Zeitung Heute : Auf leisen Sohlen

Nach Jahren der Krise erholt sich das Handwerk langsam. Vor allem Maßgeschneidertes findet Kundschaft

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Von Sebastian Bickerich Es hat etwas klischeemäßiges, das Erweckungserlebnis von Kirstin Hennemann. Vielleicht ist es deshalb so glaubhaft. „Ich bin den ganzen Tag durch Frankfurt gelaufen auf der Suche nach einem neuen Paar Schuhe“, erinnert sich die 35-Jährige. Am nächsten Morgen hatte sie immer noch keine Treter, aber einen neuen Vorsatz: „Ich mach mir meine Schuhe einfach selber!“

Bis zu ihrem eigenen Laden in der Sophienstraße in Berlin-Mitte vergingen zwar noch ein paar Jahre, und sicher war auch das langweilige Lehramtsstudium nicht ganz unschuldig an ihrem Schritt in die Selbständigkeit. Doch bereut hat sie ihre Entscheidung nie. „Ich will einfach sehen, was ich den ganzen Tag gemacht habe“, begründet Hennemann ihre Entscheidung für einen handwerklichen Beruf.

In Wiesbaden lernte sie bei einem Schuhmacher am Staatstheater, anschließend bildete sie sich bei einem Herrenmaßschuhmeister und einem Orthopädieschuhmacher weiter. Nach ihrer Meisterprüfung ging sie nach Berlin, machte sich 2003 mit 15 000 Euro Erspartem selbständig – und hatte überraschend schnell Erfolg.

Mittlerweile kann sie sich vor Anfragen kaum retten. Die Leisten, also Schuhabdrücke, stapeln sich in jeder freien Ecke. Seit 18 Monaten bildet Hennemann auch selber aus. „Dass alles so gut gelaufen ist, hat mich selbst verblüfft“, sagt sie. Drei Viertel ihrer Kunden kommen wieder – trotz zweier Hindernisse: Zum einen muss man ein halbes Jahr auf seine Maßschuhe warten. Zum anderen sind die Treter nicht gerade billig: Je nach Machart kosten sie pro Paar 800 bis 1250 Euro. „Bei guter Pflege halten rahmengenähte Schuhe aber auch bis zu zehn Jahre“, sagt die Schuhexpertin, die selbst ausschließlich ihre eigenen Maßschuhe trägt.

Hennemanns Erfolg ist ein kleiner Beleg dafür, dass es wieder aufwärts geht mit dem Handwerk. Die Schuhmacherbranche ist dafür ein guter Indikator. Immer billigere Schuhe, immer weniger Reparaturen – lange ging es steil hinab, von bundesweit über 40 000 Schuhmachern in den 50er Jahren auf nun gerade mal 4000. In Berlin halbierte sich in den Neunziger Jahren die Zahl der Betriebe von über 180 auf nur noch 87.

Doch seitdem ist der Abwärtstrend gebrochen: „Die Leute kaufen wieder Qualitätsschuhe“, sagt Peter Schulz vom Zentralverband des Deutschen Schuhmacher- Handwerks und führt das auf eine „Übersättigung“ mit Billigschuhen zurück. Noch vor wenigen Jahren drohte der Kern jeder Ausbildung zum Schuhmacher in Vergessenheit zu geraten: „Eigentlich lernt jeder Schuhmacher die Herstellung von Maßschuhen“, sagt Schulz. Doch nur die wenigsten wendeten ihr Wissen überhaupt noch an. Heute sei das wieder gefragt.

Susan Shakery von der Berliner Handwerkskammer bestätigt den Trend. „Qualität ist wieder gefragt“, sagt die Expertin und sieht einen klaren Aufwind bei Maßschuhmachern und Maßschneidern in der Hauptstadt. Auch der Wegfall der Meisterpflicht 2004 (siehe Kasten) habe der Branche geholfen. Von einem Boom will Shakery zwar noch nicht sprechen. Dass es aber einen Markt für die Maßarbeit gibt, zeigt schon ein Blick auf die Zahlen: 2005 stieg die Zahl der Damen- und Herrenschneider in Berlin von 159 auf 208 – ein Plus von 30 Prozent. Auch Hutmacher sind wieder gefragt – ihre Zahl stieg von zehn auf vierzehn. Bei den Schuhmachern ist die Talsohle von 2003 ebenfalls durchschritten: Statt 87 Betrieben gibt es nun 91.

Überhaupt blickt man bei der Handwerkskammer wieder positiver in die Zukunft. Zwei Drittel der Berliner Betriebe bezeichnen ihre Lage laut Kammerpräsident Stephan Schwarz als zufriedenstellend – deutlich mehr als vor einem Jahr. Auch die von der Großen Koalition eingeführte steuerliche Absetzbarkeit von handwerklichen Leistungen, etwa bei Renovierungsarbeiten, sieht man bei der Handwerkskammer positiv. Sorge bereitet den Handwerkern allerdings die für 2007 geplante Mehrwertsteuererhöhung. Schließlich sei das Handwerk von der Entwicklung der Inlandsnachfrage besonders abhängig, heißt es.

Kirstin Hennemann sieht das alles gelassen. „Wer einmal Maßschuhe gekauft hat, wird süchtig“, sagt sie und verweist auf die immer größere Zahl ihrer Stammkunden: Mittlerweile hat sie Bewunderer in den USA, Kanada und Israel. Jetzt sucht die Schuhmacherin eine zweite Auszubildende, „am liebsten eine Frau ab 18“.

Die Maßschuhmacherei liegt in der Sophienstraße 28/29 in Berlin-Mitte. Telefon: 40 04 28 61, www. massschuhmacherei.de

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