Zeitung Heute : Auf nach Kabul

Sie sind nach langer Zeit aus dem Exil heimgekehrt – um aufzubauen. Die Alten erkennen ihre zerstörte Stadt nicht wieder, und die Jungen denken sich eine neue aus. Ein Besuch am Hindukusch

Christine-Felice Röhrs

Es ist schon spät. Dunkel. Die Stadt hat wieder keinen Strom. Früher war der Weg zum Haus des alten Mannes von Bäumen gesäumt, Laternen dazwischen. Es war der Weg, den auch der König nahm, wenn er zu seinem Palast wollte: eine schöne Allee im Land am Rand des Hindukusch. Dann kamen die Kriege, und nun liegt das Haus im Niemandsland. Ringsum bröckelnde Mauern voller Einschlagkrater, und der Palast, der tagsüber schemenhaft aus Staubwolken auftaucht, ist eine Ruine: die Glaskuppeln rußgeschwärzte Skelette, Fensterhöhlen ausgefranst von Raketen. Die Bäume haben die Krieger niedergeholzt, als sie die Stadt zum Schlachtfeld machten.

Auf dieses Schlachtfeld ist der alte Mann, Ata Nursai mit Namen, vor einem Jahr zurückgekehrt. Er hat sein Haus wieder aufgebaut, erst gestern ist der Kamin fertig geworden, so, wie er früher aussah. Aber zeigen kann er ihn niemandem. Seine Familie ist nicht mitgekommen. „Das Afghanistan, das ich kenne, gibt es nicht mehr“, hat die Frau gesagt. Sie ist in Deutschland geblieben, der neuen Heimat, während Ata Nursai, der Jurist ist, in der Justizreformkommission die Pflicht gegenüber der alten Heimat erfüllt.

Nursai hat sich im kleinsten Zimmer eingerichtet, mit zwei Matten auf dem Boden, und wenn er eine Hausführung macht, dann geht er langsam und öffnet Türen zu kalten, leeren Räumen. Er spricht, als sei das Land für ihn wie das Haus. „Ich liebe es“, sagt er, „aber ich weiß nicht mehr, ob ich hier leben kann.“

Für all die jungen Leute, die jetzt kommen und Enthusiasmus mitbringen und Afghanistan wieder aufbauen wollen, die Kinder der einstigen Flüchtlinge, die in Amerika oder in Deutschland aufwuchsen, für die hat der alte Mann ein tolerantes Lächeln, aber kein Verständnis.

„Welches Land wollen sie denn wieder aufbauen?“, fragt er. „Sie kennen es doch gar nicht. Sie denken es sich aus.“

* * *

Für diesen Morgen hat Zahra Breshna einen Stadtspaziergang aufs Programm gesetzt. Einmal die Jada Maiwand-Straße hinauf und hinunter, die Hauptstraße der Altstadt. Treffen in ihrem Büro im Städtebauministerium, fünfter Stock eines Hauses an der Mikrorayon-Straße, wo sich die Plattenbauten reihen – Luxus in Kabul. Das Büro ist kärglich eingerichtet. Improvisierte Stellwände, improvisierte Zeichentische, Stühle mit abgewetzten Polstern, zwei Computer, die Chefin hat den eigenen Laptop mitbringen müssen.

Was Zahra Breshna angeht, ist das hier übrigens eine Art Fortsetzungsgeschichte. Vor zwei Jahren stand an dieser Stelle schon mal eine Geschichte über sie, nach ihrem ersten Besuch in Afghanistan seit der Flucht vor mehr als 20 Jahren; damals war sie 15. An Ende dieses Besuchs stand Entsetzen, nicht Heimatgefühl. Und Zahra Breshna, die Berlinerin, die lange davon geträumt hatte, ein Büro in Kabul aufzubauen, sagte sich: später!

Nun ist sie also doch hier gelandet. Und gleich als Chefin der Wiederaufbaukommission für Afghanistans Altstädte.

Vor 18 Monaten hatte Zahra Breshna vor Ministern und dem alten König in Kabul das Ergebnis ihrer Architektur-Dissertation gezeigt: einen Plan, wie die riesige Altstadt wieder aufzubauen sei. Die Idee: nicht nur neu bauen. Teile auch rekonstruieren, unter Berücksichtigung der traditionellen Bauweise mit Lehmziegeln natürlich. Anschlüsse schaffen ist ihr Ziel, auch seelische. Um den Menschen inmitten all der Zerstörung jene Heimat zurückzugeben, an die sie sich erinnern. Wiederaufbau als Heilung – alle waren begeistert. Und so haben sie extra für Breshna ein Projekt geschaffen.

Und dann hat Kabul sie eingeholt.

Seit elf Monaten hat Zahra Breshna noch kein Gehalt gesehen. Sie bräuchte 36 Mitarbeiter, hat aber nur sieben, und von denen kann keiner mit dem Architekturprogramm im Computer umgehen. Die Krankenkasse hat sie rausgeschmissen, und mit 40 lebt sie von Geld, das die Eltern ihr geben. Außerdem raucht sie wieder, eine nach der anderen. Zahra Breshna ist noch schmaler geworden seit dem Treffen vor zwei Jahren, eine hübsche, energische Frau, die lernen musste, geduldig zu sein. Sie wickelt sich fest in einen riesigen Schal und ruft den Fahrer an. Über Handy. Einen Festanschluss gibt es nicht. Es geht los zur Maiwand-Straße. Den Fahrer bezahlt sie selbst.

Die Maiwand, die wichtigste Straße von Kabul, ist keine Schönheit. Während einer der ersten Modernisierungsphasen des Staates wurde sie 1949 so breit angelegt, dass sie für Militärparaden reichen könnte. Heute stehen rechts und links die Reste viergeschossiger Häuser, unten haben sich Händler eingerichtet. Ata Nursai, der alte Afghane, mag diese Straße nicht mehr. Diese Straßenhändler, -esser, -schläfer seien „eine ganz blöde, neue Erscheinung“, hat er gesagt. Unzivilisiert. So orientalisch sei Kabul früher nicht gewesen. Das liegt an den Flüchtlingen, die während der Kriege in die Hauptstadt geflohen waren. Sie haben die Stadt „verdörflicht“, sagt Zahra während der Fahrt. Dreieinhalb Millionen Menschen leben jetzt in Kabul. Einst waren es 700 000.

Für Ata Nursai ist die Maiwand das Ende von Kabul. Für Zahra Breshna ist sie die Zukunft.

Die Altstadt ist die ökonomische Schlagader Kabuls. Sie misst etwa 420 Hektar. Und die Bevölkerungsdichte ist enorm: Auf einem Fünftel der Stadtfläche lebt ein Drittel aller Kabulis. Aber zu 65 Prozent ist hier alles zerstört. Raketen haben riesige Löcher gerissen, haben Häusern das Rückgrat gebrochen, zweite, dritte Stockwerke knicken in der Mitte ein, als seien sie aus Papier, aber unten gucken die Leute nicht nach oben. Sie haben gelernt zu erdulden, was von oben kommt. Stockwerke, Staub, Raketen…

Die Maiwand hat Zahra Breshna Feinde eingebracht – besser: ihre Weisung, dass niemand hier bauen darf, bevor sie nicht ihren Leitplan vorgelegt hat. Dabei wollen die Leute jetzt bauen. Dies ist die entscheidende Minute vor der Stunde Null eines Landes, das neu entsteht. Mit Hunderten von NGOs, Nichtregierungsorganisationen, und Tausenden UN-Beamten waren nach dem Sturz der Taliban auch erste Investoren ins Land gekommen – jetzt, nach den gelungenen Wahlen, werden es immer mehr. Die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, GTZ, die eine Agentur gegründet hat, die Investoren betreuen soll, meldet für die vergangenen Monate 30 bis 40 Interessenten wöchentlich.

„Können Sie sich vorstellen, wie viel Korruption hier herrscht?“, fragt Zahra. „Und wie wenig sie es mögen, dass ich hier bin?“ Wen sie mit „sie“ meint, sagt sie nicht. „Mit Waffen“, sagt Zahra, „dürfen sie in das Ministerium nicht rein“ – da wird, wie an den meisten Türen in Kabul, jeder gefilzt. Aber mit Worten haben sie ihr schon gedroht. Abriss fordern sie. Neubau. Für Zahras Plan, wenigstens Teile der aus Lehm erbauten Altstadt zu rekonstruieren, haben sie nichts übrig; das Argument, dass eine schöne Altstadt irgendwann einmal Touristen locken könnte, zieht kaum. Es ist ein wenig wie in Deutschland nach dem Krieg. Es muss schnell gehen mit dem Wohlstand. Alles soll anders werden. Modern ist ein Zauberwort, Tradition ein Fluch. „Für viele hier“, sagt Zahra, „ist das Alte Schmutz."

In ihrem Büro im Ministerium hängen die Pläne. Sie hat sie am Morgen noch schnell erklärt: Jedes einzelne Haus in der Altstadt sind sie und ihre Kollegen abgelaufen, jedes einzelne haben sie eingezeichnet entlang gerader Linien auf meterlangen Papierstreifen, die die Straßen darstellen. Sie haben die Nutzung jeder Etage vermerkt, die Besitzer, die Wasser- und Stromanschlüsse. Blau sind die Moscheen, grün die Geschäfte, gelb der Straßenhandel. Zahra Breshna hat aufzeichnen lassen, was wo passiert: wie viele Taxis pro Stunde vorbei kommen, wie viele Frauen, Männer, Fahrräder, Schubkarren, sie hat historisch wertvolle Orte gekennzeichnet und Raum für Neuplanungen markiert.

Aber weiter geht es jetzt nicht mehr. Sie hängt in der Luft. Plänemachen, ist alles, was sie noch tun kann. Keinen einzigen Auftrag hat sie bisher erteilen können. Es ist kein Geld da. Den Fortschritt, meinen viele in Afghanistan, den macht nicht die Regierung. Den machen die Menschen selbst oder die Hilfsorganisationen.

Afghanistan, sagt einer von der GTZ, entwickele sich so rasant, wie er es in einem Entwicklungsland noch nie erlebt habe. Bisher seien alle Vorgaben des „Bonn Agreements“ von 2001 eingehalten worden. Kabul ist immer noch staubbraun, fahl der Himmel, die Sonne wie hinter Milchglas – aber traurig ist Kabul nicht mehr. Es wächst, dass man zusehen kann. Es wuselt auf dem Tuchmarkt, Schmuckmarkt, Geldmarkt, auf den Karren gibt es alles, von Klopapier über Ringe, mit denen Analphabeten ihr Zeichen stempeln, bis zu rauchenden Fleischspießen. Presslufthämmer werden überschrieen, Menschen zerren an überladenen Eselswagen. Es gibt sogar schon die ersten Wirtschaftswunder: zwei Hochhäuser in der Neustadt Shar-i-Nau, fast fertig, eines blau verglast, eines grün. Und die ersten reichen Kabulis der neuen Zeit.

Assad Dizada ist so einer, Mitte 40, schnurrbärtig, freundliche Augen. Früher hatte er einen winzigen Supermarkt, den „Chelsea Market“, benannt nach dem Londoner Exil eines geliebten Onkels. Nach dem Sturz der Taliban hat Assad seinen Chelsea Market dann an die Hauptstraße der Neustadt verlegt, vergrößert und ein riesiges Schild angebracht. Hier gibt es jetzt alles, von Gillette Sensor-Klingen über Capri-Sonne bis zu kubanischen Zigaretten, alles aus Dubai importiert. An der Kasse ziehen die Kunden Euro- und Dollarscheine im Bündel aus der Tasche. Hier trifft man die Aufbau-Elite – Abdullah Nadi zum Beispiel, einen Riesen mit Gucci-Krawatte, Sonnenbrille und Stroh-Stetson auf dem kahlen Kopf. Nadi kauft gerade Heinz Ketchup.

„Oh, you are journalist?“, dröhnt er. „I can tell you a lot about Kabul. It’s a mess!“ – Kabul ist ein Chaos.

Wenn es nach Abdulla Nadi ginge, dann ist Kabuls zukünftiges Gesicht modern. Und dies ist die dritte Variante der Visionen von Kabuls Zukunft. Mit Zahra Breshna würde Nadi darüber streiten, warum es überholt ist, mit Lehmziegeln zu bauen, Ata Nursai würde er raten, nach vorne zu schauen und nicht zurück.

Vor acht Wochen hat Nadi die Afghan Builders Association gegründet, eine Art Dachverband der Bauunternehmen. Denn die Einheimischen, sagt Nadi, drohen ausgerechnet jetzt, im beginnenden Bauboom, von der internationalen Konkurrenz ausgestochen zu werden, weil sie jahrelang von moderner Technik abgeschnitten waren. Für Nadi ist Kabul aber auch ein „goldnugget“ – er will auch selber bauen. Die Pläne liegen auf seinem nagelneuen Schreibtisch im Büro: eine Anlage mit 5000 Appartements, samt Park, Basketballfeld, Krankenhaus und Schule.

Dumm nur, dass auf dem Grundstück, das er sich gesichert hatte, schon illegal gebaut wird.

Am Nachmittag lädt Nadi zur Stadtrundfahrt. Er fährt natürlich Jeep, einen großen schwarzen. Es ist lustig mit ihm. Dauernd zeigt er mit dem Daumen aus dem Fenster und knurrt „bad taste!“ – schlechter Geschmack. Oder „badly done!“ – schlecht gemacht. Nadi ist Bauingenieur. 1977 war er zum Studium in die USA gegangen und nicht mehr zurückgekehrt. „Afghanistan“ sagt er, „war immer ein Opfer von Machtspielchen. Ich wollte nicht das Opfer irgendwelcher Spielchen sein.“ Stattdessen war er im schönen Fairfax County, Virginia, geblieben und hatte Shoppingcenter gebaut.

Aber jetzt muss Nadi kein Opfer mehr sein. Jetzt kann er Kämpfer sein, was ihm eindeutig mehr liegt. „In Afghanistan zu sein“, sagt er markig, während er Händler von der Straße hupt, „ist, wie in einen Boxring zu treten. Ich bin in der neunten Runde. Wenn das System mich ausknockt, gehe ich. Aber wenn ich das System ausknocke, dann drücke ich dieser Stadt meinen Stempel auf."

Wenn Abdullah Nadi mit seinem Daumen in die Gegend zeigt, dann sieht man, was Zahra Breshna in der Altstadt so mühsam bändigt. Es wird wüst drauflos gebaut. Im Westen zum Beispiel entsteht ein neues Geschäftsviertel, Auftraggeber werfen klotzige Kästen zwischen Ruinen, Baumaschinen sind im Durcheinander vom Schutt kaum zu unterscheiden. Auf einem Quadratmeter hausen Kabulis noch in Plastikkanister-Hütten, drei Meter weiter schaufelt ein Bagger Gruben.

Beim Projekt eines „seiner“ Bauunternehmer hält Nadi an und lobt den heraneilenden Besitzer, aber als er wieder in den Jeep steigt, flüstert er grimmig: Hast du das gesehen? Keine Parkplätze, keine Grünflächen, keine Keller.

Dass seinen Landsleuten Konstruktionsstandards egal sind, macht Abdullah Nadi böse. Jeder baut hier, wie er will. Und nicht nur die Einheimischen. Die Deutschen machen Straßen so breit, wie sie es wollen, die Pakistanis wiederum, wie sie es gewöhnt sind. Dass am Ende nichts zusammenpassen wird, sehen viele als Kinderkrankheit des neuen Staates an – aber nicht Abdullah Nadi. „Das, was jetzt gebaut wird, wird den Charakter der Stadt verändern. Wir müssen aufpassen, was aus ihr wird.“ Jeder Blick aus dem Fenster erschöpfe ihn, sagt er.

Ja, Kabul kann auslaugen. Hier ist alles extrem. Gier, Tempo, Korruption und Motivation. Aber die, die jetzt wiederkehren, die haben ein besonderes Kaliber. Sie haben schon einmal Geschichte geschrieben, als Flüchtlinge, das wollen sie jetzt wieder, aber diesmal als Gründer. Um jeden Preis. Um fast jeden Preis.

* * *

Zahra Breshna sagt, sie habe mit Frust gerechnet – „aber gleich in dem Maß…“ Deshalb hat sie angefangen, Tagebuch zu schreiben. Immer, wenn sie glaubt, dass es nicht vorwärts geht, liest sie nach, wie es noch vor Monaten war. Die Tendenz ist positiv, sagt sie. Sie gibt nicht auf.

Abdullah Nadi verkündet, dass er „die neunte Runde“ gewinnen wird, im Kampf mit der Stadt.

Nur Ata Nursai sagt, er sehnt sich nach zu Hause. Er meint nicht Kabul.

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