Zeitung Heute : Auf Werbetour

Die USA versuchen, sich durch strikte Einreiseregeln vor Terroristen zu schützen. Das hat unerwünschte Nebenwirkungen. Hoch qualifizierte Wissenschaftler wandern ab oder kommen erst gar nicht. Diesen Umstand wollen deutsche Politiker jetzt nutzen.

Hans Monath

DIE USA SCHOTTEN SICH AB – EIN VORTEIL FÜR DEN STANDORT DEUTSCHLAND?

Die Entwicklung der amerikanischen Wissenschaftsszene ist für deutsche Bildungspolitiker und -manager schon immer ein wichtiger Orientierungspunkt gewesen. Doch seit ein paar Tagen verfolgen die Experten in Abgeordnetenbüros und Akademikerverbänden besonders interessiert, worüber Vertreter von US-Spitzenunis und amerikanische Manager nun offen klagen: Die neuen scharfen Visumregeln schrecken hoch qualifizierte Ausländer vom Studium oder von einer wissenschaftlichen Karriere in den USA ab. Manche warnen schon vor Schaden für das Land, wenn die besten Köpfe nicht mehr willkommen sind.

Erstaunlich offen bekennen deutsche Politiker, dass sie im harten Wettbewerb der Wissenschaftsstandorte den Nachteil der Amerikaner nutzen und Deutschland den Uni-Bewerbern als Alternative empfehlen wollen, die ursprünglich an den USA interessiert waren. „Wir werden uns um diese Leute bemühen“, kündigt der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Jörg Tauss an. Die Grünen-Bildungsexpertin Grietje Bettin fordert gar, deutsche Wissenschaftsorganisationen sollten „spontan reagieren und Mittel für Kampagnen und Werbemaßnahmen bereitstellen.“

Nicht nur die Politik sieht die Chance, gegenüber den USA aufzuholen und Talente ins Land zu holen, die ihre Kreativität an hiesigen Universitäten entfalten und möglicherweise später mit ihren Kontakten und Kenntnissen in Wissenschaft oder Wirtschaft für Deutschland nützlich sind. Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Professor Peter Gaehtgens, glaubt, es sei „ein günstiger Zeitpunkt, um für den Wissenschaftsstandort Deutschland zu werben. Wenn die USA als Markt für Wissenschaftler verschlossen sind, profitieren andere Standorte".

Dabei haben im US-Austausch engagierte deutsche Wissenschaftsmanager wie Rolf Hoffmann, Chef der Fulbright-Kommission, durchaus Verständnis dafür, dass die neuen und harten Abwehrmaßnahmen des US-Departments of Homeland Security auch Studenten und Wissenschaftler treffen. Schließlich waren viele der 19 Attentäter vom 11. September 2001 durch Lücken im Sicherheitsnetz geschlüpft und hatten sich jahrelang in westlichen Ländern ausbilden lassen. Doch auch deutsche Studenten und Wissenschaftler, die in die USA wollen, leiden unter den rigiden Sicherheitsbestimmungen des Wunschlandes. Rund 10 000 Studenten und 4 000 bis 5 000 Wissenschaftler aus Deutschland lernen und arbeiten an US-Universitäten.

Doch während der Austausch vor den Terroranschlägen noch reibungslos lief, sind die Visabestimmungen nun so viel starrer und unflexibler, dass auch viele deutsche Bewerber verunsichert werden. Ein Beispiel: Wer sich in seinem Visumantrag einmal festgelegt hat, kann, einmal in den USA, weder Studieninhalt noch -abschluss ändern. HRK-Präsident Gaehtgens findet es gar „dramatisch, wenn die Maßnahmen gegen den Terrorismus dazu führen, dass der wissenschaftliche Austausch mit den USA so erheblich erschwert wird“. So fordert der Chef der Uni-Spitzenorganisation denn auch die Bundesregierung auf, „in Gesprächen mit den amerikanischen Partnern darauf hinzuarbeiten, „dass Hindernisse für den wissenschaftlichen Austausch abgebaut werden, ohne Sicherheitsbedürfnisse zu ignorieren“.

Auch den Bildungspolitiker der Koalitionsfraktionen gefällt die Abschottung des Partners nicht. Doch sie wollen die Lage nutzen, um aktiv neue Spitzenkräfte für Deutschland zu werben. Im Bundesbildungsministerium sieht man sich für den Wettbewerb bereits gut gerüstet, auch wenn Grünen-Bildungsexpertin Bettin anregt, Ministerin Edelgard Bulmahn (SPD) solle angesichts der Nachrichten aus den USA prüfen, „ob sie kurzfristig eine Kampagne zur Werbung der von den USA abgewiesenen Wissenschaftler auf die Beine stellen kann“. Bulmahns Sprecher verweist auf die bisherigen Erfolge beim Versuch, deutsche Unis attraktiver zu machen, etwa mit der Einführung der Juniorprofessur, neuen Wissenschaftlerpreisen oder der leistungsbezogenen Entlohnung von Professoren: „Als Universitätsstandort gewinnt Deutschland wieder im Vergleich mit anderen Nationen.“

Freilich sieht auch die Ministerin wie andere Koalitionspolitiker und deutsche Wissenschaftsmanager ein riesengroßes Hindernis, das die Werbung um wissenschaftliche Spitzenkräfte aus anderen Ländern erschwert: die nach wie vor abschreckenden rechtlichen Hemmnisse für den Zuzug von Ausländern - auch für solche, die in ihrem Fach zur Weltelite zählen oder eine glänzende Karriere vor sich haben. Ändern könnte das nur das seit Jahren strittige Zuwanderungsgesetz. „Dass dieses Gesetz von der Union weiter blockiert wird, ist für den Wissenschaftsstandort Deutschland eine Katastrophe“, sagt SPD-Politiker Tauss. Darin seien sich alle Wissenschaftseinrichtungen in Deutschland einig.

HRK-Präsident Gaehtgens fordert, bei der Behandlung des Zuwanderungsgesetzes müsse berücksichtigt werden, „dass wir Studenten und Wissenschaftler für Deutschland gewinnen wollen“. Die Koalition hat mit solchen Forderungen keine Schwierigkeiten. Die Regierung wolle „im Zuwanderungsgesetz ein Zeichen setzen, indem wir ausländischen Studenten und Wissenschaftlern, die an unsere Unis kommen, die Möglichkeit geben, anschließend auch hier zu arbeiten und ihr Potenzial in Deutschland einzusetzen“, versichert der Grünen-Politiker Volker Beck, der seine Partei in der Verhandlungskommission vertritt.

Beck sieht in der amerikanischen Debatte über Nachteile für das eigene Land durch allzu rigide oder großflächige Abschreckung auch noch eine praktische und liberale Lehre für die deutsche Debatte über neue Gesetze gegen den Terror: „Es zeigt sich, dass man mit den Schutzmaßnahmen sehr präzise sein muss, wenn man nicht die eigene Gesellschaft schwächen will.“

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