Zeitung Heute : Auf zu neuem Stil

Richard Schröder

TRIALOG

Die Stimmung im Lande ist schlecht, und die Umfragewerte für die SPD gehen weiter in den Keller. Täglich fast neue Reformvorschläge, zu jedem umgehend Proteste und regelmäßig Meldungen von neuen Milliardendefiziten. Was ist los?

Wir haben Probleme, weil sich einige unserer kühnsten Träume erfüllt haben. Krankheiten, an denen unsere Vorfahren sterben mussten, werden besiegt. Aber die moderne Medizin ist teuer. Das Gesundheitssystem alten Stils packt das nicht. Wir haben den frühen Tod weithin besiegt und werden älter, nunmehr auch im Osten. Das Rentensystem alten Stils ist überfordert. Maschinen arbeiten für uns, sie nehmen uns namentlich eintönige und körperlich deformierende Arbeit ab. Aber Rationalisierung vernichtet Arbeitsplätze alten Stils. Und es wurde uns die deutsche Einheit geschenkt. Blut hat sie nicht gekostet, sondern bloß Geld, aber das fehlt für andere Zwecke.

Wir haben Probleme, weil wir Glück haben. Andere beneiden uns und wollen lieber von Sozialhilfe in Deutschland leben als zu Hause, wir aber bedauern uns, weil wir so viele Probleme haben.

Alle unsere Probleme sind lösbar, und zwar auch gerecht. Manche Lösungen können wir uns bei unseren Nachbarn abkupfern, die, wie Dänemark, bei etwa derselben Konstellation (allerdings keine Einigungsprobleme) sowohl in der Statistik als auch in der Stimmung besser dastehen. Vor allem müssen wir unsere Wirtschaft in Gang bringen, denn nichts ist asozialer als eine hohe Arbeitslosigkeit. Sie senkt die Staatseinnahmen und steigert die Staatsausgaben. Aber Abschied nehmen müssen wir von falschen Lösungsstrategien. Falsch ist die Lösung: immer mehr Schulden machen. Wir verbraten so die Chancen unserer Kinder. Ebenso falsch ist die Lösung: die breiten Schultern mehr belasten, das heißt, lasst doch die besser Verdienenden noch mehr zahlen. Es ist ja in Ordnung, dass sie nicht nur absolut, sondern prozentual mehr Steuern bezahlen. Ich verstehe auch nicht, warum ich als Hochschullehrer Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld bekomme, als könnte ich mir sonst Urlaub und Weihnachten nicht leisten. Als Ostdeutscher komme ich mit zehn Prozent niedrigerem Gehalt als meine Westkollegen sehr gut aus – warum sie nicht? Ich verstehe auch nicht, warum ein Beamter, dessen Frau, ihrerseits Beamtin, stirbt, zusätzlich zum Gehalt Witwerrente bekommt, als sei der Verlust, den er erlitten hat, ein finanzieller. Bloß: Es gibt zu wenig Besserverdienende. Große Lasten kann man nicht transportieren, wenn man sie nur auf die breiten Schultern verteilt, man muss sie auf viele Schultern verteilen.

Aber diese Kakophonie von Vorschlag und Gegenvorschlag, das ist doch unerträglich! Vielleicht, aber jedenfalls unvermeidlich. Wenn die Auseinandersetzungen nicht hinter verschlossenen Türen geführt werden sollen, weil das undemokratisch wäre, müssen sie auf dem Marktplatz geführt werden. Und wenn sie dort nicht geführt werden, kapiert die Bevölkerung nicht, was Sache ist.

Der Unterschied der Lage vor zehn Jahren und der heute ist der: Damals haben wir uns unsere Krankheiten verschwiegen. Heute stehen die Ärzte um den Patienten und streiten um die Therapie – zweifellos ein Fortschritt.

Jetzt gehen die Sympathiewerte für die SPD in den Keller. In einigen Jahren wird man sagen: Diese rot-grüne Regierung hat den Mut zum Anfang gehabt. Die nächste Regierung, egal wer sie stellt, wird in dieselbe Richtung noch entschiedener gehen müssen.

Der Autor ist Professor für Theologie an der Humboldt-Universität in Berlin.

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