Zeitung Heute : Auf High Heels in den Krieg

Jeans, Goldschmuck und Gewehre: So präsentierte sich Liberias weibliche Rebellentruppe – ist alles nur ein PR-Gag?

Christoph Link[Monrovia]

Der Jeep rast über die Frontlinie, hinüber nach Bushroad-Island. Auf die andere Seite des Flusses, dorthin, wo die Häuser durchsiebt sind von Mörserbeschuss. Ex-Diktator Charles Taylor hatte in letzter Minute noch Waffen und Munition in Libyen eingekauft und verfeuern lassen. Hier kann man sie finden, die echten Lurd-Rebellen (Liberan United for Reconciliation and Democracy). Sie rasen in ihrer Kontrollzone mit zerkratzten Jeeps ohne Kennzeichen durch die Straßen, verschwitzt, im T-Shirt oder in Uniform. Ein Rebell sitzt am Steuer und gibt Gas, seine Beifahrerin im weißen Unterhemd sitzt daneben und guckt zu – klassische Arbeitsteilung. Dass Frauen der Lurd ihre Waffen aufrecht und stolz wie auf dem Modelaufsteg tragen, scheint eine Ausnahme zu sein. Und doch gingen die Bilder einer Modeguerilla mit Kampfauftrag erst kürzlich um die Welt.

Die Geschichte, wenn sie denn stimmt, geht so: Eine junge Frau wird von liberianischen Regierungssoldaten vergewaltigt – und aus Rache schließt sie sich der Rebellenbewegung der Lurd an. In diesen Tagen stehen die Zeitungsjungen mit dem frischen Andruck des in London erscheinenden Magazins „BBC-Focus on Africa“ auf den Straßen von Monrovia. Den Reißer haben sie gleich aufgeschlagen und halten ihn den Autofahrern vor die Nase: Es ist ein vierspaltiges Foto der 22-jährigen Liberianerin „Black Diamond“ und ihrer bewaffneten Gang. Dazu erscheint die Story des TV-Journalisten James Brabazon über Liberias schöne Kriegerinnen. Mit denen, sagt Brabazon, hätten er und sein Fotograf Tim während eines fünfmonatigen Aufenthaltes hinter der Frontlinie mindestens eine Flasche Whiskey getrunken – vielleicht nicht ganz die richtige Vorbereitung für eine gut recherchierte Geschichte.

Sechs Wochen, nachdem die Bilder weltweit Furore machten – auch die ARD baute sie in ein Feature ein – kann sich in Monrovia jedoch kaum einer dazu hinreißen lassen, die Geschichte ernst zu nehmen. „Das ist doch eine Lachnummer, ein reiner PR-Gag“, sagt der liberianische Journalist J. Wesley Washington vom „Inquirer“. Auch im Hotel Royal, einem beliebten Treff für internationale Presse und lokale Politiker löst das Foto Heiterkeit aus: „Black Diamond“, sagt eine Frau, die sei doch früher als Sängerin in Monrovia aufgetreten. Was die meisten stutzig macht, ist das Modebewusstsein der Kriegerinnen: Alle tragen hautenge Jeans, Goldschmuck und rote Piraten-Kopftücher – und natürlich ein Gewehr über der Schulter. Eine hat einen weißen Teddy am Hosengurt, eine andere einen CD-Walkman am Gürtel, eine dritte trägt hochhackige Schuhe. Zieht man so in den Kampf? Viele in Monrovia glauben, dass die kämpferischen Ladys mit Lurd-Rebellen befreundet oder verheiratet sind. Und vor dem Fototermin seien sie gerade frisch von einer Plündertour gekommen, bei der sie sich neu eingekleidet hätten. Auch Charles Pitchford, ein ehemaliger US-Militär, der seit fünf Jahren für den Lutherischen Weltbund in Liberia arbeitet, ist skeptisch, ob die Meldungen über die angebliche Frauenbrigade stimmen. Diese Frauen sähen einfach viel zu sauber aus, um gerade noch gekämpft zu haben. Das nördliche Hinterland von Liberia, wo die Rebellen ihren Vormarsch begannen, sei nämlich weit gehend ein Dschungelgebiet mit verschlammten Straßen und zerstörten Brücken. Ein Reporter des „Inquirer“ reiste kürzlich in die Rebellenhochburg Tubmanburg und wurde dort Augenzeuge, als man Marktdiebe öffentlich auspeitschte. Er berichtet, dass Frauen vor allem bei der Renovierung von Verwaltungsgebäuden in Tubmanburg eingespannt werden. Die Leute vom BBC-Magazin scheinen hier ganz alleine „Das moderne Gesicht des Krieges“ zu entdecken.

Im Lurd-Koordinierungsbüro auf Bushroad Island hält man fest an der Story über „Black Diamond“. Ja, sagt der Koordinator Mohammed Sharif, „Black Diamond“ sei die Kommandantin der 300 Mitglieder starken „Fraueneinheit“ der Lurd-Armee. „Frauen sind disziplinierter und freundlicher als Männer. Black Diamond macht immer viele Witze“, sagt Sharif. Die Frauen verfolgten sehr bestimmt ihre militärischen Ziele. „Wenn die sagen, wir erobern eine Stadt, dann machen die das auch.“ Von Militärbeobachtern in Monrovia wird die These von allein kämpfenden Fraueneinheiten allerdings ins Reich der Kriegspropaganda verbannt. Auch die Zahl von 300 Kämpferinnen scheint übertrieben, denn die Lurd hatte alles in allem nur eine Truppenstärke von 4000 bis 6000 Kämpfern.

Der nun berühmten „Black Diamond“ selbst scheint eine Karriere jedoch sicher. Zurzeit hält sie sich laut Sharif in Begleitung des Rebellenhauptmanns Conneh im benachbarten Guinea auf. Sie sei sein „Bodyguard“, wird gemunkelt, dann heißt es wieder, sie müsse als Kommandantin im Stab mitreisen. Dem weiblichen Rambo wollen einige in der Lurd-Organisation eine politische Karriere gönnen, sobald die Rebellen an der Übergangsregierung Liberias beteiligt werden. Auf den Straßen Monrovias aber wenden sich viele angewidert von der Kriegsverherrlichung durch Mode ab. Das seien ganz einfach „bad, bad girls“, sagt ein Taxifahrer – böse Mädchen.

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