Zeitung Heute : Auf rechten Wegen

Ein Land der No-go-Areas? Wanderungen durch die Mark Brandenburg

Verena Mayer

Von Frankfurt (Oder) nach Berlin

Die Regionalbahn ist voll, trotzdem hat der Mann vier Plätze für sich. Der Mann ist Schwarzer. Er trägt weite Jeans, um den Hals baumelt eine goldene Kette mit einem Löwen dran. Lässig lehnt er in seinem Sitz, die Beine ausgestreckt bis unter den Sitz gegenüber, als wäre es purer Zufall, dass er hier sitzt und sonst niemand. Leute gehen durch den Waggon und suchen sich einen Platz, Blicke streifen den Mann. Irgendwann zieht er seine Baseballkappe über die Augen. Unter dem Rand der Kappe hinweg beobachtet er die Leute, die ihn beobachten.

Mamadou Daramera kommt aus Mali und pendelt zwischen Frankfurt (Oder) und Berlin, er hat Freunde in beiden Städten. Er lebt seit fünf Jahren in Deutschland, er hat in einem Restaurant gearbeitet. Im Hintergrund zerfasert der Stadtrand von Frankfurt in bruchfälligen Industriebauten, nur den Oderturm sieht man noch, als das Land schon weit und platt wird. Wälder ziehen vorbei, Windräder und Wiesen, auf denen sich wenige Schafe ausmachen wie Silberfischchen auf grünem Fußbodenbelag.

Wie es für ihn sei, in Brandenburg unterwegs zu sein? Eigentlich ganz normal, sagt Daramera. Nur letztes Mal in Frankfurt hätten sie „du Opfer“ zu ihm gesagt. Und in einer Disco hatte ein Typ eine Pistole im Hosenbund stecken und wollte ihn angreifen, weil er bei Daramera keine Drogen bekam. Und dann seien ihn noch zwei Männer beim Tanzen angegangen, Glatzen eben. Das Wort „Glatzen“ kommt Daramera leicht über die Lippen, beiläufig. Als sei das etwas, das in Deutschland dazugehört wie zum Beispiel in England das Wetter.

Knapp eineinhalb Jahrhunderte, nachdem Theodor Fontane Brandenburg bereist hat, liest sich das Ortsregister seiner „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ wie das Inhaltsverzeichnis aus einem Jahresbericht für Rechtsextremismus. Einige Beispiele aus den vergangenen Wochen. Bad Freienwalde: Ein 17-Jähriger und ein junger Russlanddeutscher werden rassistisch angepöbelt, der 17-Jährige wird zusammengeschlagen. Er erleidet ein Schädel-Hirn-Trauma und einen Nasenbeinbruch. Fürstenwalde: Auf einem Frühlingsfest werden vier alternativ aussehende Jugendliche von rechten Schlägern angegriffen. Rathenow: Ein Asylbewerber aus Togo fährt mit dem Fahrrad vom Einkaufen zurück ins Heim. Ein BMW, in dem drei Männer sitzen, versucht, den Flüchtling zu überfahren. Der kann sich mit einem Sprung zur Seite gerade noch retten. Das Land Fontanes – gerade macht es Schlagzeilen als Land der No-go-Areas. Was erlebt man, wenn man dieser Tage Wanderungen durch Brandenburg macht?

Die Dönerbude von Rheinsberg

„Wer in der Mark reisen will“, hat Fontane geschrieben, „der muss zunächst Liebe zu ‚Land und Leuten‘ mitbringen, mindestens keine Voreingenommenheit. Er muss den guten Willen haben, das Gute zu finden, anstatt es durch krittliche Vergleiche totzumachen.“ Es gibt wahrscheinlich keinen, der so sehr dieser Meinung ist wie Mehmet Cimendag, dessen Dönerbude in zwei Jahren viermal in Flammen stand. Einmal brannte sie völlig aus.

„Es sind nicht alle Rheinsberger so“, sagt Mehmet Cimendag. Er steht allein an seinem Stand und raspelt Rotkohl. Das „Grillhaus“ wirkt auf dem Platz zwischen Friedhof und Supermarkt verloren wie ein Möbelstück, das jemand beim Umziehen auf der Straße stehen gelassen hat. Weit und breit ist niemand, das Rheinsberger Schloss ist zwar nur zehn Minuten entfernt, aber das ist fast schon eine andere Welt. „Herzlich willkommen! Woher seid ihr? Where are you from?“, sagt er zu jedem, der sich in diese Ecke verirrt. Mehmet Cimendags dienstleistungsbereites Gesicht wird auch nicht weniger freundlich, wenn man ihn auf die Anschläge anspricht. Cimendag sagt, dass man die schönen Seiten von Rheinsberg sehen müsse. Dass vieles von den Medien aufgebauscht werde und dass das nur die Touristen vertreibe. Er klingt wie ein CDU-Politiker, der um den Mittelstand bangt.

Rheinsberg ist eine Fontane-Stadt. Das Rheinsberger Schloss hat Fontane auf einer Reise durch Schottland „wie eine Fata Morgana“ aufglühen gesehen, dieses Bild brachte ihn dazu, seine Wanderungen zu beginnen. „Ich bin die Mark durchzogen und habe sie reicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte“, schrieb Fontane. Cimendag würde das nicht so ausdrücken, aber ansonsten ist er ganz dieser Ansicht. Vor drei Jahren ist er hierher gekommen, er war auf der Durchreise, und er ist hängen geblieben, weil es ihm gefallen hat. Und die Brände, die Dutzenden Straftaten in Rheinsberg mit rechtsradikal motiviertem Hintergrund? Cimendag seufzt und lächelt gleichzeitig. Die Jugendlichen hätten einfach keinen Respekt. Nicht vor ihren Lehrern, nicht vor ihren Eltern. Er sehe das ja, wenn sie nach der Schule zu ihm kommen. Wann hat man das letzte Mal einen Jugendlichen gesehen, der einem alten Menschen hilft? Jedes Mal, nachdem sein Imbiss brannte, hat er ihn wieder aufgemacht, es war seine Art, sie Respekt zu lehren.

2005, als der Stand gänzlich niederbrannte, hat der Bürgermeister einen offenen Brief geschrieben, und die Rheinsberger haben gegen Rassismus demonstriert und für Cimendag Geld gesammelt. „Das war schon eine große Solidarität“, sagt Cimendag. Die Bude ist jetzt größer und in freundlichem Mintgrün gestrichen. Überhaupt will Rheinsberg nicht als No-goArea gelten, schon wegen der Touristen, die hier in Busladungen zum Schloss kommen. Einige Restaurants und das Tourismus-Büro haben jetzt „Noteingang“-Schilder in den Fenstern. In Deutsch, Englisch und Russisch steht darauf, dass Opfer von Übergriffen hier Zuflucht finden würden. „Naja, was würde ich dann tun?“, sinniert die Kellnerin im Restaurant „Zum alten Fritz“. „Ich würde den wahrscheinlich hierher setzen, ihm was zu trinken geben, und dann würde ich die Polizei rufen.“ Erst unlängst hätten sie eine Reservierung storniert, weil es sich um eine Versammlung von Rechten gehandelt habe. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, hat die Heinrich-Rau-Oberschule in ihre Fenster geschrieben, als wolle sie den Rechten den Finger zeigen. Darunter kleben selbst gemalte Bilder: ein schwarzer Stammeskrieger, eine Frau mit Burka, ein Mann auf einem Kamel, ein Eskimo und eine Holländerin mit einem Käse.

Ein Gespräch in der Bahn:

- Wo bist’n du her, Islam?

- Nee, aus Neukölln, aber mein Vater ist Türke.

- Rate mal, wo ick her bin?

- Hm ...

- Na, icke, dit, wo redet man denn so?

- Im Osten?

- Tiefster Osten, Cottbus. Aber ick werde auch immer für’n Ausländer gehalten. Weil erstens: dunkles Haar, zweitens: groß, drittens: Bartwuchs. Wann war der Zweite Weltkrieg ?

- Äh, 1939 bis 1945, warum?

- Stimmt. Wie hoch ist der Mount Everest?

- Ist das hier ein Quiz oder was?

- Ich muss jetzt raus. Tschüss.

- Ick bin übrigens der Sebastian.

- Freut mich.

- Ick steig jetzt einfach auch aus und komm mit.

Von Rheinsberg nach

Rathenow

Die Straße führt vorbei an Rapsfeldern und kleinen Bächen. Baumreihen stehen in der Landschaft wie aufgestellte Kämme, Weiden mit Kühen ziehen vorbei. Auf einen Pfahl hat jemand einen Trabi gesteckt, und auf dem Dach des Trabis befindet sich ein Storchennest. Weidende Kühe, eine Tankstelle mit der Aufschrift „Trinken Tag und Nacht“, dann kommen ebenerdige Häuschen, schließlich Plattenbauten: Rathenow.

Rathenow war einst die Stadt der Optik, heute ist sie als Stadt der Rechtsextremen bekannt. Rathenow hat sich hübsch gemacht dieser Tage, es ist Landesgartenschau. Dicht an dicht wurden die blühenden Pflanzen gesetzt, hier jedenfalls gibt es keine braunen Flecken. Wenn es um die Bekämpfung von Rechtsextremismus, ist Rathenow seit langem ein Schwerpunkt.

Die Rechten sind gut organisiert, erst im vergangenen Jahr hat das brandenburgische Innenministerium zwei Kameradschaften verboten, das „Hauptvolk“ und dessen Jugendgruppe „Sturm 27“, benannt nach einer SA-Einheit, die in Rathenow stationiert war. Die Leute gebe es allerdings noch immer, man erkenne sie jetzt an den T-Shirts, auf denen „Verbotene Freundschaft“ steht, erzählt Florian Egert.

Egert ist aus Rathenow, er ist 20, und die Rechten gehören zu seiner Stadt, seit er denken kann. Unlängst waren sie bei ihm in der Wohnung. Es war zwischen sechs und sieben Uhr morgens, er war nach einer Party bei sich zu Hause auf dem Weg ins Bett, als es an der Tür klingelte. Florian Egert dachte, jemand hätte etwas vergessen. Doch es waren wieder „die“, wie er sagt. Sie rissen die Poster in seiner Wohnung ab, schlugen ihn und hielten ihm eine abgebrochene Bierflasche an den Hals. Seither hat er ein Messer unter dem Kopfkissen liegen.

Florian Egert ist ein großer und kräftiger junger Mann, der artig beim Sie bleibt, selbst wenn man ihm das Du angeboten hat. Aber Egert gehört auch zu denen, die in Rathenow nicht die Straßenseite wechseln, wenn „die“ daherkommen. Im Internet haben sie Bilder von Neonazis zusammengetragen und minuziös deren Aktivitäten dokumentiert. Sie wissen, dass „die“ sich derzeit auf einem leer stehenden Fabrikgebäude treffen, hinter verdunkelten Fenstern, und fahren immer wieder vorbei, um zu sehen, was los ist. Auch jetzt stehen wieder Autos davor, manche haben die Aufschrift „76“. Was das bedeutet, haben sie noch nicht herausgefunden. Sonst kann Egert die Codes von Rathenow lesen. „SPK“ bedeute etwa „Skinhead Power Kontroll“. Und die Gruppierung „Die weissen Wölfe“ schreibe sich ganz bewusst mit „ss“.

Florian Egert ist ein gefragter Gesprächspartner dieser Tage, und er opfert viel Freizeit, um mit den Medien zu reden. Immer wieder hätten ihn Journalisten gefragt, was seine Eltern eigentlich dazu sagen. Bitte, seine Eltern würden sich interviewen lassen. Herr und Frau Egert leben in einem Einfamilienhaus mit Garten und geleiten die ungebetenen Gäste ins Wohnzimmer. Alles hier strahlt die Ordentlichkeit kleinbürgerlichen Wohlstands aus. Auf dem Tisch liegt eine frisch gebügelte Tischdecke, darauf sind Glassteine zur Dekoration angeordnet. Eine Sitzgarnitur aus Leder, Blumen in einer Schale. Die Egerts, sie eine zugewandte Mittvierzigerin, er ein redseliger Vollbartträger, sehen nicht aus, als würden sie bei jeder Demonstration mitgehen oder sich leichtfertig zu politischen Äußerungen hinreißen lassen. Aber irgendwann hätten sie es doch wissen wollen.

Sie sind dann zum Stadtfest gegangen, wo sich traditionellerweise auch die Rechten tummeln. Herr Egert kann sich heute noch darüber empören. „Die Linken standen auf der einen Straßenseite, ruhig. Die wurden abgedrängt, bis die Rechten ihre Ruhe hatten. Zu denen wurde höchstens gesagt, macht mal leiser, und unserer Florian saß wie nach jedem Stadtfest in der Zelle.“ Die beiden sind auf rührende Weise angesteckt vom Engagement ihres Sohnes. Herr Egert glaubt, dass die Polizei mit den Linken viel härter umspringe als mit den Rechten, und er sagt Sätze wie „Das ist ein Rechtsstaat – im wahrsten Sinn des Wortes“. Herr und Frau Egert haben viele Ängste ausgestanden um ihren Sohn. Einmal haben „die“ das Auto angegriffen, in dem Florian saß, mit Steinen und Stangen haben sie draufgeschlagen, das Auto hatte Totalschaden. Es gab auch einen Prozess deswegen und einen Gutachter. Der sollte allerdings herausfinden, ob Florian Egert den Wagen auch selbst beschädigt haben könnte, das haben die Egerts später erfahren. Am liebsten wäre ihnen ja, wenn ihr Sohn weggeht aus Rathenow, „er ist ja hochbegabt“, sagt Herr Egert. „Aber andererseits ist es schon vernünftig, was er macht.“

Eine Statistik aus Brandenburg

An einem Donnerstag im August 2005 wurden in Rathenow 54 Aufkleber „Zum Gedenken an den Todestag von Rudolf Hess“ oder „Rudolf Hess – Märtyrer des Friedens“ entfernt. Im Mai 2005 waren 392 Aufkleber mit der Aufschrift „8. Mai – wir feiern nicht“ abgepult worden. Insgesamt haben Privatleute, wie die Antifa Westhavelland in ihrem Jahresbericht 2005 zusammengetragen hat, 956 Aufkleber rechtsextremen Inhalts entfernt, von Fahrradständern, Strommasten, Zigarettenautomaten, Briefkästen, Bushaltestellen, Zäunen, Verkehrszeichen oder Hauswänden.

Die Egerts sagen, sie würden jetzt mit offenen Augen durch die Stadt gehen. Ihnen fallen die Schmierereien auf, die Aufkleber und die Parolen. Sie reden mit ihren Freunden über das, was Florian ihnen erzählt. Weil sie wollen, dass Rathenow ihnen gehören soll und nicht „denen“. Auch Florian will bleiben, obwohl er vor einigen Wochen erst wieder schwer verletzt wurde. Und so lässt sich über die so genannten No-go-Areas vor allem eines sagen: Man trifft sehr viele Leute, die nicht gehen wollen.

Die Regionalbahn aus Frankfurt (Oder) nähert sich dem Berliner Ostbahnhof. Mamadou Daramera setzt sich auf und grinst. „Neger oder Schoko – eines davon sagen sie immer zu mir.“ Er ist unterwegs nach Köln, von dort geht es weiter nach Belgien. Er will an einer Demonstration gegen Rassismus teilnehmen. Für ein schwarzes Kindermädchen, das von einem jugendlichen Neonazi getötet wurde. Sie war ebenfalls aus Mali, Daramera nennt sie liebevoll „Cousine“. Er schnappt seinen Rucksack und verabschiedet sich. Die Plätze um ihn herum sind bis Berlin frei geblieben.

Mehmet Cimendag ist noch immer mit seinem Rotkohl beschäftigt. Es ist inzwischen ein ganzer Berg, was ein wenig seltsam wirkt, denn noch immer ist niemand vorbeigekommen. Man hat den Eindruck, als wolle Mehmet Cimendag der Welt zumindest einen Berg Rotkohl entgegensetzen. Was er aus seiner Erfahrung in Deutschland gelernt habe? „Weitermachen“, sagt Mehmet Cimendag. Er raspelt.

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