Zeitung Heute : Auf Eis gelebt

Keine Fenster, keine Nachbarn, überall nur Pinguine: Eine der extremsten Wohngemeinschaften der Welt liegt in der Antarktis. Wie hält man das aus?

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Von Deike Diening Es ist nicht so, dass Maja Petzel jetzt weniger friert als vorher. Aber hätte sie nicht diese 15 Monate in der Antarktis zugebracht, immer in Kälte und neun Wochen in völliger Dunkelheit, würde sie sich jetzt nicht so wundern, wie filigran Bäume sind. „Niemand kommt als die Person wieder, als die sie gegangen ist.“ Maja Petzel ist klein, dunkelhaarig, 37 und sieht in keiner Hinsicht nach keinem Extrem aus. Und doch. Neben ihr stehen Tüten mit 13 entwickelten Filmen, die sie gerade von der Drogerie geholt hat. Ein antarktischer Winter darin, sicher eingetütet.

Maja Petzel ist seit Januar aus der Antarktis zurück. Bis dahin hat sie 15 Monate als Ärztin die deutsche Polarforschungsstation Neumayer geleitet. Einmal im Jahr wird das Überwintererteam ausgetauscht, drei Monate sind beide Teams zusammen dort, aber im antarktischen Winter, wenn sich die Dunkelheit über die Region legt und die Stürme kommen, bleiben für neun Monate neun Leute in der Kälte zurück: vier Wissenschaftler, drei Techniker, eine Köchin und Maja Petzel, Ärztin und Stationsleiterin.

Man hat ihr gesagt, sie werde zwei Jahre brauchen, um diese Zeit zu verarbeiten. Sie hält das inzwischen für realistisch.

Man weiß ja, was kommt. Man versucht, sich vorzubereiten. „Und doch“, sagt Maja Petzel, „ist die tatsächliche Erfahrung dann ganz anders.“

Was würdest du mitnehmen auf eine einsame Insel? – Zum Geburtstag vor der Abfahrt hat eine Freundin ihr einen Haufen Notizbücher geschenkt: Immer, wenn sie von nun an im Autoradio eine interessante Musik hörte, ist sie an den Rand gefahren und hat sich den Titel aufgeschrieben. Einiges Neues hat sie eingepackt, einiges Vertrautes, Geschichtsbücher, ein Sachbuch über die Zeit und Reisereportagen über warme Länder. Eine uralte Spiegelreflexkamera, 40 Filme, mehr nicht, die Motive würden sich wiederholen. Chemie für ein Schwarz-Weiß Fotolabor und sechs Kilo Wolle.

Maja Petzel wusste, dass der Raum sich verengen, aber die Zeit sich ausdehnen würde. Sie wusste, dass die Zeit eine neue Dimension erreichen würde, und sie wollte gewappnet sein. Das Wohnen und die Arbeit, die Erholung und die Feste, alles findet unterirdisch in zwei Röhren statt, die zehn Meter unter dem Eis liegen, und so langsam aber sicher vom sich bewegenden Eis zusammengequetscht werden. In den Röhren stehen die beheizten, miteinander verbundenen Container, die Zimmer, Küche, Gemeinschaftsräume und Büros bilden. Hinein gelangt man mit einer Pistenraupe über eine Rampe, oder über Treppentürme, die aus dem Schnee ragen.

Man kann ja schlecht einfach mal raus Zigaretten holen gehen, wenn man in einer fensterlosen Röhre wohnt, am südlichsten Zuhause der Welt.

Im November 2005 ziehen sie ein. „Oh, gemütlich“, denkt Maja Petzel, als sie den Gemeinschaftsraum sieht, mit der Durchreiche zur Küche, in der die Köchin kocht, und den Büchern, die sich von den früheren Überwinterern angesammelt haben. Dass der private Rückzugsraum für jeden knapp bemessen ist, sieht sie auch: acht Quadratmeter, „kleine Schläuche“, zwei mal vier Meter, ein Bett, oben ein Klappbett für die Sommersaison, wenn man sich mit dem vorherigen oder dem nachfolgenden Überwinterer das Zimmer teilt, ein Schreibtisch, ein Regal, ein Schrank. Den Schwingsessel hat sie selbst mitgebracht.

Doch wenn der Winter anbricht, sind sie in ihren Zimmern allein. Es ist die Zeit, wenn das Wundern aufhört über die weißen Weiten, über die Pinguine. Es ist nun normal geworden, dass die Bewohner die Treppentürme rauf- und runter joggen, um sich fit zu halten. Wie es normal geworden ist, aus keinem Fenster mehr gucken zu können.

Neun Menschen in zwei Röhren.

Kein Grün. Keine Vögel. Keine Autos. Nie Urlaub. Draußen fegt der Sturm. Manchmal laden sie sich vom Server einen „Tatort“ herunter. Maja Petzel baut sich eine Stehlampe.

Dann werden sie erfinderisch. Dem Elektriker, der keinen Bademantel dabei hat, nähen sie zum Geburtstag einen aus Handtüchern. Dem Ingenieur basteln sie ein kleines Modell der Neumayer-Station, dieser baut für alle einen Gyrosgrill.

Der Mensch ist ja im Gegensatz zum Tier der mit dem Werkzeug. Und das bekommt hier unten eine viel existenziellere Bedeutung, wo der Mensch zum Überleben auf das Funktionieren des Dieselgenerators angewiesen ist, der Schneeschmelzanlage, damit es Wasser gibt, der Pistenraupen, der Funkanlagen, der Satellitenanlage, der Wetterballons, des Shredders für die Tetra-Paks, der Kläranlage, dieser ganzen einzigen Maschine, die sich Neumayer-Station nennt, seit dem Jahr 1981 bewohnt und die im nächsten Jahr abgetragen wird, weil sie langsam vom Eis erdrückt wird. Dann wird eine neue Station gebaut. Der einzige Zweck ist ja die Pflege der Geräte, die Gewinnung wissenschaftlicher Daten, deshalb ist der Mensch überhaupt hier, im Eis, das man lange für ewig hielt. Daten zum Ozonloch werden gebraucht, mit einer Infraschallanlage lässt sich der Atomwaffensperrvertrag kontrollieren. Es ist wichtig, dass auch der Mensch selbst funktioniert wie ein zuverlässiges Werkzeug der Wissenschaft, obwohl hier zu wohnen bedeutet, ein extremes Leben zu führen.

Sie müssen bei minus 40 Grad draußen etwas reparieren, dann steigen sie in ihre roten Kunststoffanzüge, die nach ein paar Monaten zu riechen beginnen. Sie trainieren auf der Kraftmaschine, die Zeitung lesen sie online. Fließendes Wasser gibt es nicht, aber wer Schnee für alle in die Schmelze schaufelt, darf eine Maschine waschen. Sie spielen Tischtennis, Maja Petzel übt mit einem Veterinärblasrohr Zielen. Längst haben die umliegenden Eisberge Namen bekommen: der Schlosseisberg, der Palaoa-Eisberg, die Klagemauer.

Es ist schwer, Neues zu erleben. Die Männer lassen sich Bärte stehen. Die sechs Kilo Wolle sind zu zwei Pullovern geworden. Und wenn Maja Petzel sich mal dringend weg wünscht, dann dreht sie die 200-Watt Tageslichtlampe über ihrem Bett an, legt sich darunter und hört eine CD mit Meeresrauschen.

Am 21. Juni bindet sich der Ingenieur einen Schlips um, weil Mittwinter ist, die Sonnenwende, das größte Fest in der Antarktis. Sie kochen Curry und öffnen eine Kiste Wein. Ein gutes halbes Jahr wird ihr Aufenthalt jetzt noch dauern.

Und dann kommt das Licht wieder, und sie machen Ausflüge an die Eiskante und blicken aufs Meereis. Das hatte sich Maja Petzel jahrelang gewünscht, als sie Jahr für Jahr ihr Gespür für Eis mit Hundeschlitten in Nordnorwegen schulte. Deshalb hat sie sich beworben beim Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, deshalb hat sie zugesagt, und jetzt steht sie da nach den ganzen Entbehrungen und fühlt sich privilegiert.

„Wir haben die Robben als nächste Verwandte empfunden“, sagt Maja Petzel, und die Pinguine als nächste Nachbarn. Und dann sind da ja noch die neun Menschen. Nur sie bewahren einander vor der Vereinsamung. Und fallen sich zugleich manchmal gegenseitig auf die Nerven.

Nach dem Antarktisabkommen müssen sie 30 Meter Abstand halten zur Pinguinkolonie und fünf Meter Abstand zum Einzeltier. Und nach einem unausgesprochenen Abkommen halten jetzt auch die Menschen mit der Zeit einen größeren Abstand zueinander.

Es verlangsamt sich alles, hat Maja Petzel beobachtet. „In einem Restaurant, in dem nichts los ist, kommt die Bedienung auch nicht schneller.“ Ganz im Gegenteil. Die Bewohner haben sich an einen gerade noch bewohnbaren Punkt der Erde zurückgezogen. Jetzt ziehen sie sich auch noch in sich selbst zurück. „Es ist immer so, dass in der zweiten Winterhälfte die Kommunikation ausdünnt,“ weiß sie. Dass die neun immer weniger nach draußen telefonieren, für 50 Cent die Minute, die ihnen vom Gehalt abgezogen werden. Nur die Familienväter und -mütter halten Kontakt. Maja Petzels Mutter schickt Faxe.

Der Tiefpunkt ist die „Zettelphase“, in der sie untereinander nur noch mit Zetteln kommunizieren. Nein, beschließen sie dann, wir machen das nicht mehr, das ist ja kindisch.

Die Nachrichten aus der Welt wirken plötzlich oberflächlich, viel Kleinkram, aber wer lebt schon so auf das Grundsätzliche reduziert, wie die neun in der Antarktis? Drei Beziehungen zerbrechen per E-mail und Telefon.

Manchmal hört man das Knacken, wenn das Eis die Röhren bewegt.

„Man darf nicht zu lange darüber nachdenken, dass man sich in einer lebensfeindlichen Umgebung bewegt,“ sagt sich Maja Petzel. Sie sind Fremdkörper in der Antarktis. Ihre Ausscheidungen laufen durch die biologische Kläranlage der Station, Feststoffe gehen laut Antarktisabkommen gepresst nach Deutschland zurück. Biologisches wird luftdicht verschlossen. Dosen werden gepresst. Restmüll auch. Saftkartons werden geschreddert und gepresst, Papier und Sonderabfälle extra.

Und weil es da unten keine Viren gibt, keine S-Bahnen, in denen man sich anstecken könnte, keine Kandidaten für die Tröpfcheninfektion, wird körperlich lange niemand krank. Die Ärztin Maja Petzel hat viel Zeit. Die Stationsleiterin Maja Petzel dagegen muss sich viel kümmern um die Gruppe, die Kommunikation und die Disziplin. Die Wissenschaftler haben einen straffen Tagesablauf, die Meteorologin muss alle drei Stunden die Wetterbeobachtungen einholen, Wolken beobachten, Wind und Niederschlag messen. Die Instrumente zeigen die Zeit. Aber es ist egal, ob Petzel die Inventur nachts macht. Und wenn man wegen der Bewölkung im Schnee die Kontraste schlecht sehen kann, dann arbeitet der, der die Rampe schneefrei halten muss, lieber nachts bei Scheinwerferlicht. Einige schlafen bis zwölf.

„Ab August wird es schwierig“, dann wird es heller. Irgendwann fingen die Münchner an, von ihren Kneipen zu erzählen. Da wussten sie, es war Zeit.

Im Mai bringt das Forschungsschiff „Polarstern“ den Rest ihrer Sachen. Sie haben jetzt bis zum Sommer Urlaub. Maja Petzel ertappt sich dabei, wieder zur Berliner S-Bahn zu rennen, dabei kommt in zehn Minuten die nächste. „Es gab eine Zeit, da waren zehn Minuten überhaupt nichts.“ Menschen werden ihr schnell zu viel. Sie bestellt jetzt oft im Internet. Oder sie geht in die Läden, wenn dort nicht so viel los ist.

Und sie hat das dringende Gefühl, sie müsse bald wieder ins Eis.

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