Zeitung Heute : Auf Schröder achten

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Andreas Austilat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Das muss man dem Schröder lassen, der Kanzler hat ein Gespür für große Themen. Letzten Sonntag erst wieder, im Interview in dieser Zeitung. Was hat er da gesagt? „Den Müntefering hätte ich gern zum Freund.“

Das ist doch genau das Problem. Männer haben Kumpels, Kollegen, Kameraden, Genossen. Aber haben sie einen Freund? Der mit ihnen durch dick und dünn geht, dem sie ihr Intimstes beichten, der ihnen nie in den Rücken fällt? Tja, meine Herren, da kommen Sie ins Grübeln. Und warum ist das so? Weil Freundschaft auch mal nach Selbstlosigkeit verlangt, weil sie Arbeit macht, weil sie gepflegt werden will. Es reicht ja nicht einfach zu sagen, komm, mach du mal den Parteivorsitz, Kanzler sein, das reicht mir schon hin und zurück.

Mädchen wissen das. Also wenigstens unsere Tochter. Die hat eine beste Freundin. Und mit der macht sie sich echt Arbeit. Neulich zum Beispiel, „wir brauchen etwas Gemeinsames“, hat sie gesagt, „etwas, das uns aneinander erinnert, woran man erkennt, dass wir Freunde sind.“ Und weil, klar, Freundschaft erarbeitet werden muss, wollte sie was basteln.

Nun ist unsere Tochter erst sieben, also vergleichsweise jung. Da ist man noch super romantisch – was leider auch bedeutet, das man ziemlich unpraktisch ist. „Hühner“, hat sie also gesagt, „wir basteln Freundschaftshühner. Und jeder kriegt eins.“ – „Hühner?“, habe ich gefragt, „warum denn ausgerechnet Hühner?“ Das wusste sie nicht so genau, Mädchen können auch unglaublich irrational sein. Aber immerhin hat sie zugegeben, dass es wirklich unpraktisch ist, immer ein Huhn mit sich rumzuschleppen.

Die beiden haben also Freundschaftsarmbänder gebastelt. Und weil Mädchen beim Basteln wahnsinnig pingelig sind, haben sie zwei Tage dafür gebraucht. Jungs hätten sich wahrscheinlich einfach nur eine Schnur ums Handgelenk gewickelt. Oder sich wie unser Sohn ein Schweißband gekauft. Der Junge ist zwölf. Und Schweißbänder sind bei über Zwölfjährigen gerade ungeheuer angesagt. Ich wage mal vorauszusagen, das wird der Sommertrend. So wie im letzten Jahr jeder so ein Schlüsselband um den Hals getragen hat. Aber die beiden Mädchen wollten basteln, haben geflochten und gefädelt, gezupft und gezwirbelt, bis alles hübsch aussieht. Und jetzt sieht man sie gar nicht mehr ohne Armband.

Ich weiß, Freundschaftsbänder, das gab es schon mal. Bis dann Wolfgang Petry kam, der Schlagersänger. Der hat sich so viele Freundschaftsbänder um das Handgelenk gewickelt, dass ihm schließlich der Arm ganz schwer wurde. Das war peinlich. Und irgendwie typisch männlich, weil total übertrieben: So viele Freunde kann ja keiner haben. Schwamm drüber, wär doch schön, wenn in diesem Sommer wieder jeder ein Freundschaftsband trüge. Das wäre ein Signal: Wir sind alle Freunde. Und der Kanzler hat die Chance, dieses Signal zu setzen. Muss man mal drauf achten, falls bei Schröder oder Müntefering die Manschette hoch rutscht. Ob man da was sieht. Ein guter Freund ist doch was Wunderbares.

Zubehör für Freundschaftsarmbänder gibt es in jedem Bastelladen. Mit Anleitung in den Creation-Packungen vom Ravensburger Spieleverlag.

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