Zeitung Heute : Auf Rekordkurs

Deutschlands Finanzplätze sind bei Optionen, Futures und Swaps Weltmeister. Doch die Wettbewerber schlafen nicht. In der Branche wird mit harten Bandagen gekämpft

Udo Rettberg

Derivate sind gefragt wie nie zuvor: Die weltweiten Umsätze mit diesen künstlichen Finanzinstrumenten sind im Jahr 2003 um rund 40 Prozent gestiegen. Die Gründe für den Run auf Derivate wie Optionen, Futures, Forwards oder Swaps sind vielfältig. Immer mehr Anleger haben erkannt, dass Finanz-Derivate sowohl für die Absicherung von Kursrisiken als auch für die Spekulation auf steigende oder sinkende Kurse eingesetzt werden können. Dabei spielt auch das starke Wachstum von Hedge Fonds eine große Rolle; denn diese Marktteilnehmer nutzen Derivate verstärkt zur Umsetzung ihrer teilweise sehr komplexen Anlagestrategien.

Darüber hinaus wird der Gedanke des Risiko-Managements im Hinblick auf neue Eigenkapitalvorschriften der Banken im Rahmen der Verhandlungen über Basel II auch in der Wirtschaft immer stärker beachtet. Die Unternehmen der Wirtschaft müssen sich nicht nur mit Finanzmarkt-Risiken, sondern verstärkt auch mit Rohstoffpreis-Risiken auseinandersetzen. Der starke Anstieg der Rohstoffpreise – vor allem der Energiepreise – kann als ein klarer Beweis dieser These gelten. Der Boom mit Derivaten spielt sich an den OTC-Märkten – also an den Freiverkehrsmärkten – vor allem aber an den internationalen Terminbörsen ab. Sowohl an den OTC-Märkten als auch an den organisierten Terminbörsen sind in diesem Jahr auf Basis der Umsatzzahlen des Monats Januar wiederum neue Umsatzrekorde zu erwarten.

Vier organisierte Terminbörsen

Erfreulich aus heimischer Sicht: Deutschland darf als Weltmeister in Sachen Derivate gelten. Beweis gefällig? Hier zu Lande existieren inzwischen mit der Eurex in Frankfurt, der Euwax in Stuttgart, der European Energy Exchange (EEX) in Leipzig und der Warenterminbörse (WTB) in Hannover vier organisierte Terminbörsen. Darüber hinaus versucht die Deutsche Börse AG (Muttergesellschaft der Eurex) einen Teil des Kuchens im Handel von Optionsscheinen und Zertifikaten zu ergattern, den die Euwax als Teil der Stuttgarter Wertpapierbörse in den vergangenen Jahren mit einer geschickten Nischenpolitik fast allein für sich erobert hat. Der Handel mit von Banken emittierten Optionsscheinen und Zertifikaten wird darüber hinaus immer stärker auf den elektronischen Handelsplattformen abgewickelt, die die Emissionsbanken in den vergangenen Jahren kreiert haben.

Allein die Existenz dieser Terminbörsen sagt jedoch noch lange nichts über die Akzeptanz von Derivaten bei den deutschen Anlegern und in der deutschen Wirtschaft aus. Dass Derivate in Deutschland vor rund 15 Jahren zu einem bis heute noch nicht beendeten einzigartigen Siegeszug angetreten sind, ist zum Beispiel daran zu erkennen, dass sich die seinerzeit gegründete Eurex inzwischen zur weltgrößten Terminbörse emporgeschwungen hat und die EEX in Leipzig unter den Strombörsen in Europa Rang zwei einnimmt. Die Euwax in Stuttgart kann darüber hinaus als die wohl größte Derivatebörse der Welt für Optionsscheine und Zertifikate gelten.

Doch damit hat Deutschland im Derivategeschäft noch längst nicht alle Trümpfe ausgespielt. Der weitaus größte Teil des internationalen Geschäfts mit diesen künstlichen Finanzinstrumenten spielt sich eben nicht an Terminbörsen ab, sondern findet im so genannten Interbankenhandel in direkten Geschäftsabschlüssen zwischen den großen Banken statt. Hier werden zum Beispiel Zinsswaps (Zinstauschgeschäfte), Devisenoptionen und Kreditderivate (der Handel von Kreditrisiken) gehandelt. In diesen boomenden Marktsegmenten sind die deutschen Banken zwar nicht gerade die treibenden Kräfte, doch findet ihr Engagement hier durchaus große Beachtung. Und auf Grund der zuvor dargestellten Fakten kann dann mit Fug und Recht behauptet werden, dass Deutschland Weltmeister in Sachen Derivaten ist.

Doch Erfolg weckt bekanntlich Neider. Vor allem dann, wenn man diesen Erfolg rund um die Welt tragen will. Den Anspruch, eine globale Handelsplattform für Finanzderivate aufbauen zu wollen, hat Rudolf Ferscha, Vorstandschef der Eurex. Doch Ferscha musste in den vergangenen Wochen die leidige Erfahrung machen, dass es leichter ist, an die Weltspitze zu kommen, als sich dort oben auch zu behaupten. Die Eurex geriet mit den US-Konkurrenten in Chicago aneinander, weil sie den Wunsch geäußert hatte, nach Beendigung einer Partnerschaft mit dem Chicago Board of Trade (CBOT) am 1. Februar 2004 mit einer eigenen Terminbörse in Chicago an den Start gehen zu wollen. Das Chicago Board of Trade und die Chicago Mercantile Exchange (CME) sahen in diesem Zusammenhang ihre Felle davon schwimmen und versuchten, den Eintritt des weltgrößten Konkurrenten auf dem US-Markt zu verhindern. Die Auseinandersetzung der Kontrahenten ging schließlich vor Gericht.

Nachdem der Eurex-Antrag auf Börsenzulassung in den USA sogar den Unterausschuss des Senats in Washington beschäftigte, entschied die Aufsichtsbehörde CFTC letztlich zu Gunsten des deutsch / schweizerischen Gewächses. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil die Eurex-Frage bis auf die allerhöchste politische Bühne getragen worden war. Denn zu dieser Problematik hatten sich auch die Finanzminister beider Länder Eichel und Snow zu einem Gedankenaustausch getroffen. Die Eurex hatte für ihre Pläne darüber hinaus Unterstützung nicht nur durch die großen Verbände der Finanzdienstleistungsbranche in den USA, sondern auch durch US-Notenbankchef Alan Greenspan erhalten. Letztlich machten die USA ihrem Ruf als Land der freien Marktwirtschaft und des fairen Handels dann doch alle Ehre. So erfolgte der Start von Eurex US mit einwöchiger Verspätung am 8. Februar 2004.

Für Beobachter kamen die Abwehrversuche der US-Terminbörsen nicht überraschend. Mit verkrusteten Organisations-Strukturen und einem veralteten Handelssystem – der physischen Anwesenheit von Händlern auf dem Parkett der Börsen – hatten sie während der vergangenen 15 Jahre den Trend zum vollelektronischen Handel über lange Zeit hinweg verschlafen. Beobachter sind sich einig: Es ist vor allem das vollelektronische Handelssystem mit integriertem Clearing (Abwicklung und Abrechnung der Geschäfte), das den eigentlichen Erfolg der Eurex ausmacht. Das von der Eurex entwickelte Handelssystem erlaubt einen fairen und demokratischen Zugang zu einer vollelektronischen Handelsplattform von praktisch allen Standorten der Welt aus. Obwohl die Elektronik inzwischen auch an CME und CBOT Einzug gehalten hat, wird heute noch immer ein nicht unbeträchtlicher Teil des Derivategeschäfts in Chicago auf dem Börsenparkett abgewickelt.

Eurex-Vorstandschef Rudolf Ferscha sieht seine Institution jedoch nicht nur im Hinblick auf die Schnelligkeit und Verlässlichkeit des Handels und der Abwicklung, sondern gerade auch hinsichtlich der Kosten in einer komfortablen Position im Vergleich zu den US-Konkurrenten. „Wir sind die billigste Terminbörse der Welt“, heißt es an der Eurex, die als die einzige wahre globale Erfolgsgeschichte des deutschen Börsenwesens gilt.

Der Spieß wird umgedreht

Die US-Wettbewerber der deutsch / schweizerischen Terminbörse sehen ihre Felle durch den Auftritt der Eurex in den USA jetzt davon schwimmen und greifen zu entsprechend harten Mitteln. Das Chicago Board of Trade hat zum einen eine deutliche Senkung ihrer Börsengebühren und zugleich die Einführung von auf Euro basierenden Terminkontrakten angekündigt. Während die Produktpalette von Eurex US aus den Kernprodukten des CBOT – nämlich Terminkontrakte auf US-Staatsanleihen – besteht, kehrt das CBOT den Spieß um und ergänzt ihre Angebotsliste um Terminkontrakte auf Euro-Staatsanleihen, die bisher eine Domäne der Eurex sind.

Wenn in Bezug auf Deutschland von der großen Erfolgsstory in Sachen Derivate die Rede ist, dann darf der Hinweis darauf nicht fehlen, dass es auf diesem Gebiet auch noch erhebliche Lücken gibt. Diese Lücken betreffen zum Beispiel den Handel mit börsennotierten Devisen-Optionen an der Eurex. Die weltgrößte Terminbörse hat dieses Feld bislang noch immer den Banken überlassen, die ihren Großkunden maßgeschneiderte Devisen-Optionen anbieten.

Ein weiterer weißer Fleck sind Rohstoff-Derivate. Die Warenterminbörse in Hannover hat die Erwartungen bisher nicht erfüllt. Die von der norddeutschen Agrarwirtschaft gegründete Börse hat es bislang nicht verstanden, ihre Daseinsberechtigung nachzuweisen. Die Umsätze in Derivaten auf Agrar-Terminkontrakte (vor allem Kartoffeln und Schweine) lassen nach wie vor stark zu wünschen übrig. Nach Informationen von Eurex-Insidern ist jedoch zu erwarten, dass die weltgrößte Terminbörse ihre einseitig auf Finanzderivate in absehbarer Zeit um Rohstoffderivate und um den Handel von CO2-Emissionsrechten ergänzen wird.

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