Zeitung Heute : Auf Spurensuche Die Ausstellung „Berlin Transit“, die vom 23. März an im Jüdischen Museum zu sehen ist,

rekonstruiert das Leben der jüdischen Migranten aus Osteuropa im Berlin der 1920er bis 1930er Jahre. Sie ist eine Kooperation des Osteuropa-Instituts der Freien Universität Berlin und des Jüdischen Museums.

Christine Boldt

Ein halbes Jahr lang war Vera Jewsejewna Slonim auf der Flucht, bis sie schließlich 1923 über zahlreiche Umwege Berlin erreichte. Die spätere Ehefrau des Schriftstellers Vladimir Nabokov musste – wie viele Hunderttausend osteuropäische Juden – nach der Russischen Revolution und vor den Pogromen im Jahr 1919 gegen Juden aus ihrer Heimat fliehen. Für die meisten Flüchtlinge war Berlin nicht das Ziel, sondern nur Etappe auf dem Weg nach Palästina oder in die USA.

Auf welchen Wegen Vera Jewsejewna Slonim und vier andere Flüchtlinge nach Berlin kamen, ist bekannt: Wissenschaftlerinnen des Osteuropa-Instituts der Freien Universität Berlin haben die Fluchtwege auf der Basis autobiografischer Berichte nachgezeichnet. Sie forschen am Projekt „Charlottengrad und Scheunenviertel – Osteuropäisch-jüdische Migranten im Berlin der 1920/30er Jahre“, das unter der Leitung von Professorin Gertrud Pickhan am Osteuropa-Institut angesiedelt ist.

Die recherchierten Fluchtwege bilden nun mit vielen anderen Forschungsergebnissen die wissenschaftliche Grundlage der Ausstellung „Berlin Transit“, die vom 23. März an im Jüdischen Museum zu sehen ist. Gezeigt wird in sechs thematisch eingerichteten Räumen und einem als Epilog bezeichneten Raum, woher die Migranten kamen, wie sie in Berlin lebten, welche Impulse sie hier erhielten und welche Spuren sie hinterließen.

„Nach Berlin“ ist der erste Raum programmatisch überschrieben. Hier dokumentiert eine als Landkarte gestaltete Wand fünf exemplarische Fluchtrouten – Irrwege, über die die Migranten etwa aus St. Petersburg, Kiew und Drohobytsch nach Berlin gelangten. Die Frage, wie wissenschaftliche Ergebnisse, die auf Quellen basieren und in Texten festgehalten sind, in einem Museum präsentiert werden können, hat die Ausstellungsmacherinnen lange beschäftigt. Nicht jedes forschungsrelevante Detail ließ sich schließlich visuell umsetzen: „Für uns war es eine Premiere, mit Wissenschaftlern eines laufenden Projekts von der Konzeptphase bis zur Umsetzung so eng zu kooperieren“, sagt Leonore Maier, Kuratorin am Jüdischen Museum. Und eine „Luxus-Situation“: „Wir konnten in hohem Maße von der Material- und Quellenkenntnis und den Kontakten der Wissenschaftlerinnen profitieren.“

Anne-Christin Saß koordiniert das Ausstellungsprojekt vonseiten der Freien Universität. Die Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Osteuropa-Institut arbeitet seit anderthalb Jahren an der Schnittstelle zwischen Museum und Freier Universität: in einem Büro im Jüdischen Museum. Als „work in progress“ beschreibt sie das Ausstellungsprojekt, das in enger Zusammenarbeit von sechs Mitarbeiterinnen des Jüdischen Museums und drei Wissenschaftlerinnen des Osteuropa-Instituts der Freien Universität entstanden ist.

Die Arbeit war aufwendig, zuweilen mühsam: Gerade erst ist die Kopie des Dokumentarfilms „Les pogroms juifs en Ukraine“ in Berlin eingetroffen. Der 1921 in Berlin vom Ostjüdischen Archiv – einem Zusammenschluss von Historikern und gesellschaftlich engagierten Migranten – kompilierte Film zeigt Originalaufnahmen von verwüsteten Straßen und verletzten und ermordeten Menschen: Opfer eines Pogroms vom Mai 1919 im ukrainischen Tscherkassy. Die Aufnahmen entstanden unmittelbar nach dem Pogrom zu Dokumentationszwecken und waren auch als Beweismittel für die internationale Öffentlichkeit gedacht. Das Original liegt im Staatlichen Filmarchiv in Kiew, gefunden hat es dort Efim Melamed, Projektkoordinator für Judaica in der Ukraine. Drei Monate dauerte es, bis der Film endlich in Berlin eintraf: „Wir konnten ihn nicht direkt bestellen, sondern mussten einen offiziellen Vertreter einer Partnerorganisation in Kiew einschalten“, erklärt Anne-Christin Saß. „Dann dauerte es, bis die Verträge aus dem Ukrainischen übersetzt waren. Schließlich kamen noch bürokratische Hürden hinzu: Die Überweisungsformalitäten beider Länder waren nicht kompatibel.“

Der Film, der im Rahmen der Ausstellung „Berlin Transit“ erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, zeigt die brutale Gewalt, vor der die Migranten flohen. Drastische Szenen, die auch der russisch-jüdische Maler Issachar Ber Ryback in den Jahren zwischen 1918 und 1920 in einer eindrucksvollen Serie von neun Aquarellen über die Pogrome festgehalten hat, die erstmals seit 1924 wieder in Berlin zu sehen ist. Fünf seiner hier entstandenen avantgardistischen Gemälde werden in dem Raum „Blickwechsel“ ausgestellt. Hier belegen die Werke dreier damals in Berlin lebender osteuropäisch-jüdischer Künstler das ästhetische und politische Spektrum der zeitgenössischen Kunst. Geschaffen haben sie neben Ryback: Leonid Pasternak, der Vater des russischen Schriftstellers Boris Pasternak, und Naum Gabo.

Das „Scheunenviertel“ nördlich des Alexanderplatzes galt im Berlin der Weimarer Republik als Elendsbezirk: Hier kamen die mittellosen osteuropäischen Juden zeitweilig unter. Dem weitgehend jüdisch-orthodoxen Milieu standen auch viele der besser gestellten in Berlin ansässigen Juden zwiespältig gegenüber. Bilder aus drei fotografischen Perspektiven zeigen die Fremd- und Eigenwahrnehmung der Zeitgenossen: Fotos von Razzien, die den Polizeiblick dokumentieren, fast ethnografisch ausgerichtete Aufnahmen von Berufs- und Amateurfotografen – etwa von Straßenszenen – sowie private Blicke in Familienalben. „Es ging uns nicht darum zu zeigen, wie das Leben im Scheunenviertel wirklich war“, sagt Anne-Christine Saß, „sondern wie es wahrgenommen und für propagandistische Darstellungen genutzt wurde.“

Stellvertretend für das russisch-jüdische Berlin, deren zumeist akkulturierte Vertreter rund um den Kurfürstendamm in Charlottenburg lebten, steht die russische Unternehmerfamilie Kahan. Ihr ist ein eigener Ausstellungsraum gewidmet: „Charlottengrad“. Den Kontakt zu Nachkommen des Familien- und Firmenpatriarchen Chaim Kahan, der schon im Russischen Reich mit einer international agierenden Ölfirma zu großem Wohlstand gelangt war, hatte Verena Dohrn, Koordinatorin des Forschungsprojekts „Charlottengrad und Scheunenviertel“, geknüpft. „Ein Beispiel dafür, wie unsere wissenschaftliche Arbeit die Grundlage für das Ausstellungskonzept geschaffen hat“, sagt Anne-Christin Saß. Und wie das Ausstellungsprojekt die Forschung vorantreibt: Für den Raum „Charlottengrad“ wurde in der weitverzweigten Familie, deren Mitglieder in Israel und den USA leben, nach Familienmemorabilia gesucht. Mit Erfolg: Gezeigt werden Schmuck, Porträts, Gebrauchsgegenstände und Souvenirs sowie Urkunden und Fotografien.

Die rege Verlagstätigkeit zahlreicher Migranten in Berlin erlebte zwischen 1921 und 1924 ihre Blütezeit. Die radikale Geldentwertung, die Deutschland zwischen 1914 und 1923 erlebte, war hierfür ein Grund: Mit geringen Kosten konnten hochwertige Bücher produziert werden. Davon zeugt der Ausstellungsraum „Babylon“: Neunzig russische Verlage, an denen osteuropäisch-jüdische Migranten beteiligt waren, und mehr als 50 jiddische Verlage gab es Anfang der 1920er Jahre in Berlin. Der Raum „Migrantenstimmen“ macht die Sprachenvielfalt und die Erfahrungen der Zuwanderer hörbar: An Audiostationen können Besucher zeitgenössische Texte nicht nur in den Ausstellungssprachen Deutsch und Englisch anhören, sondern auch in den Originalsprachen Jiddisch, Russisch und Hebräisch.

Am Ende der Ausstellung werden die Besucher zur Spurensuche in Berliner Straßen und Bezirken ermuntert. Es sei leider nur noch wenig zu finden, was auf die Migranten hinweise, sagt Anne-Christin Saß: „In Berlin wird ja immer alles überbaut.“ Auch in der Charlottenburger Schlüterstraße 36 erinnert nichts daran, dass die Neun-Zimmer-Wohnung im Hochparterre zwischen 1915 und 1933 der Mittelpunkt der Familie Kahan war. Dennoch – die Geschichte schreibt sich fort: Vierzig Nachkommen der Kahans haben sich zur Ausstellungseröffnung im März angekündigt.

Die Ausstellung ist vom 23. März bis 15. Juli 2012 im Jüdischen Museum zu sehen, Lindenstraße 9–14, 10969 Berlin.

— Begleitend zur Ausstellung findet am 24. März ein Symposium statt, in dem einzelne Ausstellungsthemen vertieft werden. Anmeldung und nähere Informationen mit Programm finden sich online.

Im Internet:

www.jmberlin.de

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