Zeitung Heute : Auf Erfolgskurs

Die Wirtschaft nimmt Bachelor und Master langsam an. Der Durchbruch auf dem Arbeitsmarkt wird in einigen Jahren erwartet

Fred Winter

In Zeiten fortschreitender Globalisierung gehen die Uhren auch in Deutschland schneller. Waren die Begriffe Bachelor und Master vielen Unternehmenschefs zum Jahrtausendwechsel noch nahezu unbekannt, haben sich die neuen Abschlüsse mittlerweile in der deutschen Wirtschaft herumgesprochen. Vor allem große Konzerne kennen sie aus dem internationalen Geschäft.

Bereits in über 80 Prozent aller Länder verlassen die Absolventen ihre Universität mit dem Bachelor- oder Masterabschluss. Bis 2010 sollen diese internationalen Abschlüsse die bisherigen Diplome, Magister und Staatsexamen auch in Deutschland ablösen. Sogar die obersten Gralshüter des deutschen Ingenieurdiploms, der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) in Düsseldorf, haben die Zeichen der Zeit erkannt: „Ein weltweit einheitliches Studiensystem schafft mehr Mobilität und ermöglicht eine bessere arbeitsmarktbezogene Qualifizierung“, sagt VDI-Präsident Eike Lehmann. Um die heilige Kuh des Diploms nicht gänzlich zur Schlachtbank zu führen, legt er nach: „Jedoch muss die hervorragende Qualität der bisherigen Ingenieursausbildung in Deutschland gesichert sein.“

Die Industrie sieht vor allem die Gefahr, dass die neuen, kürzeren Studiengänge mit Faktenwissen überfrachtet werden und soziale Kompetenzen zu kurz kommen. „Wir dürfen die Absolventen nicht durch zu viel Frontalunterricht verschulen“, warnt Klaus-Jürgen Wilhelm, Marketingchef des Energietechnikunternehmens ABB. Erfahrungen mit den neuen Abschlüssen gibt es allerdings kaum, denn „bisher haben wir nur wenige deutsche Absolventen mit Bachelor oder Master eingestellt“, gibt Wilhelm zu.

Der Stifterverband der deutschen Wissenschaft hat schon vor einem Jahr die Personalchefs der größten deutschen Unternehmen zusammengetrommelt, um die Industrie auf die Veränderungen an den Hochschulen einzustimmen. „Dieser Prozess kommt einer jahrelangen Forderung der Wirtschaft entgegen: jüngere Absolventen mit praxisbezogener Hochschulausbildung und international vergleichbaren Studienabschlüssen“, sagt Norbert Bensel, Personalvorstand der Deutschen Bahn AG. „Es ist wichtig, für diese Absolventen auch Einstiegsmöglichkeiten in den Arbeitsmarkt zu schaffen.“ Die Liste der Unterzeichner der Deklaration „Bachelor’s welcome“ des Stifterverbandes liest sich wie das „Who is Who“ der deutschen Personalmanager. Dieses Trommelfeuer zeigt Wirkung, auch bei den kleinen und mittelständischen Betrieben, die traditionell eher dem deutschen Arbeitsmarkt verhaftet sind und ihren Nachwuchs kaum außerhalb der Grenzen rekrutieren.

Eine taufrische Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln kommt zu dem Schluss, dass Bachelorabsolventen mittlerweile in zwei Dritteln der Unternehmen die gleichen Karrierechancen haben wie traditionelle Absolventen mit Diplom oder Magister. In Unternehmen, die bereits Bachelorabsolventen beschäftigen, steigt dieser Anteil auf 73 Prozent. Befragt wurden mehrere Tausend Unternehmen aus allen Branchen.

Trotz der vollmundigen Versprechungen der Personalchefs zeigten sich allerdings auch Defizite: Nur ein Viertel der größeren Unternehmen gab an, bereits Bachelorabsolventen eingestellt zu haben. Zwei Drittel aller Firmen mit mehr als 500 Mitarbeitern haben mit ihnen bislang noch keine Erfahrungen gemacht. Bei Unternehmen mit 50 bis 500 Beschäftigten klafft diese Schere noch weiter: Nur fünf Prozent beschäftigen Absolventen mit Bachelor.

Der klassische Diplomingenieur dürfte allerdings binnen weniger Jahre aussterben. Deshalb verwundert es nicht, dass fast 80 Prozent aller befragten Unternehmen den Bachelor als Einstiegsqualifikation akzeptieren. Vorbehalte gegen die neuen Abschlüsseäußerten ein Zehntel aller Unternehmen, vor allem kleine Firmen zeigten Informationsdefizite.

Und: Wer mit einem Bachelor ins Unternehmen einsteigt, muss sich bisher deutlich länger als der Inhaber eines Diploms bewähren, bevor sie oder er die Karriereleiter nach oben steigen darf. Durch längere Aufstiegszeiten und damit einhergehend geringeres Einkommen macht der Absolvent unter dem Strich kaum etwas gut. Nur wer einen Master dranhängt, kann bis in die Chefetage durchstarten. Mehr als die Hälfte der Unternehmen haben dies in der Umfrage des IW klar bestätigt.

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