Zeitung Heute : Auf Hass-Seiten im Netz finden sich Tiefschläge ohne Ende

Stefan Krempl

Die üblen Untergriffe haben Konjunktur im Web. Abgerechnet werden darf mit jedem, der sich unbeliebt machtStefan Krempl

Ein Gewisser A. H. wurde in seiner Liebe zu Katrin B. enttäuscht und barmt nun: "Das orange Kuscheltier hätte ich Dir nie schenken sollen, das warst Du gar nicht wert!" Und auch die gleichgeschlechtliche Liebe führt zu herben Enttäuschungen: Thomas R. aus Langten sei "eine alte dumme Tucke, die erst einmal erwachsen werden muß", ereifert sich Lars.

All diese Abrechnungen enttäuschter Liebender finden öffentlich statt - auf www.rache.de, einer Web-Seite für diejenigen, die einmal richtig schön Dampf ablassen wollen. Zum Glück anonymisiert. Wer weiß, ob S.H. in ein paar Jahren noch daran erinnert werden möchte, dass er seiner Kollegin Erna D. "alle garantiert schmerzhaften und tödlichen Krankheiten dieses Universums" an den Hals gewünscht hat.

Hass- und Racheseiten haben Konjunktur im Web. Abgerechnet werden darf mit jedem, der sich unbeliebt macht - vom treulosen "Ex" über den schikanösen Lehrer bis zum Nachbarn, der wieder mal am Sonntagvormittag den Rasen mähen musste. Besonders bei Teenagern ist das öffentliche "Flamen" und Ausstreuen von Beleidigungen auf Websites beliebt, aber auch die ältere Surfergeneration übt sich gern in der üblen Nachrede.

In den USA gehen die "thiscompanysucks.com"-Adressen aus, wie das Wirtschaftsmagazin Business Week berichtet. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist es selbstverständlich, dass verärgerte Kunden ihren Frust im Web abladen. Dabei hängen sie in der Regel hinter den Namen, unter der die missliebige Firma im Netz residiert, einfach den im Amerikanischen üblichen Ausdruck für alles und jedes, was einem auf den Geist geht: "Chicago sucks", "Bill Clinton sucks" und eben immer öfter auch "Intel sucks". Einer der Pioniere des virtuellen Widerstands gegen die Macht der Konzerne, der für den Staranwalt Ralph Nader die Verbraucherbewegung revolutionieren könnte, ist Richard Hatch aus Maine.

1997 wollte sich der begeisterte Harley-Fahrer und Technikfreak beim Shoppingriesen Wal-Mart (www.wal-mart.com) das neueste Tamagotchi kaufen. Aus ungeklärten Gründen entbrannte ein heftiger Disput mit einem Verkäufer, der mit einem Hausverbot für Hatch endete. Ohne das elektronische Tierchen in Händen, aber mit gehöriger Wut im Bauch, kreierte der Verbannte www.walmartsucks.com, eine Anlaufstelle für inzwischen über 1500 Leidensgenossen.

Besonders "beliebte" Unternehmen können bereits auf einen digitalen Berg von Hassseiten verweisen. Spitzenreiter in der Missgunst der Netizens ist natürlich Microsoft: Da lädt die Site Microshaft etwa zum Download des "Internet Exploders" ein. Auf Mightgosoft verteidigt sich Gill Wates gegen seine Feinde aus Regierung und Industrie.

Die mit wenigen Mausklicks öffentlich gemachten Unmutsäußerungen, die von berechtigten Anklagen bis zu frevlerischen Verleumdungen reichen, haben eine hitzige Diskussion ausgelöst, wie mit den Rachegelüsten mancher Surfer umzugehen sei. In den USA sind den Opfern meist die Hände gebunden: Das von der Verfassung im Ersten Zusatzartikel garantierte Recht auf "free speech" schützt Meinungsäußerungen fast jeglicher Art. "Corporate America", schreibt Business Week, "bleibt kaum eine andere Wahl, als sich mit ihnen abzufinden."

In Deutschland, wo das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht so uneingeschränkt gilt, wird mit so mancher Hassseite schon heute kurzer beziehungsweise gar kein Prozess gemacht. Als die Schweinfurter Kriminalpolizei beim Surfen Ende April auf eine Site stieß, auf der nach ihren Angaben unbescholtene Frauen der Prostitution bezichtigt, harmlose Bürger als Kinderschänder diffamiert und Tipps zum Basteln einer Autobombe gegeben wurden, legte sie dem Bielefelder Provider sofort und unmissverständlich nahe, die Seiten vom Netz zu nehmen - ohne dass es einen richterlichen Beschluss dafür gab.

Der Mainzer Publizistikprofessor Hans Mathias Kepplinger fordert gar einen "elektronischen Pranger", an den Verleumdern sozusagen mit ihren eigenen Mitteln Vergeltung geübt werden soll. Laut Kepplinger funktioniert das herkömmliche Persönlichkeitsrecht im Internet nicht mehr, weshalb ein "digitales Faustrecht" angebracht sei. Doch müssen wir wirklich zu mittelalterlichen Bräuchen zurückkehren? Oder muss man die digitalen Hasstiraden mit Polizeigewalt aus dem Netz verbannen und damit Zensur ausüben?

Der Karlsruher Philosophieprofessor Helmut Spinner hat jüngst Ansätze für eine differenzierte Form des Umgangs mit Information und Desinformation vorgelegt. Seine Meinung: Auf "Informationsdelikte" muss man nicht immer mit den härtesten Mitteln reagieren. Generell sei der Toleranz und dem Diskurs der Vorrang vor dem direkten Eingriff zu geben - solange "Waffengleichheit" zwischen den Kontrahenten bestehe und Angriffe mit Gegeninformation abzuwehren seien. Der Staat sei erst gefordert, wenn der Selbstschutz und die Mittel zur Gegeninformation ausgeschöpft sind.

Dass im Internet das Gleichgewicht der Kräfte gewahrt ist, zeigt sich derzeit im amerikanischen Vorwahlkampf zur Präsidentenwahl. George Bush junior, der aussichtsreichste Kandidat der Republikaner, stellte eine gähnend langweilige Seite ins Internet, die sich in den ersten Wochen nur 30 000 Besucher ansahen. Eine nur auf den ersten Blick zu verwechselnde Anti-Bush-Seite dagegen wurde in derselben Zeit von sechs Millionen Interessenten angeklickt.
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