Zeitung Heute : Auf Kriegsfuß mit dem User

Burkhard Schröder

Leider haben Webdesigner keinen volkserzieherischen Auftrag. Wenn das so wäre, müsste man sie sofort feuern. Die Internet-Seiten der meisten deutschen Firmen gewöhnen den surfenden Kunden daran, vor dem Einkauf die Hosen herunterzulassen, nur mit nummerierten Geldscheinen zu bezahlen und seine Lieblingsprodukte - tabellarisch geordnet und in Schriftform - beim Geschäftsleiter abzugeben, bevor dem Käufer auch nur ein Gummibärchen ausgehändigt wird. Webdesigner sind die natürlichen Feinde des Surfers: Sie spionieren ihn aus und verkaufen gravierende Sicherheitsmängel und ihre eigene Faulheit als ästhetische Notwendigkeit des Layouts.

Ein bewusster Surfer nimmt die Ratschläge des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik ernst: er deaktiviert Inhalte, die seinen Rechner schädigen könnten. "Könnten" heißt: Wenn noch nicht einmal Weltfirmen ihre Angestellten schulen, wie man ein E-mail-Programm professionell nutzt, wie kann man sicher sein, dass eine elektronische Presseerklärung nicht ungewollt ein Makrovirus enthält? Selbst die Pressestellen renommierter Multimedia-Firmen in Berlin sind nicht in der Lage, E-Mails im Textformat zu versenden. Nein, es muss unbedingt ein Bill-Gates-kompatibles Anhängsel alias "Attachement" sein.

Wer weiss, dass man mit der Programmiersprache Javascript, heimlich in den Code einer Website eingebaut, eine Denial-of-Service-Attacke starten kann, der schaltet als Hacker-Prophylaxe diese potenziell riskanten Dinge aus. Doch Webdesigner schliessen von MTV auf WWW: Alles muss zappeln. Es ginge auch anders, ein Webdesigner brauchte nur korrektes HTML können. Das müsste man lernen - aber wozu? Für Webdesign gibt es doch Software!

In den USA ermitteln seit dem Frühjahr Staatsanwälte gegen große E-Commerce-Unternehmen, eine Sammelklage auf 50 Milliarden Dollar wurde gegen das Internet-Portal Yahoo eingereicht. Yahoo bombardiert die Rechner der Surfer mit Cookies, kleinen Dateien, die sein Verhalten protokollieren und beim nächsten Besuch einen gläsernen Kunden schaffen. Das sei Belästigung, so die Anwälte der Verbraucherschützer, und das ist in einigen Bundesstaaten strafbar. In Deutschland gibt es kaum ein Unternehmen, das auf Datenspionage dieser Art verzichtet. Der bewusste Kunde stellt Cookies in den Optionen des Browsers aus. Wird er beim Online-Einkauf dazu gezwungen, das per Hand rückgängig zu machen, ist er verärgert. Vertrauen in E-Commerce schafft das nicht. Aber daran sind Webdesigner nicht interessiert - sie setzen ohnehin nur auf die DAUs (dümmste anzunehmenden User), die gar nicht wissen, was mit ihnen geschieht. Und wenn die 134. Sicherheitslücke in Microsoft-Programmen veröffentlicht wird, heisst es: aber die vielen Fliegen, die ihre Notdurft an derselben Stelle verrichten, können doch nicht irren!Der Autor ist Dozent für Internet-Recherche an der Berliner Journalisten-Schule.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar