Zeitung Heute : Auf und ab – und immer wieder neu

In keinem anderen Theaterkiez liegen Tradition und Wandel so eng beieinander – ein Streifzug

Der Wahnsinn hat Methode in Constanza Macras’ düsterer Großstadtballade „Berlin Elsewhere“. Die Schaubühne am Lehniner Platz zeigt Ausschnitte. Foto: Promo/Thomas Aurin
Der Wahnsinn hat Methode in Constanza Macras’ düsterer Großstadtballade „Berlin Elsewhere“. Die Schaubühne am Lehniner Platz zeigt...Foto: Thomas Aurin

CHARLOTTENBURG-WILMERSDORF

Marlene Dietrich und Hildegard Knef. Helene Weigel und Käthe Jaenicke. Curt Goetz und O.E. Hasse. Man könnte noch lange so weitermachen und all die Größen aufzählen, die in der Vergangenheit auf Charlottenburger Bühnen gestanden haben. In diesem Viertel, wo bis zu seiner Emigration 1933 auch der legendäre Theaterkritiker Alfred Kerr lebte, ist die Historie noch immer präsent, wenngleich vielfältig überblendet. Kein anderer Kiez steht derart für Wandel und Kontinuität gleichermaßen, für Niedergang und Neuanfang. „Deutlich verändert sich das Gesicht Berlins“, schrieb Alfred Döblin zur beginnenden Theatersaison 1922 – was ja nie aufhörte, Gültigkeit zu besitzen. Zuletzt wurde der Theater-Westen nach dem Mauerfall erschüttert, als die neue Mitte zum Magneten für die Künste avancierte, die Ost-Opern und -Schauspielhäuser erstarkten und Charlottenburg vorübergehend ziemlich alt aussah. Aber wie es so ist in einer Stadt der permanenten Wanderung und Modewellen: alles nur Momentaufnahmen.

Zurzeit ist das Viertel rund um den Ernst-Reuter-Platz wieder das Opernzentrum Berlins. Im Schillertheater residiert während der dreijährigen Umbauzeit des Stammhauses Unter den Linden die Staatsoper des neuen Intendanten Jürgen Flimm – nur einen Steinwurf entfernt von der Deutschen Oper an der Bismarckstraße. Ein „Juwel der Fifties“ hat Flimm das Schillertheater mit seiner nüchternen Nachkriegs-Architektur genannt, wo 1993 in Sparwirren der letzte Vorhang fürs vormals gefeierte Ensemble gefallen war. Jetzt schiebt der Intendant hier das Staatsopern-Repertoire Richtung Moderne. Bald in nachbarschaftlicher Konkurrenz zu Dietmar Schwarz, der mit der Deutschen Oper das größte Musiktheater der Stadt übernimmt, 1912 von Charlottenburger Bürgern errichtet, im Zweiten Weltkrieg zerstört, 1961 wieder aufgebaut. Er beerbt Kirsten Harms, aus deren Ära während der Langen Nacht noch einmal Impressionen gezeigt werden. Auch hier: Abschied und Neubeginn. Und wer den Kiez musikalisch klassischer erleben will, muss nur einen Abstecher ins Schloss Charlottenburg unternehmen, wo in der Großen Orangerie die „Berliner Residenz Konzerte“ Werke des Barock und der Romantik pflegen.

Tradition atmen vor allem auch die Sprechbühnen des Viertels. Nicht weit von den Opern, an der Knesebeckstraße Ecke Hardenbergstraße, steht mit dem Renaissance-Theater die einzige vollständig erhaltene Art-Déco-Bühne Europas. Ein Haus, in dem von Beginn an Berliner Theatergeschichte geschrieben wurde, in dem eine Olga Tschechowa auftrat und ein Walther Franck. Es wurde 1922 von einem gewissen Theodor Tagger gegründet, der wenig später unter dem Pseudonym Ferdinand Bruckner Berühmtheit erlangen und mit dem Stück „Krankheit der Jugend“ , das Kritiker für eine „Schweinerei“ hielten, einigen Wirbel verursachen sollte. Für derlei Aufregungen steht das Theater heute, in der Intendanz von Horst Filohn, freilich nicht mehr, stattdessen für gehobene, nach wie vor prominent besetzte Unterhaltung, etwa mit Stücken der klassischen amerikanischen Moderne oder Gegenwärtigem zwischen Drama, Komödie und Musik.

Auf ähnliches Programm, wenngleich mit weit geringerer Platzkapazität und schmaleren Mitteln, setzt auch die Vagantenbühne, die 1956 in einem ehemaligen Kühlraum des Delphi-Tanzpalastes an der Kantstraße gegründet und als Kellertheater mit Flair und Anspruch zur Westberliner Institution wurde. Den guten Ruf hat der heutige Leiter Jens-Peter Behrend, der das Erbe seines Vaters antrat, erhalten.

Bühnen mit Familiengeschichte sind auch das Theater und die Komödie am Kurfürstendamm, die Martin Wölffer von seinem Vater Jürgen übernommen und zu Boulevard auf der Höhe der Zeit geführt hat – ungeachtet der Querelen, die seit Jahren um die Schließung mindestens einer der Bühnen tobten. Geplant ist seit dem Verkauf des Kudamm-Karrees an einen irischen Investor der Abriss beider Theater und der Bau eines neuen 650-Plätze-Hauses, womit der Ku’damm wenigstens nicht ohne Boulevard wäre. Wieder mal: ein neues Kapitel unter historischem Namen. Der Schließung entging vor einigen Jahren das Theater Tribüne an der Otto-Suhr-Allee, in dem zur Eröffnung 1919 der junge Fritz Kortner in Ernst Tollers „Die Wandlung“ auftrat. Mit Gunnar Dreßler fand sich ein neuer Leiter, der die ehemals politisch-expressionistische Bühne, die nach dem Zweiten Weltkrieg als erstes Berliner Theater wiedereröffnet wurde, nun mit Roman- und Filmadaptionen belebt.

Charlottenburg ist ein Kiez mit Gedächtnis. Die goldenen Theater- und Varieté-Tage der 20er und 30er Jahre sind im Schwarzweißalbum der Geschichte gespeichert, auch die 50er, als die Kinos hier noch Amor und Baldur hießen. Doch lebendige Kleinkunst erlebt man im Café Theater Schalotte nun auch schon seit 30 Jahren, und die Kabarett-Truppe „Die Stachelschweine“ feierte unlängst ihr 60. Jubiläum. Am Lehniner Platz, wohin Peter Stein Anfang der 80er mit seiner Schaubühne zog, zeigt seit über zehn Jahren Thomas Ostermeier ein lebendiges Zeitgenossentheater aus Gegenwartsautoren, Klassiker-Befragungen oder aktuell dem Tanz einer Constanza Macras – womit die Schaubühne zu einer der gefragtesten deutschen Sprechbühnen im Ausland wurde. Die Zeiten ändern sich, das Theater bleibt. Patrick Wildermann

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