Zeitung Heute : Auf gefährlich hohem Stöckelschuh

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Von Elisabeth Binder

Die Kulisse: der kleine Saal 143 im Berliner Landgericht. Die Szene: Ein so genanntes Luder erreicht sein Klassenziel. Etwa 50 Kameraleute und Fotografen balgen sich um die besten Fotos von Djamile Rowe, Botschaftsluder a. D. Hätte sie sich beim normalen Casting angestellt, hätte sie lange ackern müssen für ein solches Blitzlichtgewitter. Der große Auftritt mit eigenen Bodyguards bildet heute gewissermaßen die Krönung von Kleinmädchensehnsüchten nach Ruhm und Bedeutung. Einige Fotoreporter warten seit dem frühen Morgen, um die Frau im schwarzen Hosenanzug zu sehr hohen und sehr spitzen Stöckelschuhen abzulichten. Schützend legt der Anwalt die Hand um die schmale Taille seiner für diesen Auftritt perfekt geschminkten Mandantin.

Nach ungefähr 15 Minuten meldet sich aus dem Hintergrund eine Stimme. Ach ja, genau, die Richterin, die ist ja auch noch da. Ende des Foto-Shootings. Beginn der Verhandlung Rowe/Borer. Die dauert etwa anderthalb Minuten. Thomas Borer, der frühere Schweizer Botschafter, der im Zuge einer Kampagne des Zeitungshauses Ringier wegen einer angeblichen Affäre mit Frau Rowe seinen Posten verlor, lässt sich durch seinen Anwalt vertreten. Die Kontrahentin beschränkt sich aufs Posieren, das Sprechen übernimmt ihr Anwalt. Der Kernsatz geht ungefähr so: „Die Antragsgegnerin nimmt ihren Widerspruch gegen die einstweilige Verfügung zurück.“ Schluss. Aus. Das soll schon alles gewesen sein?

Da hatten sich die Zuschauer-Experten in dieser Angelegenheit so schön die Wartezeit vertrieben mit Spekulationen. Gehört das Luder ins Gefängnis, schon zur Abschreckung? Schließlich hat ein Mann wegen unbewiesener Sex-Vorwürfe seine Karriere aufgeben müssen, seine Frau verlor ein Kind. Der Ringier-Verlag verlor an Glaubwürdigkeit. Und der Stuhl des Schweizer Außenministers, der dem Druck des Boulevards nicht standhielt, wackelt auch. Die Frage, was da war und ob da was war, heizte die Vorfreude auf einen möglichst dessousreichen Prozess zusätzlich an. Aber nein, darum ging es doch gar nicht! Geduldig gibt ein Anwalt einer Gruppe von eifrig kritzelnden Reportern eine kostenlose Jura-Lektion: „Es ging hier nie darum, was stimmt oder nicht, es ging nur um die Wahrung der Privatsphäre.“ Also darum, ob Djamile Rowe in der Öffentlichkeit über Privatangelegenheiten sprechen darf, in denen der Ex-Botschafter eine Rolle spielt. Darf sie nicht, hatte die einstweilige Verfügung befohlen. „Ich will aber doch“, hatte sie Widerspruch eingelegt. Wer alle seine Mädchenträume wahr macht, braucht Geld. Ludergeschichten bringen Geld. Erst am Sonntag räumte der Verleger Michael Ringier in einer ausführlichen Entschuldigung an Thomas Borer ein, dass Djamile Rowe 10000 Euro bekommen habe. Und nun will sie gar nicht mehr über Privatangelegenheiten reden? Ja, hat sie denn schon genug Geld? Oh je, wer hier noch dem Grundkurs des Anwalts lauscht, den das mitleidige Feixen seiner Kollegen aus dem Gericht begleitet, verpasst draußen schon wieder einen als Auftritt getarnten Schachzug.

Djamile R. und ihr Rechtsvertreter sind im Treppenhaus ein halbes Stockwerk hochgeklettert, zu ihren Füßen recken sich die Kameras und Mikros empor. Was Frau Rowes Anwalt dort verspricht, ist nichts weniger als eine Fortsetzung. Die eidesstattlichen Erklärungen seiner Mandantin könnten zwar keine strafrechtlichen Folgen haben, weil sie nicht bei Gericht eingereicht worden seien. Anders sehe das mit den Erklärungen des Verlegers und der involvierten Klatschreporterin aus. Sollte sich herausstellen, dass die beiden nicht die Wahrheit und zwar die ganze Wahrheit gesagt haben, gehe es zum ersten Mal um strafbares Handeln. Wer Ringier, der sich mit Thomas Borer inzwischen außergerichtlich geeinigt hat und dafür Millionen bezahlt haben soll, nun angesichts solcher Drohungen schon im Kerker schmachten sieht, dürfte die Macht des Geldes wieder unterschätzen. In diesem Wirrwarr von Erklärungen und Verfügungen gibt es wohl nichts, was ein fettes Bündel Fränkli nicht strafvertretend regeln könnte. Dem Gerichtssaal bleibt damit vor allem die Rolle einer ernsten Kulisse fürs Foto-Shooting auf gefährlich hohen Stöckelschuhen.

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