Zeitung Heute : Auf Schnee warten

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

Robert Ide

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Da stehen sie rum am Alexanderplatz, Mädels mit grauen Gesichtern und blasser Schminke, mit coolen Basecaps auf den Köpfen und verschämten Lächeln auf den Lippen. Sie drücken den Passanten bunte Broschüren in die Hand, auf denen steht: „agenda 2010 – Deutschland bewegt sich.“ Und tatsächlich: Die Menschen bewegen sich, sie drehen ihre Blicke hastig weg und gehen stumpf und schnell vorbei. So sieht soziale Kälte aus.

Wenn der Dezember anbricht, dann überkommt die große Stadt die große Depression. In den U-Bahnen heiseres Husten, in den Cafés künstlich lautes Lachen – und in den Kinos aggressives Popkornrascheln. Es wird kalt in Berlin. Da hilft nur noch eins: die Flucht ins ewige Eis.

„Aufstehen!“, ruft eine alte Frau ihrem Sohn zu. „Du musst zur Schule.“ Der junge Mann auf seinem Sofa rührt sich nicht. Da geht die Frau ins Nebenzimmer, öffnet einen Schrank, holt ein Gewehr heraus, geht zurück ins Zimmer ihres Sohnes, öffnet sein Fenster und schießt in die Luft. Kurz darauf sitzt der Sohn am Frühstückstisch, rührt in den Cornflakes, und die alte Frau lächelt ihm zu. Draußen schneit es seit Tagen. Willkommen im ewigen Eis!

Im Kino „Blow Up“ in Prenzlauer Berg wird es still. Die Popkorntüten rascheln nicht mehr aggressiv – alle Sinne starren gebannt auf die Leinwand. Dort sind schneebedeckte Landschaften zu sehen, karge, weiße weite Flächen. So sieht es gerade auf Island aus: Auf einem Friedhof hackt ein Junge geduldig im Eisboden herum, um ein Grab auszuheben. Er denkt an ein Mädchen, das in der Imbissbude steht und auf ihn wartet. Alles ist kalt und kahl. Aber niemand sieht blass aus. Bei dieser Kälte haben alle Menschen rote Wangen, manchmal lachen sie. Einfach so.

„Ich war Suppenverkäuferin in Reykjavik“, erzählt eine junge Frau mit roten Wangen, als der Film zu Ende ist. Sie hat sich mit einem Mikrofon vor die Kinoleinwand gestellt und berichtet, wie sie Schauspielerin geworden ist. Das ging so: Einmal sei ein Mann in ihren Laden gekommen und habe Bohnensuppe bestellt. Als er alles ausgelöffelt hatte, habe er sie gefragt, ob sie nicht Lust hätte, in seinem Film mitzuspielen – als Verkäuferin an der Imbissbude im ewigen Eis. „Meine Suppe hat dem Regisseur geschmeckt“, sagt die Frau mit den roten Wangen und lacht einfach so. Im Kino „Blow Up“ gibt es spontanen Applaus. So sieht soziale Wärme aus.

Vielleicht ist es die Kälte, die die Menschen freundlicher macht. Der beruhigende Fall der Schneegrieselkörner, die weiße Weite, die alles anstrengend Laute und alles zwanghaft Bunte leise zudeckt. Und uns alle Probleme vergessen lässt. „Die Regierung handelt, damit Wachstum und Beschäftigung weiter steigen, die Sozialsysteme zukunftsfest umgebaut werden und der Standort Deutschland attraktiver wird“, heißt es in der bunten Broschüre über die „agenda 2010“. Das klingt nicht nach sozialer Wärme, das klingt nach Berliner Depression.

Das Wort „Agenda“ kommt aus dem Lateinischen und heißt: Was zu tun ist. Was tut die Regierung eigentlich, damit es endlich schneit?

Der Film aus dem warmen isländischen Eis heißt „Noi Albinoi“ und läuft unter anderem im Kino „Blow Up“, Immanuelkirchstr. 14, Prenzlauer Berg.

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