Zeitung Heute : Auf Inselreise gehen

Nicola Kuhn

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Mindestens einmal im Jahr müssen wir auf die Pfaueninsel, das ist wie der Besuch eines Gesamtkunstwerks. Sanft trägt die Fähre uns hinüber, naja, wenn sie denn kommt. Nachdem Jan und Josefine dem Fährmann minutenlang zugewunken haben, hat er endlich Erbarmen und holt uns ab. Das Warten, die Passage übers Wasser ist natürlich Teil des Besucherrituals. Auf der Insel angekommen, gibt es nur noch ein Thema: Wo sind die Pfauen? Und wann schlagen sie endlich ein Rad?

Freundlicherweise sind die Tiere durch die vielen Besucher zutraulich geworden. Die ersten finden sich im Rosengarten. Gravitätisch schreiten sie ihr gold-grün-blau glitzerndes Gefieder hinter sich herziehend auf und ab. Allen Ermunterungen, endlich ihre Federn aufzufächern, zeigen sie die kalte Schulter. Als Jans und Josefines Vater täuschend echt die Pfauen-Schreie nachzuahmen sucht, sind die Kinder zwar begeistert und auch das gemeinte Tier hält zunächst irritiert nach dem Weibchen Ausschau. Aber für ein Rad reicht diese Animation trotzdem nicht.

Die nächste Attraktion ist die historische Voliere mit ihren Papageien und den schneeweißen Pfauen, die aussehen wie eine zu groß geratene Hochzeitstortendekoration. Am Ende ist nicht ganz klar, wer lockt hier wen, wenn sich Mensch und Tier einander am Gitter annähern. Josefine geht kreischend auf Abstand, als der graugefiederte Papagei plötzlich nach ihr hackt. Da kann er noch so schön das Pippi-Langstrumpf-Lied flöten. Noch unheimlicher ist die Begegnung mit der Wildschweinfamilie, die kurz darauf nur wenige Meter entfernt über den Fußweg galoppiert und dann aus dem Unterholz zu den Zweibeinern herüberäugt.

Die Idylle der Pfaueninsel birgt eben doch ihre Gefahren. Nach der Rückkehr an Land fühlen sich Jan und Josefine eher in Sicherheit. Und im Wirtshaus „Zur Pfaueninsel“ gibt es das, worauf sie die ganze Zeit gewartet haben: einen Rad schlagenden Pfau. Nur eben ausgestopft.

Wirtshaus „Zur Pfaueninsel“, Pfaueninselchaussee, Berlin-Wannsee

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