Zeitung Heute : Auf Entdeckungsreise

„Ich will das wirklich gut machen“: Eva Köhler wägt sorgsam ab, was sie tut. Jetzt erst, fünf Monate nach der Wahl ihres Mannes zum Bundespräsidenten, hat sie erste große Auftritte

Elisabeth Binder

Sie steht im großen Fenster der ungarischen Botschaft und bewundert das slowenische Staatsporzellan, das dort ausgestellt ist. Im Hintergrund formieren sich kleine Grüppchen von Botschaftern und ihren Frauen, die darauf hoffen, Eva Köhler vorgestellt zu werden. Mit ihrem ersten großen öffentlichen Auftritt hat sich die Frau des Bundespräsidenten Zeit gelassen. Erst fünf Monate nach der Wahl ihres Mannes zum Bundespräsidenten absolviert sie ihr Solodebüt bei der Eröffnung einer Ausstellung über die europäische Tafelkultur.

In diesen fünf Monaten hat sich das Leben der Eva-Luise Köhler dramatisch verändert. Die Lehrerin und Mutter von zwei Kindern lebte zuvor mit ihrem Mann völlig unbeachtet von der Öffentlichkeit in Bonn, London und Washington. Und nun plötzlich auf dem Präsentierteller. Jedes Wort, das sie in der Öffentlichkeit sagt, wird aufmerksam notiert und interpretiert. Was trägt sie beim Staatsbesuch? Und was beim Presseball? Für die Ausstellungseröffnung hat sie sich für ein rotes Jackett mit schwarzem Kragen entschieden.

In diesen Wochen und Monaten gilt es für sie, sich selbst und ihrem Mann in Berlin ein neues Zuhause zu schaffen. Einen Chor hat sie schon gefunden. Zum Glück, denn das war wichtig. Die Liebe zur Musik zieht sich durch Eva Köhlers Leben. Daheim in Ludwigsburg, da waren sie drei Mädchen, und damals musste man ja immer noch Geschirr spülen und abtrocknen. Dabei haben sie immer lauthals gesungen, alle Lieder, die ihnen einfielen. In Berlin mit einem Chor aufzutreten, dazu werde kaum Zeit bleiben, sagte sie ein bisschen traurig bei einem ihrer ersten Interviews in der neuen Rolle. Sie werde häufiger fehlen müssen, wegen der Auslandsreisen. Aber sie könne ja zu Hause üben. „Singen ist einfach gut für die Seele“, sagt sie.

Sie kommt aus einer Familie, in der viel musiziert wurde – nicht nur in der Küche. Manchmal nahmen sie Stücke in einem Tonstudio auf. Auch sie hat da vor den Mikrofonen Klavier gespielt, mit klammen Fingern, denn man konnte eine Aufnahme nicht beliebig oft wiederholen. Das musste – schon aus Kostengründen – beim ersten Mal klappen. Einige der alten Platten und Kassetten mit den Hauskonzerten der Familie hat ihr Mann ihr zum 50. Geburtstag auf CD überspielen lassen.

Jetzt sitzt sie auf dem blauen Sofa im Gästehaus des Bundespräsidenten im schlichten, grau-schwarz gestreiften Rock, mit schwarzem Pullover und Silberkette auf dem blauen Sofa. Und sie erzählt die Geschichte, wie alles begann mit ihr und ihrem Mann. Sie erzählt sie immer wieder gern, und dabei wird sie richtig ausgelassen. Wie sie aus dem Film „Das siebte Siegel“ von Ingmar Bergman kam. Und der Junge, den sie schon vom Sehen kannte, kam auch da heraus. Es fing an zu regnen, und sie hatte einen Schirm und er keinen… „Sie ist wirklich wahr, die Geschichte“, lacht Eva Köhler, „so schön und auch noch wahr!“ Erst mal beschäftigte sich das junge Paar dann aber mit durchaus ernsten Dingen. Man las und diskutierte die Gedanken des Philosophen Eduard Spranger. Später unterhielten sich die beiden allerdings auch über vergnüglichere Themen. Eine Hochzeit zum Beispiel. Die fand 1969 statt.

Eva Köhler bekam zwei Kinder, gab ihren Beruf als Lehrerin auf. Jetzt, da die Kinder groß sind, tritt sie mit ihrer neuen Aufgabe in eine ganz andere Art von Berufstätigkeit ein. Von den vielen sozialen Projekten, die an sie um Unterstützung herantreten, hat sie sich für Unicef entschieden und für die Deutsche Aids Stiftung, denn mit dem Thema Aids hat sie sich auf Reisen in Afrika bereits intensiv auseinander gesetzt. In der Tradition ihrer Vorgängerinnen engagiert sie sich auch für das Müttergenesungswerk.

Förderung der Familie ist ohnehin ein Thema, das sie sehr beschäftigt. Familie prägt ihr Wertesystem nachhaltig. Denn genau dort lebt man das, was ihr wichtig ist. Einerseits Rücksichtnahme, andererseits Durchsetzungsfähigkeit und die Kunst, Konflikte zu lösen, man lernt Verantwortung zu übernehmen und Mitgefühl. Und man erfährt Geborgenheit. Gerade, wenn es schwierig wird. Obwohl Eva Köhler möchte, dass ihre erwachsenen Kinder ein unbehelligtes Leben führen können, jenseits vom Scheinwerferlicht – so ganz kann sie das Private doch nicht der Öffentlichkeit entziehen. So ist allgemein bekannt, dass ihre Tochter als Teenager erblindete. Derzeit steckt sie im Examen und lebt ihr eigenes Leben ganz selbständig. Wenn Eva Köhler soziale Einrichtungen besucht, wie kürzlich eine Kinderkrebsklinik, dann weiß sie genau, was Mütter von kranken Kindern empfinden.

In die Arbeit ihres Mannes will sich Eva Köhler nicht einmischen. „Es ist aber schon so, dass wir über viele Themen diskutieren“, sagt sie, „das ist doch ganz natürlich.“ Offenbar trägt sie ihn vor allem auf eine eher unsichtbare Weise, wirkt, wie es von außen manchmal scheint, beruhigend auf ihn ein, wenn es nötig ist. Allerdings, fügt sie hinzu, hätten sie in vielem eine ähnliche Sichtweise. Und sie findet es gar nicht überraschend, dass jemand, der wie ihr Mann in einem eher harten wirtschaftlichen Karriereumfeld tätig war, dabei ausgeprägte soziale Prioritäten behält. Vielleicht, gibt sie zu bedenken, sei die Erwartung, man müsse alles Soziale im Geschäftsleben verlieren, einfach falsch. Auf die Frage, wie sie selbst gern behandelt werden würde, lacht sie. „Nicht schonend.“ Sie wünscht sich, dass alle alles sagen.

So ganz neu ist für die Köhlers das neue Leben in Berlin indessen gar nicht. Zum einen haben sie hier alte Freunde aus Bonner Zeiten wiedergetroffen, zum anderen haben sie sich ja schon vor zwei Jahren mit der Stadt vertraut gemacht, als sie in Berlin eine Wohnung suchten. „Wir wollten nach der Zeit beim Internationalen Währungsfonds ohnehin nach Berlin, weil wir dachten, es ist eine interessante, reizvolle Stadt.“ Dass dieser Wunsch so schnell wahr werden würde, damit hatten sie allerdings nicht gerechnet.

Manchmal reagieren die Leute überrascht, wenn sie den Bundespräsidenten und seine Frau plötzlich einfach so irgendwo im Park treffen. Für Eva Köhler ist es ganz selbstverständlich, dass sie sich in ihren freien Stunden die Stadt gemeinsam erschließen. „Jetzt sind wir noch auf Entdeckungsreise“, erzählt sie, „wir schauen uns gerne die Museen an, aber auch die Natur, freuen uns auf Konzerte. In Berlin hat man ja einerseits internationales Flair und andererseits ganz heimelige kleine Viertel.“

Die damals gekaufte und inzwischen renovierte Wohnung können sie nun doch nicht beziehen, aus Sicherheitsgründen. Wenn sie von ihren Erlebnissen bei der Wohnungssuche erzählt, wirkt sie wieder ganz ausgelassen. Der Schwabe am Kollwitzplatz, der alles so gründlich renoviert hat, aber darüber vergaß, dem Haus seinen Charme zu lassen, der war ihr vom Typ her vertraut. Sie ist sich des schwäbischen Erbes bewusst.

Dass ihre Auftritte, wie beim Konzert der britischen Königin oder beim Presseball, durchaus Gesprächsthema werden, daran muss sie sich erst gewöhnen. Selber mag sie sich zum Grad ihrer eigenen Eleganz auch nicht äußern. Nur so viel: In ihrer Heimat habe man viel Sinn für guten Stoff und guten Schnitt, aber es darf um Himmels willen nicht protzig sein.

Über das rote Jackett mit dem schwarzen Kragen, das sie bei der Ausstellungseröffnung trug, wurde übrigens gar nicht weiter geredet. Dass sie zwei Stunden lang geblieben ist und ohne Berührungsängste mit vielen Menschen gesprochen hat, hat die Gäste davon völlig abgelenkt. Ein bisschen waren die Gastgeberinnen besorgt, weil Eva Köhler es am Ende gar nicht mehr geschafft hat, noch bis zum Büfett durchzudringen. Angesichts der bestandenen Feuerprobe war ihr das wohl nicht so wichtig. Ihr neues Ehrenamt nimmt sie nämlich sehr ernst. Und ist fest entschlossen: „Ich will das wirklich gut machen.“ In diesen Tagen, beim Staatsbesuch in Afrika mit seinen zahllosen öffentlichen Auftritten, wird sie dazu reichlich Gelegenheit haben.

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