Zeitung Heute : Auf gesunde Ernährung pfeifen

Sigrid Kneist

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Meine Tochter ist echte Berlinerin. Deshalb verspürt sie manchmal Heißhunger auf Döner. Ich bin keine echte Berlinerin, ich verspüre nie Heißhunger auf Döner. Nur in meinem ersten Jahr habe ich einen probiert, aber das ist schon so lange her, dass ich mich gar nicht mehr richtig erinnern kann. Als Kind des Ruhrgebiets halte ich es eher mit Pommes rot-weiß. Charlotte hat Döner über ihre Freundinnen kennen gelernt.

Letztens war es so weit, dass es bei ihr wieder Döner sein musste, und Freundinnen waren nicht in der Nähe. Also bin ich mit ihr in den türkischen Imbiss gegangen. Schon die Speisetafel überfordert mich. Warum ist ein Döner mit Salat teurer als einer ohne, und was, bitte schön, ist ein Dürüm-Döner. Als Döner-Novizin bin ich hilflos. Charlotte kann auch nicht sagen, was ein Dürüm-Döner ist, aber sie weiß, Soße muss auf jeden Fall drauf, Knoblauchsoße. Irgendwie peinlich, man lebt fast ein Vierteljahrhundert in der Stadt und kann nicht mal vernünftig einen Döner bestellen. Allerdings weiß ich auch nicht, ob es in Berlin die Currywurst mit Darm sein muss oder ohne. Gegessen haben wir dann einen Dürüm-Döner mit Salat – und Knoblauchsoße.

Der Döner ist nicht folgenlos geblieben. Er scheint in mir eine verborgene Lust auf Junk-Food geweckt zu haben. Am nächsten Tag fülle ich den Einkaufswagen mit Pommes, Tiefkühl-Pizza, Mini-Wienern, thailändische Yumyum-Nudeln, Ketchup und Mayonnaise (82 Prozent Fett), Cola, Fanta und Spezi. Charlotte kommt aus dem Staunen nicht raus. Zu Mittag gibt’s Pommes rot-weiß, Würstchen und Cola. Das andere landet in den nächsten Tagen auf dem Teller. Abends futtern wir eine fette Tüte Kartoffelchips und gucken „Germany’s next Topmodel“. Die ungesunde Fressattacke wird mit einem dicken Big Mac beendet. Dann hat sich’s erledigt – hoffentlich. Aber bei solchen Auswirkungen esse ich den nächsten Döner frühestens in 20 Jahren.

Für gesündere Ernährung empfehle ich zum Einkaufen die LPG im Mehringdamm 20-30 in Kreuzberg oder jeden anderen Bioladen.

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