Zeitung Heute : Auf neuen Wegen in die Zukunft

Die Entscheidung zwischen Lehre und Studium fällt vielen Abiturienten schwer. Dabei können sie beides gleichzeitig machen

Regina-C. Henkel

BERUF & BILDUNG: DIE ABITURIENTENMESSE „EINSTIEG ABI“ IN BERLIN

Wunsch und Wirklichkeit klaffen im Leben oft auseinander. Dass es im Berufsleben nicht anders ist, erleben viele Abiturienten schon, bevor es richtig losgeht. Beinahe jeder dritte Gymnasiast würde am liebsten bei Siemens, Lufthansa oder BMW arbeiten (siehe Grafik). Doch die Chancen dafür stehen schlecht. Der Münchner Elektronikkonzern baut nach wie vor Personal ab, die Lufthansa hat schon seit längerer Zeit einen Einstellungsstopp verhängt und ein Einstieg bei BMW wäre auch ein ausgesprochener Glückstreffer. Und davon einmal ganz abgesehen: Der größte Arbeitgeber hierzulande ist der Mittelstand. Im Jahr 2000 waren 69,7 Prozent aller rund 38 Millionen Erwerbstätigen bei den 2,9 Millionen kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) beschäftigt.

Das freilich wissen die wenigsten Abiturienten. Schon gar nicht ist ihnen klar, wie sie am besten, schnellsten oder auch einfachsten an eine Qualifikation kommen, die ihnen die Wahl zwischen Großbetrieb oder Mittelstand überhaupt ermöglicht – und die Chance auf einen Job im Wunschberuf obendrein. Dabei gibt es auch Möglichkeiten jenseits der klassischen Wege. Die Entscheidung zwischen Studium oder einer dualen Ausbildung in einem Lehrberuf muss nämlich gar nicht sein. Beides kann heute kombiniert werden – in einer Sonderausbildung Lehre plus Studium.

Diese Kombination wird immer beliebter. Das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (iw) hat ermittelt, dass derzeit rund 45 000 Jugendliche die dreijährige Sonderausbildung absolvieren: Theoretischer Unterricht an Berufs-, Verwaltungs- und Wirtschaftsakademien, Fachhochschulen und Universitäten wird hier mit praktischer Lehrzeit in Unternehmen kombiniert. Im Gegensatz zu normalen Studenten verdienen sie von Anfang an Geld – rund 770 Euro im Monat. Nach der Lehre steigen sie, etwa als Wirtschaftsinformatiker, mit einem Jahresgehalt von rund 35 000 Euro ins Berufsleben ein.

Zuversichtlich können die Kombi-Gebildeten auch deshalb sein, weil sie als Nachwuchskräfte gefragt sind. Von 500 vom iw befragten Firmen gaben beispielsweise 45 Prozent an, die Absolventen gegenüber FH-Abgängern zu bevorzugen. 38 Prozent räumten ihnen sogar bessere Chancen als Uni-Absolventen ein.

Die Abbrecherquote liegt mit nicht einmal fünf Prozent deutlich unter den Werten einer klassischen dualen Ausbildung oder eines Hochschulstudiums. Für Fachleute ist das ein sicherer Beweis für die seltene Deckung von Wunsch und Wirklichkeit.

Um allerdings eine Alternative zu den üblichen Karriere-Trampelpfaden überhaupt in Erwägung zu ziehen, braucht man einen gewissen Überblick. Daran fehlt es oft. Nach Erhebungen des „Trendence Institut für Personalmarketing“ fühlen sich nur 17 Prozent der bundesweit für das „Abiturientenbarometer 2003“ befragten Gymnasiasten „gut“ über die vor ihnen liegenden Berufsmöglichkeiten informiert. 18,2 Prozent der Befragten dagegen sagten „nicht gut“.

Wie kann das sein? Das Informationsangebot über Berufe ist so groß wie nie. Zeitungen, Zeitschriften, Bücher und das Internet sind voller Hinweise. Doch was nutzen Listen über „Die zehn exotischsten Studiengänge“ oder Porträts mit der Überschrift „Mein Arbeitstag“, in dem eine Psychiaterin über den „Sinn der dunklen Seite“ nachdenkt? Die Klassifizierung des Statistischen Bundesamtes unterscheidet in sechs Berufsbereiche, 33 Berufsabschnitte, 88 Berufsgruppen, 369 Berufsordnungen und nicht weniger als 2287 Berufsklassen. Bei dieser Vielfalt an Möglichkeiten allein im Ausbildungsbereich ist es kein Wunder, dass sich die Industrie- und Handelskammern, die Handwerkskammern sowie berufsständische Verbände werbend ins Zeug legen. Lehrstellennot hin und auch her: Abiturienten sind gern gesehene Auszubildende.

Immerhin gibt die große Mehrheit der vom Trendence-Institut befragten Gymnasiasten an, „teils / teils“ über den Arbeitsmarkt informiert zu sein. Das selbst attestierte Unwissen ist nachvollziehbar. Die Eltern, üblicherweise die ersten Ratgeber in Sachen Berufswahl, sind ratlos. Was sollen sie empfehlen, wenn nicht einmal mehr eine Banklehre zukunftssicher ist. Jahrzehntelang galt sie als Inbegriff für einen einträglichen Beruf. Schlimmer noch: Ausbildung und anschließender Arbeitsvertrag sind selten geworden. Die Arbeitsrollen heißen nicht mehr Unternehmer oder Angestellter, sondern auch noch Leiharbeiter oder freier Dienstleister.

Die Hamburger Organisationsberaterin Lydia Düsterbeck sagt: „Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, über Arbeit muss neu nachgedacht werden.“ Und genau das tun immer mehr Abiturienten. Sie besuchen zum Beispiel Messen wie die „Einstieg Abi“. Wer völlig unentschlossen ist, kann sich hier in kürzester Zeit über die Offerten von Berufsverbänden informieren. Und nur ein paar Schritte davon entfernt warten dann schon die Protagonisten eines Studiums.

Die Abiturienten freut’s, denn für viele von ihnen ist ein Studium keineswegs immer die erste Wahl, ihnen fehlen lediglich Alternativen. Laut „Abiturientenbarometer 2003“ möchten zwar 64,5 Prozent der Gymnasiasten auf die Alma Mater wechseln, doch 14,3 Prozent sehen sich eher in einer Berufsausbildung oder an einer Berufsakademie – und die präsentieren sich ebenfalls in aller Breite vor interessiertem Nachwuchs.

Weitere Infos im Internet unter:

www.berufenet.arbeitsamt.de ,

www.iw-koeln.de , www.bibb.de

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