Zeitung Heute : Auf Holz geschaut

Plätschern, rauschen, strudeln – wie durch das Bad eine Welle des Wohlbehagens schwappt

Judith Jenner Anna Pataczek
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Wange an Wanne aus Wenge. Holz ist derzeit einer der Trends im Badezimmer. Es findet sich sowohl als Bodenbelag, als...VDS

Der Trend kam vor einigen Jahren auf: Cocooning lautete das Stichwort. Gemeint war und ist damit der Rückzug ins Private, weil die Welt draußen zunehmend instabiler erscheint. In der Folge boomt seitdem alles, was kuschelig und heimelig ist: Perfekte Dinner, grobe Strickpullis, Sofas zum Lümmeln. Auch die Badezimmer werden immer wohnlicher, die Wellnesswelle schwappt in die heimischen vier Wände über. Designer von Wannen und Waschbecken reagieren auf diese Bedürfnisse mit üppigen Wohlfühl-Oasen. In Zeiten der Krise wird das Bad luxuriös. Cocooning war gestern. Heute ist von „Homing“ die Rede – das Badezimmer wird zum Wohnraum.

Die Badewanne rückt – zumindest nach den Vorstellungen der Hersteller – wieder in den Mittelpunkt des Raumes. Sie steht frei und wirkt als runde harmonische Form. Eine andere Variante erinnert an einen kleinen Pool: Das Becken wird hier in ein großzügiges Podest eingelassen. Überlaufrinnen verhindern, dass der Boden unter Wasser steht. Für solch exponiertes Baden braucht es Platz, den es in den meisten Standardbadezimmern gar nicht gibt. Oder „den kaum jemand bereit ist, zu opfern“, weiß die Berliner Innenarchitektin Irene Kosok, die sich auf die Einrichtung von Badezimmern spezialisiert hat. Viele ihrer Kunden wählen dann doch lieber die Einbauwanne.

Wenn Badezimmer immer gemütlicher werden, bedarf es nur eines kleinen Schrittes, bis die Grenzen der einzelnen Wohnbereiche ganz verwischen. Abgezogene Holzdielen zum Beispiel stehen ohnehin schon auf der Wunschliste vieler Mieter von Berliner Altbauwohnungen. Doch die wenigsten können sich vorstellen, im Badezimmer auf Holz zu gehen. Das verbreitete Vorurteil lautet: Holz verträgt sich nicht mit Feuchtigkeit. Es schimmelt oder quillt auf, sobald es mit Wasser oder Dampf in Berührung kommt.

„Dabei gibt es genügend Gegenbeispiele, wo Holz und Wasser sich gut vertragen, wie beispielsweise im Bootsbau", sagt Josef Plößl vom Gesamtverband Deutscher Holzhandel e.V. Zudem sei es ein Missverständnis, dass das Bad feuchter sei als andere Räume. „Wenn gut gelüftet wird, ist die durchschnittliche Luftfeuchtigkeit nicht größer als beispielsweise im Schlafzimmer.“ Tatsächlich präsentieren einige Designer bereits Raumkonzepte, in denen das Bad ins Schlafzimmer integriert ist. Vom Bett aus kann man gleich in die gläserne Dusche hüpfen. Realisiert werden diese traumhaften, aber nicht sehr praktikablen Ideen jedoch eher selten. Das schätzt auch Irene Kosok so ein. „Alleine schon, weil die technische Umsetzung schwierig ist“, sagt sie. Denn während man es im Schlafzimmer lieber kühl mag, soll das Bad angenehm warm sein. Nach einer ausgedehnten, heißen Dusche ist die Luftfeuchtigkeit sehr hoch. Damit muss man leben wollen. Denn Türen kann man in diesen offenen Landschaften keine schließen.

Wie das Schlafzimmer ist das Badezimmer ist ein Ort der Entschleunigung. Ein Ort zum Verweilen. Zur wohnlichen Atmosphäre gehören Möbel, die auch im Fernsehzimmer stehen könnten: Hocker und Liegen, Schränke, in denen nicht das TV-Gerät, dafür aber die Waschmaschine verschwindet. Blumentöpfe finden auf Sideboards und Kommoden Platz. Naturfarben und -materialien sind ein ungebrochener Trend. Beigetöne dominieren. Bade- und Duschwannen sind mit Holz verkleidet. Es kommen insbesondere dunkle Holzarten zum Einsatz wie zum Beispiel Teak, Jarrah, Ipe oder Wenge, die eine sehr edle Anmutung haben. Weniger geeignet sind unruhige Holzarten mit einer starken Maserung. Von Buche und Ahorn rät der Diplom-Holzwirt Josef Plößl ab, da sie zu leicht aufquellen.

Doch einige Hinweise sollte man beachten. Während Boote durch eine Lackschicht resistent gemacht werden gegen Wind und Wetter, reicht im Bad auch eine Oberflächenbehandlung mit Öl oder Öl-Wachsgemischen aus, sagt Plößl. Wichtig sei, dass stehendes Wasser auf dem Boden oder der Waschbeckenumrandung vermieden wird, also Pfützen, Spritzer und Tropfen umgehend aufgewischt werden, damit das Wasser nicht in das Holz eindringen kann. „Hitzebehandelte Hölzer haben den Vorzug, dass sie Feuchtigkeit langsamer aufnehmen und dauerhafter sind“, sagt Josef Plößl. Ihre dunklen Farbtöne, hervorgerufen durch die thermische Behandlung, liegen im Trend und sind deshalb eine Alternative zu Tropenhölzern. Übergänge zwischen Holz und anderen Materialien wie Fliesen sollten mit elastischen Dichtstoffen wie z.B. Kautschuk ausgeführt werden. Im Spritzwasserbereich sind Fliesen gegebenenfalls sinnvoller. Wie wissenschaftliche Studien der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft und des Deutschen Instituts für Lebensmitteltechnik nachgewiesen haben, können Holzarten antibakteriell wirken. Vor allem Kiefernkernholz saugt Bakterien auf und tötet sie ab, zum Beispiel die Erreger von Pilzinfektionen.

Der Hauptgrund aber, warum Menschen Holz im Bad verwenden, ist die wohnliche Atmosphäre, die das Naturmaterial verbreitet. „Das Badezimmer hat sich zu einem Wohnraum umdefiniert, in dem sich die Nutzer auch außerhalb der täglichen Routine häufig aufhalten“, sagt Jens Wischmann, Geschäftsführer der Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft e.V. (VDS). Das Badezimmer gleicht sich stilistisch immer stärker dem Wohnumfeld an, ohne jedoch seine Funktionen aufzugeben. „Homing“ ist eine der zehn wichtigsten Entwicklungen im Baddesign, die der VDS zusammen mit der Messe Frankfurt auf der Trendschau „Pop up the bathroom“ auf der Bad-Leitmesse ISH 2009 im März zeigte.

Hölzern sind nicht nur Bodenbeläge oder Wandverkleidungen. Auch Unterschränke, Waschbecken oder sogar Badewannen gibt es aus Holz. Sie haben allerdings wenig mit den hölzernen Waschzubern vergangener Tage gemein. Die freistehende Wanne „Abby“ von Plavis aus Teak beispielsweise ist ein Handschmeichler und ein Unikat, denn kein Exemplar hat die gleiche Maserung. Das Wasser bleibt darin länger warm als in einer Keramikwanne wegen der geringen Wärmeleitfähigkeit von Holz. Die italienische Firma Agape hat mit der Serie „Woodline“ gleich eine ganze Kollektion mit Wanne und Waschtischen aus Holz herausgebracht. Für die Badlinie „Via Veneto“ verwendet die Firma Falper Holzfurniere. Die dünnen Holzplatten sind auf wasserbeständigen Untermaterialien wie MDF befestigt und verkleiden so Konsolen, auf denen weiße Waschbecken montiert sind. Bei Duravit können Kunden bei der abdeckbaren Luxus-Wanne „Sundeck“ oder dem runden Pool „Blue Moon“ zwischen unterschiedlichen Holzverkleidungen von Teak über Makassar bis Esche Ölbaum wählen.

Opulente Wannen – und schlichte Duschen. Hier ist weniger mehr. Die neuen Kabinen sind aus großflächigen, schlichten Glaswänden. Scharniere und Griffe sind so dezent, dass sie kaum auffallen. Die Duschwannen sind so flach, dass sie im Boden fast verschwinden. Waschbecken und Armaturen erinnern an Quellen. Das Wasser darf plätschern, rauschen, strudeln. Es kommt als breiter Strahl aus dem Kran, fließt in flachen abgeschrägten Waschbecken kunstvoll ab – und wird so in Szene gesetzt. Das mag erstaunen in Zeiten knapper Ressourcen, passt aber zum Wellness-Trend und zur Rückbesinnung auf alte Reinigungsrituale, die schon die Römer in ihren Thermen pflegten. Irene Kosok sagt, ihre Kunden wünschten sich häufig die „Quadratur des Kreises“. Einerseits umweltschonende Sanitärlösungen – andererseits Bequemlichkeit, wie zum Beispiel entspannende Massage-Seitenstrahler in der Dusche. Einige Hersteller bemühen sich daher schon um den Spagat zwischen Wassersparen und Komfort. Eine gute Lösung etwa seien große Brausen, die das Wasser mit Luft verwirbeln, sagt Irene Kosok. Drei Viertel Luft treffen auf ein Viertel Wasser. „Das fühlt sich an wie ein angenehmer Regen.“

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