Zeitung Heute : Auf Gönner setzen

Die Klugheitslehre des Gracián

Gunnar Sohn

Können 400 Jahre alte Lehren heute noch aktuell sein? Die des spanischen Jesuiten Baltasar Gracián sind es. Der 1601 geborene Prediger und Professor geriet immer wieder in Konflikt mit der Ordensgeneralität. Doch die Freundschaft mit dem Dramatiker Hurtado de Mendoza, dem Privatsekretär Philipps IV., brachte ihm Rückendeckung auf höchster Ebene, obwohl Gracián in seinen Schriften gegen die „aufgeblasene Hofkamarilla“ stichelte. Freundschaft auf Lebenszeit verband ihn auch mit dem betuchten Aristokraten Inande Lastanosa, der die Herausgabe seiner Frühschriften ermöglichte und seinen allegorischen Roman „Criticón“ förderte.

Zwei wichtige Persönlichkeiten stützten also den den streitbaren Schriftsteller; der eine auf politischem Parkett, der andere finanziell. Gracián zog daraus die Lehre , dass ein einflussreicher Gönner vor Anfeindungen schützen kann und man zum Vorwärtskommen der Protektion eines Mächtigen bedarf. Gracián: „Allein der Erfahrene weiß, dass der Weg der Verdienste allein, ohne Hilfe der Gunst, ein gar sehr langer ist. Alles erleichtert und ergänzt das Wohlwollen.“

Der Jesuit erkannte ferner den Nutzen von Netzwerken, sich dort unentbehrlich zu machen und so Abhängigkeiten zu begründen: „Wer klug ist, sieht lieber die Leute seiner bedürftig als ihm dankbar verbunden. Man erlangt mehr von der Abhängigkeit als von der verpflichteten Höflichkeit“. Das Wohlwollen des Vorgesetzten, der Karrieren fördern oder vereiteln kann, trage nur, solange man keinen gravierenden Fehler macht. Unbedacht nennt Gracián es, den Besserwisser herauszukehren und den Chef vor anderen ins Unrecht zu versetzen. Unverzeihlich dagegen sei es, mit fachlicher Überlegenheit aufzutrumpfen: „Alles Übertreffen ist verhasst, aber seinen Herrn zu übertreffen, ist entweder ein dummer oder ein Schicksalsstreich.“

Balthasar Gracián, Arthur Schopenhauer, Vincencio Juan de Lastanosa (Herausgeber):

Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit, Diogenes Verlag, Zürich 2003, 9 Euro 90.

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