Zeitung Heute : Auf Touren kommen

Wie eine Neu-Berlinerin die Stadt erleben kann

Sonja Niemann

WAS MACHEN WIR NEUJAHR?

Foto: Mike Wolff

Nichts ist langweiliger, als zum neuen Jahr gute Vorsätze zu fassen – mehr Sport treiben, abnehmen, gesünder essen, weniger Alkohol trinken, mit dem Rauchen aufhören – wie öde! Aber 2004 komme ich wohl nicht drum herum.

„Du hast ganz schön zugenommen“, bescheinigte mir M. neulich, als ich ihn nach Wochen mal wieder sah. M. ist immer so taktvoll (ich muss M. bei Gelegenheit mal die Freundschaft aufkündigen). „Machst du zur Zeit irgendeinen Sport?“, fragte er. „Ich fahr im Sommer manchmal mit dem Fahrrad ins Büro“, sagte ich nach längerem Nachdenken. „Diesen August aber nicht, da war es zu heiß.“ – „Und seit wann ist nicht mehr Sommer?“ – „Seit dem 15. September“.

Ich sollte mich vielleicht wirklich etwas mehr bewegen. Es gibt ja Sportarten, die Spaß machen. Joggen in der Hasenheide natürlich nicht, da laufen ja schon die Pitbulls frei herum. Ebenso scheiden alle Sportarten aus, die irgendwas mit einem Ball zu tun haben. Ich habe Angst vor Bällen, die auf mich zufliegen (Trauma vom Schulsport). Fitnessstudios sind mir zu ungesellig. Schwimmen finde ich akzeptabel, aber nicht im Winter (ich friere ja schnell). Und im Sommer ist es immer so voll.

Kürzlich bekam ich im Brasilianischen Kulturinstitut einen Gutschein für eine kostenlose Probestunde im brasilianischen Tanzstudio.

Die brasilianischen Tänze klangen echt gut: Da gibt es Capoeira, eigentlich eine Mischung aus Tanz und Kampfsportart – das wäre auch sehr effektiv zur Verteidigung gegen Pitbull-Besitzer in der Hasenheide. Oder Samba-Reggae, das hört sich total entspannt an, so nach Am-Strand-sitzen-und-Bob-Marley-Hören. Oder Forró, darunter konnte ich mir gar nichts vorstellen. Ja, genau, so mach’ ich das : Ein brasilianischer Tanz wird 2004 mein neues sportliches Hobby werden – als stilvolle Ergänzung zu „ins Kino gehen“ und „in die Kneipe gehen.“

Ich habe mir beim Weihnachtsfest des Tanzstudios auch schon ein paar Tanzvorführungen angesehen, um die richtige Wahl für mein neues Hobby zu treffen. Forró scheidet für mich allerdings aus, da es ein Paartanz ist. Ich habe da ein paar unangenehme Erinnerungen an den Kurs „Salsa für Anfänger“ des Hochschulsports Hamburg. Mein Tanzpartner hat mich da immer zitternd übers Turnhallenlinoleum geschoben, den Blick starr nach unten auf die Füße, und in regelmäßigen Abständen hat er gesagt: „Jetzt lass uns diese Übung noch mal machen.“ Samba-Reggae geht leider auch nicht, da sie gar nicht Bob Marley dazu spielen, sondern irgendwas Schnelles. Außerdem kann ich mir Choreographien so schlecht merken. Capoeira sah wahnsinnig gut aus, besonders die rasend schnellen kreiselförmigen Bewegungen und die rückwärts gestreckten Salti der Tänzer. Da fiel mir vor Staunen fast der Caipirinha aus der Hand – und ich wusste: So was tust du lieber nicht.

Aber irgendeinen Sport finde ich schon. Zur Not kann ich im Sommer ja wieder Rad fahren. So ab dem 21.Juni.

Für alle, die sportlicher sind oder noch bessere Vorsätze für 2004 haben: Tangará Tanzstudio, Urbanstraße 100, Kreuzberg.

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