Zeitung Heute : Auf gepackten Kisten

Immer mehr Firmen wagen den Umzug in die Hauptstadtregion und schaffen Arbeitsplätze

Alexander Heinrich

In der Köpenicker Straße geben sich die Neuankömmlinge die Klinke in die Hand. Einst lag das Gebiet um die Oberbaumbrücke zwischen Kreuzberg und Friedrichshain im toten Winkel von Mauer und Spree. Heute entwickelt sich das Gebiet zu einem der wichtigsten Medienstandorte in Berlin und seine Anziehungskraft reicht in die ganze Republik. Immer mehr Redaktionen, Medienfirmen und Werbeagenturen lassen sich im Windschatten der Branchenriesen Universal Music und MTV auf beiden Seiten der Spree nieder. Gerade haben die Initiative Projekt Zukunft und der Berliner Senat die Köpenicker Straße zum Standort des Monats Januar gewählt. Einer der neuen Mieter: Die Musikzeitschrift Spex, die den Umzug von Köln nach Berlin gewagt hat.

Nicht nur für die Medienbranche hat Berlin Sogwirkung: Immer mehr Unternehmen eröffnen Servicecenter und Verwaltungszentren, verlagern ganze Produktionzweige oder bauen ihren bestehenden Standort aus. „Berlin zieht an“, sagt Roland Engels, scheidender Geschäftsführer der Berlin Partner GmbH, die im Auftrag des Senats für den Standort wirbt und Neuansiedlungen begleitet. Das Jahr 2006 war dabei das erfolgreichste seit sechs Jahren: 88 Neuansiedlungen brachten knapp 5000 neue Arbeitsplätze nach Berlin. 300 Millionen Euro wurden dabei investiert. In Brandenburg entstanden 3500 Arbeitsplätze durch Neuansiedlungen – und in dieser Rechnung sind die 1000 geplanten Arbeitsplätze in der Conergy-Solarfabrik in Frankfurt/Oder noch nicht enthalten.

Rund die Hälfte der neuen Jobs entstanden in den Bereichen Dienstleistungen, Medien und Kommunikation. Zum Beispiel beim Versandhändler Quelle. Im Frühjahr eröffnet der Konzern ein neues Kundenservicezentrum. Der Standort: Ein ehemaliges Industriegelände in der Köpenicker Straße. „Wir haben uns für Berlin entschieden, weil wir hier in kürzester Zeit Personal gewinnen können“, sagt Gerd Koslowski von Karstadt/Quelle. Zusätzlich zu den 270 bestehenden Arbeitsplätzen sollen 750 neue entstehen, im Februar beginnt bereits der Probebetrieb. Die Berlin Partner GmbH hilft bei der Suche nach Personal und vermittelt gezielt Arbeitslose und Arbeitssuchende aus der Region.

Auch Industrieunternehmen beginnen sich wieder für den Standort Berlin zu interessieren. So verlagerte im Sommer 2006 Menarini Diagnostics, ein Tochterunternehmen von Berlin-Chemie, seinen Standort von Neuss in die Hauptstadt. Mit dem Umzug sollen die Synergien mit Berlin-Chemie in Berlin-Adlershof verstärkt werden, 50 zusätzliche Arbeitsplätze kamen mit dem Umzug nach Berlin. Bereits Ende 2005 bezog der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF ein neues Verwaltungsgebäude in Berlin Friedrichshain mit 500 Mitarbeitern. Das neue Zentrum bündelt Personal- und Rechnungswesen des Konzerns für rund 100 Standorte und BASF-Tochterfirmen in Europa. Entscheidend für Berlin sei die hohe Zahl qualifizierter Fachkräfte mit guten Fremdsprachenkenntnissen gewesen, sagt BASF-Personalchef Hans-Carsten Hansen. Zusätzlich hätten niedrige Immobilienpreise und eine gute Infrastruktur gelockt.

Hinzu kommt noch der Hauptstadtbonus: In Berlin ist der Weg zu den Ansprechpartner in Politik und Verbänden nicht weit. „Wenn Berlin die Hauptstadt ist, was sollen wir dann in Essen?“ fragt Claudia Fasse von Coca-Cola Deutschland. 2003 fasste Coca-Cola mehrere Unternehmensbereiche unter einem Dach in der Berliner Friedrichsstraße zusammen. Ein positiver Nebeneffekt solcher Neuansiedlungen: Auch die bereits in Berlin ansässigen Firmen können sich über Aufträge freuen: „Wir schauen uns für unsere Werbung und das Marketing unter Berliner Firmen um“, sagt Fasse. 160 Arbeitsplätze sind bei Coca-Cola von Essen nach Berlin verlegt worden, nur 80 Mitarbeiter zogen mit. Nicht jeder Arbeitnehmer war so flexibel, dem Unternehmen an den neuen Standort zu folgen, sagt Fasse. Neben dem logistischen Aufwand bedeutet ein Ortswechsel deshalb immer auch ein Risiko: Für die Mitarbeiter den Verlust des Arbeitsplatzes, für die Firma Aufwand bei der Suche nach neuem Personal. Darin liegen aber auch Chancen: So nutzte Universal-Music den Umzug, um sich personell mit kreativen und qualifizierten Mitarbeitern aus Berlin zu verjüngen.

Berlin ist angesagt, nicht nur als Wirtschaftsstandort, sondern als Ort zum Leben. „Wir haben keine Probleme Mitarbeiter davon zu überzeugen, nach Berlin zu ziehen“, sagt Matthias Ettrich, Geschäftsführer von Trolltech. Das norwegische Softwareunternehmen eröffnete 2006 seine Deutschlandfiliale im Technologiezentrum Berlin-Adlershof und schuf bisher zwölf neue Arbeitsplätze. „Entscheidend ist natürlich die erstklassige Ausbildungslandschaft.“

Im Vergleich zu Trolltech ist der Umzugsweg beim Lichtsystemhersteller Uwe Braun aus Lenzen in der Prignitz zwar eher kurz. Die Nähe zu Bildung und Forschung sucht allerdings auch er. Bis 2011 sollen 400 neue Arbeitsplätze im Wissenschaftspark Potsdam-Golm entstehen. Im November 2006 wurde der Grundstein für die neue Produktionsstätte gelegt. „Potsdam ist einfach eine Stadt, die Potential hat, wir haben das Gefühl, das man hier etwas bewegen kann“, sagt Unternehmenssprecherin Andrea Braun, die Ehefrau des Unternehmensgründers. Der bisherige Standort in Lenzen in der Prignitz soll nicht aufgegeben werden, im Gegenteil: „Wir werden dort sogar weiter einstellen“, sagt Braun. Allerdings fehlt im ländlichen Raum in Norden Brandenburgs der Nachwuchs. „Wir brauchen Informatiker und Elektroingenieure und hoffen natürlich, hier unsere Personal rekrutieren zu können“, sagt Braun. In Potsdam werden die Universität, mehrere Max-Planck-Gesellschaften und ein Fraunhofer-Institut zu den Nachbarn zählen.

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