Zeitung Heute : Auf Rabatt verzichten

Wie eine Neu-Berlinerin die Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Als vor fast genau zwei Jahren das Rabattgesetz fiel, da grämte sich mancher Kunde, weil er sich nun zum Feilschen gezwungen wähnte und das Vertrauen in die ausgewiesenen Preise verlor. Zu diesen Kunden gehörte auch ich. Meine ersten Feilscherfahrungen hatte ich allerdings auch als Teenager während eines Familienurlaubs in Tunesien gemacht, wo ich beim Basarbesuch von so vielen kreischenden Händlern mit Rabattangeboten für Ketten, T-Shirts, Umhängetaschen, Plastikspielzeuge und Glaskugeln überhäuft wurde, dass ich in Panik geriet und heulen musste. Vor der ganzen Reisegruppe. Danach hatte ich ein Rabatttrauma.

Als dann die Abkehr vom fairen Festpreis auch hierzulande möglich wurde, beschloss ich, darauf zu pfeifen. Und die meisten anderen taten es ebenso. Aber nicht alle. Und nun, nach zwei Jahren, höre ich sie immer häufiger, die Geschichten von Rabatten, die man erhielt. Als Freundin K. etwa bei Schelpmeier, einer kleinen Boutique am Wasserturm, zugegebenermaßen reichliche zwei T-Shirts, zwei Pullover und einen Rock kaufen wollte, erließ ihr die Verkäuferin 15 Euro vom Gesamtpreis. Freiwillig.

Nur unter Schmerzgeheul reduzierte bei anderer Gelegenheit ein Verkäufer bei „Barfuß oder Lackschuh“ den Preis für drei (!) Paar Schuhe von 345 auf 310 Euro. Seine Kundin wollte nur 280 Euro geben, was er ihr mit wehleidigen Schilderungen über die Lage im Schuhgeschäft ausredete. Immerhin: 35 Euro gespart. Das zahlen andere für Schuhe.

Ich beschloss, doch mal einen Rabatt zu erhandeln. Als ich auf der Suche nach Lampen beim „Exil-Wohnmagazin“ fündig wurde, schien die Gelegenheit günstig. Mir gefiel Modell „Glacier“ für 86,50 Euro. Ich war bereit, vier Stück zu kaufen. Vier mal 86,50 Euro, das sind 346 Euro. Wie bei den Schuhen – womit das Verhandlungsziel fest stand.

Mit gewichtigem Blick wandte ich mich an einen jungen Verkäufer. „Ich möchte gleich mehrere Lampen bei Ihnen kaufen“, sagte ich, machte eine Kunstpause, damit er sich schon mal ausgiebig freuen kann, und schob dann nach: „…und wollte mal fragen, ob Sie mir im Preis etwas entgegenkommen“. Ganz selbstverständlich, sagte er, holte mehrere Ordner hervor, blätterte darin herum, tippte auf einem Taschenrechner, tippte noch mal und sagte dann: „Die könnte ich Ihnen für 338 Euro überlassen.“ „Oh“, hauchte ich, „nur acht Euro Rabatt?“ Der Verkäufer zuckte die Achseln und sagte. „Können Sie nicht mehr Lampen kaufen? Zwanzig?“

Ich hatte gerade beschlossen, nie wieder nach Rabatt zu fragen, da stand ich am Tresen eines Fahrradladens, wo ich die gleiche Fahrradlampe kaufen wollte, wie der Mann vor mir. Er wollte nur das Licht, nicht den Halter und fragte, ob’s dann billiger werde. Ja, sagte der Verkäufer. Er bekäme statt Halter Batterien fürs Licht. Der Mann nickte und zahlte. Dann war ich dran und nutzte die Chance. „Kann ich das auch so haben?“, fragte ich – und bekam den ersten Rabatt meines Lebens.

Mit unterschiedlichem Erfolg gehandelt wurde bei „Schelpmeier“, in der Knaackstraße 20a, „Barfuß und Lackschuh“ in der Oranienburger Straße 89, „Exil-Wohnmagazin“, Yorckstraße 24 und „Pedalkraft“ in der Skalitzer Straße 69.

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