle 15 Minuten. „Alle Schüler kennen sich hier“, sagt Susanne. Da sei es kein Problem, mal ins Kino zu kommen oder sich was aus der Stadt mitbringen zu lassen.

Noch ein letztes Mal geht Susanne Kreßin auf den Südsteg, um an diesem verborgenen und stillen Ort den Blick auf das Wasser zu genießen. Sie noch einmal geht sie ihren kaum fünf Minuten langen Schulweg entlang. Nach der Abiturfeier fährt sie in den Harz zurück. „Ich werde die Leute und die Landschaft vermissen“, sagt sie.

Näheres unter Telefon: 43 09 44 33 0 oder im Internet: www. insel-scharfenberg.de

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