Zeitung Heute : Auf Entfernung

Die Kritik an Jürgen Klinsmanns Fernbleiben zeigt vor allem eines: Sein System funktioniert noch nicht

Wolfram Eilenberger

Fußball-Bundestrainer Jürgen Klinsmann wird wegen angeblich mangelnder Präsenz in Deutschland kritisiert. Kann er sich ein solches Verhalten erlauben?


Drei Monate vor der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland ist Jürgen Klinsmann Trainer der Nationalmannschaft. Dieser Satz versteht sich nicht von selbst. Noch vor weniger als zwei Jahren lag er jenseits des Vorstellbaren. Als Notberufung aus dem amerikanischen Exil, ohne Berufserfahrung, stieg Klinsmann im Sommer 2004 zur mächtigsten Person im deutschen Fußball auf.

Klinsmann nutzte das Machtvakuum, das zu seiner Berufung verhalf, in außerordentlich geschickter Weise. Das Verhältnis zwischen ihm und seinem Arbeitgeber war vom ersten Treffen an durch Asymmetrie bestimmt. Der DFB war hilflos und desorientiert, Klinsmann wusste, was er wollte. Das Desaster der Europameisterschaft erforderte einen radikalen Schnitt, Klinsmann präsentierte ein eilig angefertigtes Konzept – und diktierte fortan die Spielregeln. Der Ankündigung, „den ganzen Laden auseinander zu nehmen“, ließ er überraschenderweise Taten folgen.

In den ersten 12 Monaten seiner Amtszeit verfolgte Klinsmann eine Strategie, die zunächst in der Zerschlagung alter Netzwerke bestand. Auf dem Feld bestand sie in einer konsequenten Verjüngung und Verantwortungsverlagerung, im Betreuerstab besetzte er Schlüsselpositionen neu – vom Torwarttrainer bis zum Pressesprecher. Mit dem erfreulichen Auftreten beim Confederations-Cup 2005 wähnte Klinsmann sein Projekt vollends gesichert – eine Fehleinschätzung. Klinsmann hat in den vergangenen Monaten gleich in dreifacher Hinsicht überzogen: institutionell, spieltaktisch und in der Außendarstellung.

Ohne eigenes Bekenntnis zu seiner beruflichen Zukunft wollte er dem DFB Strukturentscheidungen aufzwingen, die weit über die Zeit nach der WM hinausweisen – und scheiterte mit der Berufung eines Hockeytrainers als Koordinator. Der DFB setzte in dieser Situation ein erstes Widerstandszeichen und vergab den Posten an Matthias Sammer, einen Trainerhandwerker, der in der Vergangenheit durch vieles, jedoch weder durch eigene Innovationskraft noch durch Führungsgeschick aufgefallen ist. Kurz, an einen Anti-Klinsmann. Ohne Not wurde so ein Schattentrainer geschaffen, der den Medien ein leichtes Spekulationsobjekt ist.

Taktisch hielt Klinsmann mit einer sichtbar mittelmäßig begabten Mannschaft an seiner offensiven Taktik fest. Das Fiasko von Florenz war keine Überraschung und auch kein Missgeschick. Es war – auch vor dem Hintergrund der vorangegangenen Leistungen – erwartbar. Und spätestens nach der Partie wurde klar, dass Klinsmann die Situation auch psychologisch falsch einschätzte. Seine Lieblingsmetapher von einem „Entwicklungsweg“ war hohl geworden. In zwei Monaten, so viel begreift jeder, entwickelt sich keine Mannschaft, allenfalls festigt sie sich. Doch selbst der aufmerksamste Beobachter kann heute nur einen einzigen Namen nennen, der ganz sicher in der ersten Elf des Eröffnungsspiels stehen wird: Michael Ballack. Der Rest ist offen, fatal beliebig. Dennoch hielt Klinsmann unbeirrt lächelnd an seiner Rhetorik von Entwicklung und Lernprozessen fest, ließ kein Umdenken erkennen. Das Vertrauen in sein Konzept ist erschüttert – nicht zuletzt bei seinen jungen Spielern.

Eine Ersetzung des Cheftrainers weniger als 100 Tage vor der WM erscheint schlicht ausgeschlossen. Von Seiten des DFB wird sie sicher nicht angestrebt. Doch sollte man die Eigendynamik einer Medienkampagne, der Franz Beckenbauer nun den offiziellen Segen gab, nicht unterschätzen. Die Torwart-Entscheidung Kahn oder Lehmann liegt noch vor Klinsmann. Und sollte wirklich Jens Lehmann den Zuschlag erhalten, ist der nächste Boulevardsturm gegen den Bundestrainer gewiss.

Mit der Entscheidung schließlich, nur einen Tag nach dem Desaster von Florenz die Distanz des kalifornischen Exils aufzusuchen, hat Klinsmann einen schweren und vielleicht sogar entscheidenden Fehler begangen. Mag sein, dass seine Anwesenheit auf der Trainertagung sachlich nicht erforderlich ist. Aber das trifft auch auf die Teilnahme Franz Beckenbauers sowie weiterer 22 Nationaltrainerkollegen zu. Klinsmanns Fernbleiben ist nicht nur ungeschickt, sondern auch unhöflich. Und sie bestärkt einen Eindruck, der schon bald zur öffentlich geteilten Gewissheit werden könnte: Jürgen Klinsmanns berufliche Zukunft liegt seit letztem Mittwoch wieder auf dem Platz. Und angewendet auf den Fall der deutschen Nationalmannschaft bedeutet das: Sie ist höchst gefährdet.

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