Zeitung Heute : Auf Widerstand programmiert

Der Tagesspiegel

In den vergangenen Wochen flatterte bei 20000 Berliner Firmen – kleinen Computer-Klitschen wie großen Multimedia-Agenturen – eine letzte Warnung ins Haus. „Sind Sie sicher, dass Ihre Software legal ist?“, heißt es darin. Nicht nur in Büros gingen die Schreiben ein, auch Privatpersonen erhielten solche Drohbriefe. Sollte der Empfänger unlizensierte Software auf den Firmencomputern haben, warnte der Absender, also unbezahlte Programmkopien, so drohten Schadensersatzforderungen und Gerichtsprozesse. Das Schreiben enthielt eine weitere Zutat klassischer Erpressung – ein Ultimatum: „Sie haben 30 Tage Zeit.“

Bei der Polizei ist von diesen Drohbriefen nichts bekannt. Doch zeitgleich mit ihnen erschienen in den großen Tageszeitungen der Stadt in rot gehaltene Anzeigen. „Noch 29 Tage Schonfrist“, hieß es dort vergangenen Montag. „Nur lizensierte Software beruhigt“, stand darunter. Die Business Software Alliance (BSA), ein Zusammenschluss großer internationaler Computerfirmen, macht damit mobil gegen den weit verbreiteten Gebrauch illegal kopierter Software. Und Berlin ist das erste Aufmarschgebiet in Deutschland. Nachdem die Kampagne schon in den USA und auch Österreich durchgeführt wurde, hat die BSA eine Agentur in München mit dem Feldzug in der Bundesrepublik beauftragt. Ziel: „Die Firmen zum Nachdenken anregen“, wie es der Sprecher der Kampagne, Michael Höppner, nennt. Und Mitwisser zur Anzeige gegen die eigenen oder eine andere Firma anstacheln.

Doch jetzt laufen die angeschriebenen Unternehmen Sturm. „Wir fühlen uns kriminalisiert“, zürnt der Inhaber eines kleinen Design-Büros in Schöneberg. „Mit der Drohung unterstellen uns diese Leute, wir hätten unsere Software nicht gekauft.“ „Was wollen die denn unternehmen?“, fragt ein anderer. „Drohen die uns, hier einfach in unsere Büroräume einzumarschieren?“, sagt der Mitarbeiter eines anderen Unternehmens, das auch nicht genannt werden will. Allein schon der Erhalt der Drohung wird als rufschädigend empfunden. „Als Firmeninhaber finde ich das einfach unverschämt“, erregt sich der Chef einer der neuen Agenturen in Mitte. „Persönlich würde ich das Angstmacherei nennen.“ Er hat den Brief erhalten und in den Papierkorb geworfen.

Man werde nicht einfach in Büros oder gar Privatwohnungen eindringen, so Höppner. Das Recht dazu hat die BSA schließlich nicht. Vielmehr wolle man die Kampagne „die Firmen informieren und ihnen Hilfe bei der Registrierung anbieten“. Das habe man in den Briefen eindeutig formuliert. Nur – Missverständnisse, die dem einen oder anderen Angst einjagen, sind alles andere als ein Betriebsunfall. „Ich gebe zu, der Brief ist scharf formuliert, wir wollten aber provozieren.“

Das Rezept der BSA ist klar: Die Schockwirkung der Drohbriefe soll diejenigen, die wissentlich mit Raupkopien arbeiten, aufscheuchen und zur Registrierung treiben. Für die, die sich über ihre Software im Unklaren sind, bietet die BSA technische Hilfe an. Und Mitarbeiter sollen angestachelt werden, den Gebrauch unlizensierter Software anzuzeigen. Allein 2001 wurden der BSA in Deutschland nach eigenen Angaben 1359 Fälle unlizensierter Software gemeldet. In 634 Fällen ist die BSA aktiv geworden, viele schwarze Schafe wurden erwischt. Diese Zahl soll jetzt noch erhöht werden. Der Erfolg scheint garantiert. „Die Schonfristkampagnen“, so Höppner, „haben bisher meist zu einem starken Zuwachs in der Zahl der Hinweise geführt.“ Ob das auch in Berlin funktioniert, bezweifeln indes einige Firmen. „Selbst wenn in einem Büro mal auf eine Kopie zurückgegriffen wird, ist das noch nie und nimmer die Geschäftsgrundlage“, nimmt einer seine Branche in Schutz. „Und wir verpfeifen deshalb noch keinen.“babs

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