Zeitung Heute : Auf großer Irrfahrt

Vorbild Odyssee: Die diesjährigen Mosse-Lectures untersuchen die Wirkung von Homers Epen

Burkhardt Wolf

Was haben drei Sträflinge, die in den amerikanischen Südstaaten der 1930er Jahre entlaufen sind, mit einer Astronautencrew gemein, die sich im Jahre 2001 mit ihrem Raumschiff Discovery Richtung Jupiter bewegt? Zunächst nicht viel. Auf den zweiten Blick jedoch wird jeder Kinobesucher, der „O Brother, Where Art Thou?“ (2000) von Joel und Ethan Coen sowie „2001: A Space Odyssey“ (1968) von Stanley Kubrick gesehen hat, deren gemeinsame mythische Folie entdeckt haben: Homers Odyssee.

Unterschiedlichste Odysseen sind Thema der diesjährigen „Mosse-Lectures“, die im Mai ihr zehnjähriges Bestehen feiern. Der Historiker George L. Mosse, der 1933 mit seiner jüdischen Familie aus Berlin emigrieren musste, hat 1997 jene – am Institut für deutsche Literatur initiierte – Vorlesungsreihe eröffnet, die seither mit zahlreichen Gelehrten, Künstlern und Politikern für die interessierte Öffentlichkeit veranstaltet wird.

Zum Jubiläum soll nun ein „Urtext“ abendländischer Zivilisation ins Licht der Gegenwart gerückt werden. Hierzu wird eine der Leitfragen lauten: Was haben die Sirenen und Riesen, die Dämonen und Götter, zu denen Homers Held durch die endlosen Weiten des Meers gelangt, mit den virtuellen Abenteuern im heutigen Cyberspace gemein?

Zweck von Kubricks eingangs erwähnter Odyssee im Weltraum ist dessen Ausbeutung und Kolonisierung. Und eigentlicher Held dieser Irrfahrt ist der so kluge wie skrupellose Computer Hal 9000. Nachdem man auf dem Mond einen Monolithen gefunden hat, der betörende Radiowellen aussendet, verschlägt es die Mission im Sog dieses sirenenartigen Gesangs zur Umlaufbahn des Jupiter. Dort wird das Raumschiff und mit ihm der letzte menschliche Gefährte Hals in den mythischen Ursprüngen des Weltalls verschwinden. Wie derlei Ursprünge mit der nicht minder mythenträchtigen Hochtechnologie der Nasa zusammenfallen, wird der Medienwissenschaftler Friedrich Kittler in seinem Abschlussvortrag darlegen.

Die Geschichte vom großen Dulder Odysseus, den es nach dem Trojanischen Krieg auf eine zehnjährige Irrfahrt über die Meere und Kontinente verschlägt, der seiner Verschlagenheit (und Skrupellosigkeit) wegen aber zuletzt doch wieder glücklich heimkehrt, ist eine der archetypischen Erzählformen des Abendlandes, an der sich freilich weitaus mehr als nur Literatur- oder Filmwissenschaftliches studieren lässt. Schon ihr angeblicher Verfasser Homer ist eine Grenzfigur zwischen Mythos und Aufklärung: Von den alten Griechen als blinder und umherwandernder Rhapsode verehrt, der ihnen ihr Nationalepos brachte, bezweifelten alexandrinische Gelehrte, dass die Ilias und die Odyssee denselben „Autor“ haben, ja dass es hier überhaupt nur einen Autor gebe.

Spätestens im 18. Jahrhundert warf man diese „homerische Frage“ wieder als Gretchenfrage unserer Tradition auf, ehe die Altphilologen des 20. Jahrhunderts tatsächlich einen „Ursprung“ europäischer Kultur entdeckten: Entstanden nämlich sind die Ilias und Odyssee aus dem Zusammenspiel von mündlicher Überlieferung (für welche die Sänger mit ihren Versmaßen und formelhaften Wendungen eine Art Gedächtnisstütze entwickelten) und ihrer Niederschrift im griechischen Alphabet, das erst die Notation des Verses mit seinen unterschiedlichen Silbenlängen und die ausgefeilte Komposition der langen Versgedichte ermöglichte. Mit Homers Epen ist die kopernikanische Wende vom Zeitalter bloßer Mündlichkeit zu dem der Schriftlichkeit als Datum europäischer Kulturgeschichte bezeugt. Sie stellen die Geburtsstunde abendländischer Literatur dar.

Seither kümmert sich, wie der Altphilologe Walter Burkert in der ersten Lecture zeigen wird, die Odyssee-Forschung nicht nur um rhapsodische Gebräuche und Schrifttechniken, sondern allgemein um die Spurensicherung unserer Kulturgeschichte. Die Künste und Mentalitäten der alten Seefahrer, die Reichweite und Gestalt des antiken Seehandels, die aristokratische Bewährungsprobe im Seeabenteuer oder die Beutezüge der skrupellosen Piraten – all dies ist in die Odyssee eingegangen. Und zudem war dieses Epos auch für das spätere Europa immer eine Art Gründungstext: Für Rom, schon als Seemacht Griechenlands legitime Erbin, wurde eine Fortsetzung der Odyssee zum Nationalepos: Vergils Aeneis. Im christlichen Abendland überstrahlte das Buch der Bücher zwischenzeitlich Homers Dichtung, spätestens aber im Zeitalter der überseeischen Entdeckungen erkannte man in Odysseus eine Art Galionsfigur von Kolonisierung und Globalisierung. Damals zeugte er nochmals für ein geistig und politisch geschlossenes Europa.

In der Moderne freilich avancierte er dann zum Prototyp des kulturell entwurzelten Menschen. Diesem Niemand, der sich im Irgendwo moderner Metropolen verliert, hat James Joyce mit seinem Ulysses (1922) ein Denkmal gesetzt. In seinem Roman ist die Irrfahrt zur Reise durch zahllose Bewusstseinszustände geworden – ein literarischer Psychotrip, den Kubricks Odyssee medientechnisch, durch psychedelische Bild- und Soundeffekte, zukunftsweisend weitergetrieben hat. Die Odyssee – das zeigen nicht erst Kubricks berühmte Filmmontagen – war nie nur ein archaisches Epos. Immer schon handelte sie von der Zukunft unserer Vergangenheit.

Eröffnet wird die Vorlesungsreihe am 15. Mai um 19.00 Uhr im Senatssaal der HU, Unter den Linden 6, in Mitte.

Mehr Informationen im Internet: www.hu-berlin.de/mosse-lectures

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