Zeitung Heute : Auf Rezept zur Formel 1

Der Tagesspiegel

Von Alexander S. Kekulé

Korruption ist, so scheint es, in Deutschland längst Alltag geworden. 10 Millionen Euro Schmiergelder in Wuppertal, siebenstellige Summen in Köln. Und für alle, die Deutschland bereits als nördlichsten Teil Italiens ansehen, setzte die Staatsanwaltschaft München I am Montag noch eins drauf: Rund 4000 Ärzte aus deutschen Kliniken stehen unter dem Verdacht, jahrelang von einer Pharmafirma für die Verschreibung von Medikamenten geschmiert worden zu sein. Neben Kongressreisen, Büchern und Computern sollen sogar Ausflüge zu Formel-1-Rennen oder zum Endspiel der Fußballweltmeisterschaft in Paris drin gewesen sein. Wären die Vorwürfe berechtigt, würde der Fall sogar den „Herzklappen-Skandal“ in den Schatten stellen, bei dem Mitte der 90er Jahre 1700 Klinikärzte unter Bestechungsverdacht standen.

Bei genauerem Hinsehen bleibt vom groß inszenierten Schlag gegen die mächtige Ärzte-Mafia jedoch kaum etwas übrig. Hintergrund der ans Licht beförderten Ereignisse sind nicht kriminelle Kartelle und heimlich übergebene Geldkoffer, sondern überbordende Bürokratie und leere Kassen in deutschen Kliniken - statt dunkler Paten werden die Staatsanwälte höchstens ein paar schwarze Schafe vorführen können. Im Gegensatz zu den Schmiergeldern im Baugewerbe und der öffentlichen Verwaltung gehören Zuwendungen der Pharmaindustrie an Ärzte und Wissenschaftler zum ganz normalen - und legalen - Klinikalltag: Ohne die Industriegelder für wissenschaftliche Geräte, Verbrauchsmittel, Kongressreisen und Personal wären viele Forschungsprojekte nicht zu finanzieren. Umgekehrt ist die Pharmaindustrie für die vorgeschriebenen Studien zu Wirkungen und Nebenwirkungen ihrer Medikamente auf die Zusammenarbeit mit den Kliniken angewiesen; die Ergebnisse von geförderten Projekten fließen in die industrielle Forschung mit ein.

So weit ist die Allianz zwischen Kliniken und Industrie legal, forschungspolitisch gewünscht und unverzichtbar: Für einige Ausgabenposten, in die seit Jahrzehnten Pharma-Gelder fließen, sind in den klammen Kliniken so gut wie keine Budgets vorhanden. So stehen selbst Klinikdirektoren mit Etatverantwortung in zweistelliger Millionenhöhe oft keine eigenen Mittel für Fortbildungen oder Dienstreisen zur Verfügung.

Zur juristischen Falle wird die willkommene Geldspritze dann, wenn die Spender zugleich ihre Mittel an das Krankenhaus verkaufen - was bei den großen Pharmafirmen fast immer zutrifft: Da Ärzte Einfluss auf das Einkaufsverhalten der Klinikapotheke haben könnten, stehen sie bei Annahme von Pharmaspenden unter dem Generalverdacht der Korruption. So dürfen etwa Zuwendungen für Kongressreisen nur angenommen werden, wenn sie mit einer „Gegenleistung“ verbunden sind - deshalb „bezahlen“ Pharmafirmen neuerdings einen schriftlichen Kongressbericht statt Reisekosten. Sogar die Annahme einer Leistung für Dritte kann bis zu drei Jahre Gefängnis einbringen, etwa wenn ein Kinderarzt eine Weihnachtsfeier für seine krebskranken Patienten sponsern lässt und dadurch - so die Rechtsprechung - einen „immateriellen Vorteil“ durch „Mehrung seines Ansehens“ hat.

Von den 4000 Verdachtsfällen hat die Münchner Staatsanwaltschaft 2200 Verfahren bereits wieder eingestellt - es handelte sich um Zuwendungen im Wert von 50 bis 500 Euro. Für so manchen kleinen Assistenzarzt ist das Einwerben von Drittmitteln für seine Forschung zum Risiko geworden. Die wenigen, wirklich bestechlichen Abzocker sind dagegen schlau genug, ihre „Zuwendungen“ richtig zu deklarieren - echte Paten sind eben nicht einfach zu fassen.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle-Wittenberg.

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