Zeitung Heute : Auf Spurensuche in alten Klöstern

Die historischen Gemäuer haben eine bewegte Geschichte. Eine angemessene Nutzung ist heute eine gute Möglichkeit, sie auf längere Zeit zu erhalten

Helmut Casper

DIE MARK ENTDECKEN: KULTURREISEN IM LAND BRANDENBURG

Klöster gehören zu Brandenburg wie Kiefernwälder und der märkische Sand. Die ersten Bauten wurden bereits im 13. Jahrhundert errichtet, als die „terra incognita“, das unbekannte Land östlich der Elbe, kolonisiert und christianisiert wurde, wobei es nicht immer friedlich zuging, sondern Feuer und Schwert regierten.

Herausragend war die zivilisatorische Bedeutung der Klöster. Mönche und Nonnen halfen den Brandenburgern, die Erträge von Ackerbau und Viehzucht zu steigern, waren in der Krankenpflege und im Sozialwesen tätig, spielten im Bildungswesen eine hervorragende Rolle. Von Landesfürsten, Grundbesitzern und Pilgern mit Geldzuwendungen und Ländereien beschenkt, waren die Klöster wichtige spirituelle Zentren und Versorgungseinrichtungen für nicht erbberechtigte Söhne und unverheiratete Töchter aus dem Adel. Sie waren aber auch bedeutende Wirtschaftsfaktoren, auf die sich gelegentlich fürstliche Begehrlichkeiten richteten.

Das Jahr 1539 brachte in der Kirchengeschichte in der Mark Brandenburg eine fundamentale Wende. Im Zusammenhang mit der Einführung der Lutherschen Reformation durch die im Lande regierenden Hohenzollern wurden unter anderem die Klöster aufgehoben und ihr Vermögen der Staatskasse zugeschlagen. Im besten Fall hat man die Bauten in Pfarrkirchen, Schulen oder Hospitäler verwandelt oder sie zu Amtshäusern oder Jagdschlössern umfunktioniert. Vieles aber verfiel und verschwand auf Nimmerwiedersehen.

Von alledem wird man erfahren, wenn man sich auf „klösterliche Spurensuche“ quer durch die Region macht. Ungeachtet der vielen Abrisse und Umnutzungen, die die ehemals sehr reiche Klosterlandschaft in der Mark über sich hat ergehen lassen, können sich die Bauten sehen lassen und werden von Reisenden gern frequentiert. Kirche und Kommunen, Denkmalämter und Vereine kümmern sich so gut es angesichts der derzeitigen Finanzlage geht um dieses für die Region so wichtige kulturelle Erbe. Bereits Karl Friedrich Schinkel zählte die Klöster „zum schönsten Schmuck des Vaterlandes“ und setzte sich für deren Erhaltung ein. Denn nach einer Inspektion des damals schon desolaten Klosters Chorin im heutigen Kreis Barnim war Preußens oberster Baumeister über den Zustand der stark vernachlässigten, zum Teil abbruchreifen Gebäude so entsetzt, dass er von der Regierung entschiedene Gegenmaßnahmen verlangte – und zum Teil auch durchsetzte. Damit stand Chorin, das zu den Höhepunkten gotischer Klosterbaukunst gezählt wird, mit weiteren gefährdeten Bauten am Beginn der staatlichen Denkmalpflege in Preußen. Im 19. Jahrhundert als „romantische Ruine“ neu entdeckt und gesichert, ist das Bau- und Kunstdenkmal zu jeder Jahreszeit ein beliebtes Touristenziel und im Sommer Ort gut besuchter Open-Air-Konzerte.

Kaum eines der märkischen Klöster hat sich unverändert erhalten. Im Laufe der Jahrhunderte wurden die Gotteshäuser, Kreuzgänge und Nebengebäude immer wieder umgebaut, erweitert und dem herrschenden Geschmack angepasst. Sehr gut kann man diesen Modernisierungswillen im ehemaligen Zisterzienserkloster Neuzelle (Landkreis Oder-Spree) erleben. Dessen großartige Kirche aus dem 14. Jahrhundert zeigt sich aussen und innen barock überformt. Als habe man eine süddeutsche Wallfahrtkirche vor sich, erstaunt das im Dreißigjährigen Krieg verwüstete und danach umgestaltete katholische Gotteshaus mit vergoldetem Puttenprunk und unzähligen Heiligenfiguren. Nach archäologischem Befund und alten Plänen wird der barocke Klostergarten, der einzige in der Mark Brandenburg, rekonstruiert.

Angemessene Nutzung hat schon immer zur Lebensverlängerung historischer Bauten beigetragen, wie man im ehemaligen Zisterzienserinnenkloster zum Heiligengrabe (Ostprignitz-Ruppin) beobachten kann. Nach der Devise „Beten und arbeiten“ gingen in der weitläufigen Anlage unverheiratete Damen aus adligen Familien einer karitativen Tätigkeit nach. Die brandenburgischen Kurfürsten und preußischen Könige hielten ein wohlgefälliges Auge auf das Stift, das Mitte des 19. Jahrhunderts Mädchenschule war, nach dem Zweiten Weltkrieg auch als Pflegeheim und Diakonissenhaus genutzt wurde und heute wieder Damenstift ist.

Kirche, Konzerthalle und Klinik zugleich ist das Kloster Lehnin (Potsdam-Mittelmark). Die Luise-Henrietten-Stiftung widmet sich in der weitläufigen Anlage vor allem der Betreuung älterer und schwer kranker Patienten sowie der Sterbebegleitung, bietet aber auch Fort- und Weiterbildungskurse in Pflege- und Heilberufen an. Regelmäßig finden in der aus dem 13. Jahrhundert stammenden Klosterkirche Konzerte und andere auf die Region ausstrahlende Kulturveranstaltungen statt.

Das Schicksal ist mit dem Kloster Zinna nicht gerade pfleglich umgegangen. Verschiedene Bauten der weitläufigen Anlage sind verschwunden; ihre Steine findet man in benachbarten Siedlungen wieder. Erhalten blieben dennoch Teile der ehemaligen Abtei mit der Klosterkirche sowie historischen Wohn- und Wirtschaftsbauten. Im Sommer wird zu Konzerten in die Klosterkirche eingeladen, und im Museum gleich nebenan erfährt man einiges über die Geschichte der Anlage, die nach der Reformation als Jagdschloss der Hohenzollern überlebte.

Seine Wiedergeburt als Brandenburgisches Archäologiemuseum erlebt in den kommenden Jahren das ehemalige Sankt-Pauli-Kloster in Brandenburg (Havel). Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört, ist der eindrucksvolle Komplex ein gutes Beispiel für gemeinsame Anstrengungen des Landes und der Stadt, dem Gebäude eine neue Nutzung zu geben, die seiner Würde entspricht. Auch wenn die Klosterkirche noch kein Dach hat und die spitzbogigen Fenster leer sind, ist sie auch in diesem Zustand, ähnlich wie das Kloster Chorin, einen Besuch wert. In ein paar Jahren kann man hier unter anderem auch bewundern, was bei Grabungen in alten Klosterhöfen entdeckt wurde.

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