Zeitung Heute : Auf schmalem Grat

Der Tagesspiegel

Das Briefpapier zumindest hatte er gerettet. Als Heinz Rühmann sich am 24. Januar 1946 daran machte, seinen Lebenslauf zu skizzieren, stand noch immer „Berlin-Wannsee“ oben im Kopf, obwohl seine Villa Am Kleinen Wannsee 15 in den letzten Kriegstagen in Flammen aufgegangen war. Viele machten sich damals daran, auf ihr Leben während der letzten zwölf Jahre zurückzublicken, eine politische Nabelschau, bei der es vor allem darum ging, sich wenn nicht gar als verkannten Widerständler, so doch als harmlosen Mitläufer darzustellen. Rühmann machte da keine Ausnahme, wies in dem Schreiben etwa auf „meine eigene kleine Produktionsgruppe“ hin, „die in politischer und antifaschistischer Richtung einwandfrei war und von mir nach diesen Gesichtspunkten ausgesuchtes Menschenmaterial enthielt“.

Nachzulesen ist das in der Ausstellung „Ein guter Freund. Heinz Rühmann zum 100. Geburtstag“, die gestern Abend im Filmhaus an der Potsdamer Straße eröffnet wurde, in Anwesenheit von Rühmanns Witwe Hertha und des Bundespräsidenten Johannes Rau. Das Wannsee-Dokument ist dem Kabinett „Der Vergangenheitsbewältiger“ zugeordnet, einem von sieben, in deren Mittelpunkt stets eine Vitrine mit einem symbolträchtigen Gegenstand steht. In diesem Fall ist es eine Packung Persil aus den fünfziger Jahren – wegen des Persilscheins, der bald auch Heinz Rühmann zuteil wurde, „mit allem Komfort“, wie Quax, der Bruchpilot, es formulieren würde.

„Der Flieger“ heißt gleich das erste Kabinett, auf das der Besucher stößt. Man hätte dort natürlich auch allein den Schauspieler mit dem Flugzeugtick betonen können, gezeigt wird statt dessen, wie leicht das Komödiantische ins politisch Bedenkliche umschlagen konnte, auf welch schmalem Grat sich Rühmann in der Nazi-Zeit bewegte. Man lasse nur die Filmsequenzen auf dem Monitor an sich vorübergleiten. Gerade noch Quax samt seiner „Emma“ abgeschmiert im See, mit dem legendären Spruch „Hiermit eröffne ich die Badesaison“, dann schon als strammer Ausbilder vor der Flugschüler-Front, weiter bei der eigenen Militärausbildung und zuletzt bei Dreharbeiten zu dem Film „Der Kurierflieger“, dessen propagandistisches Potenzial offensichtlich ist.

Oder nebenan „Der Staatskomödiant“: Jeder weiß ja darum, man kennt Fotos mit Goebbels oder Hitler, aber Ausschnitte eines kleinen Film, den Rühmann 1940 zum Geburtstag des Propagandaministers drehte, mit dessen Kindern als Protagonisten, gibt seiner Nähe zur NS-Elite doch eine weitere Dimension: „Lieber Papa, wie Soldaten siehst du uns hier aufmarschierten.“

Nicht, dass die zwölf Jahre des tausendjährigen Reiches überbetont wären. Besonderen Reiz bezieht die Ausstellung gerade aus der Gegenüberstellung des Lebens von Rühmann und der deutschen Geschichte. Eine Zeitschiene zieht sich an einer Wand entlang, auf der Persönliches und Nationales verbunden sind. Über weite Strecken ist dies zugleich eine Verknüpfung mit Berlin. 1927 trat Rühmann erstmals am Deutschen Theater auf, 1931 zog er endgültig an die Spree, 1948 ging er zurück nach München. Auch ohne Berliner Wohnung blieb sein Leben mit der Stadt verknüpft. Hier feierte er seine größten Erfolge, als Hans Pfeiffer oder als Hauptmann von Köpenick, hier erlitt er seine bittersten Niederlagen, mit dem Flop der „Berliner Ballade“ etwa, Anfang vom Ende seiner Produktionsfirma Comedia. In einem Ausstellungssstück kommen Stadt- und Filmgeschichte sogar zur Deckung: Erst zog ein Berliner Kutscher in dem Frack bis nach Paris, dann spielte Rühmann darin dessen Geschichte nach: als „Der Eiserne Gustav“. Andreas Conrad

Ein guter Freund. Heinz Rühmann zum 100. Geburtstag. Filmmuseum, Potsdamer Straße 2, Di - So, 10 bis 18 Uhr, Do bis 20 Uhr

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