Zeitung Heute : Aufbruch im Orient

Damaskus ist für den US-Präsidenten eine Bastion in der Achse des Bösen. Doch nun lässt Syrien ausländisches Kapital ins Land, durch die Hauptstadt fahren die ersten Maseratis.

In der Auffahrt zum „Four Seasons“-Hotel in Damaskus stauen sich die Wagen. Auf der breiten Treppe ins Obergeschoss des Hotels, mit rotem Teppich ausgelegt und von riesigen Lüstern beleuchtet, drängeln sich Familien und Ehepaare.

Sie stehen um das Modell des Immobilienprojekts „Yafour Gardens“, einer Wohnanlage mit Einkaufszentrum und Country -Club, umgeben von einer großen Mauer und Wachdienst rund um die Uhr. Luftige Glasfassaden, Dachterrassen mit Sonnendächern, die Straßen von Palmen gesäumt, Springbrunnen zieren die Piazzen. Erstaunen spiegelt sich in vielen Augen. Dazwischen reichen schweigsame Ober im Smoking Häppchen und Nescafé. Am Nachbarstand stecken die Besucher Prospekte des „Garden City Resorts“ ein, dessen zweistöckige Villen um große Pools herum angeordnet sind.

Projekte wie diese erinnern an Beverly Hills – entstehen sollen sie in der bislang von sozialistischem Grau geprägten syrischen Hauptstadt. In einem Land, das neben Nordkorea und Kuba bis zuletzt am Credo des Arbeiterstaates festgehalten hat. In dem es darum ging, in fantasielosen Wohnblöcken auf möglichst wenig Raum möglichst viel Proletariat unterzubringen. Und selbst wohlhabende Syrer lebten in relativ bescheidenen Wohnungen.

Hunderte sind gekommen, um einen Blick auf dieses neue Damaskus zu werfen, das nördlich der Hauptstadt entwickelt wird. Oder, um einmal einen Fuß in das Luxushotel zu setzen, einen monumentalen Turmbau mit 18 Stockwerken, der die Skyline von Damaskus dominiert. Und dessen elegante Luxusausstattung – die dunklen Holzkommoden mit Perlmutt-Intarsienarbeiten im Damaszener Stil und die minimalistischen weißen Ledersofas im westlichen Designerlook – ein großes Thema ist .

Seit seiner Eröffnung im Frühjahr 2006 ist das „Four Seasons“ zum Symbol der neuen Ära geworden ist. Der post-sozialistischen Ära, in der die staatlich gelenkte Wirtschaft sich vorsichtig liberalisiert, die Stunde der Unternehmer und Investoren geschlagen hat und Geld nicht mehr versteckt wird. Es ist das erste der großen Hotels, das nicht dem Staat gehört – sondern mehrheitlich dem saudischen Milliardär Walid Bin Talal.

Auch für Michel Acrouche kam nur das „Four Seasons“ infrage für die Pressekonferenz des Verbandes junger syrischer Unternehmer. „Warum funktioniert hier alles wie am Schnürchen und lässt den Service im Sheraton alt aussehen?“, fragt Acrouche, nur um selbst die Antwort zu geben: „Weil es vollständig privat bewirtschaftet wird und die Angestellten gefeuert werden können.“ Beim Sheraton stellt die Kette nur das Management, das Haus ist im Besitz des Staates.

Acrouche, ein schwarzgelockter 30-jähriger Banker, der trotz seines dunkelblauen Anzugs jungenhaft wirkt, ist Vorstandsmitglied der Vereinigung, die den Übergang zur Privatwirtschaft unterstützen will. Der schlanke, französisch sprechende Mann, der an der Amerikanischen Universität Beirut studiert hat, drängt sich durch die Immobilienausstellung hindurch in einen Konferenzsaal. Das Motto des Unternehmerverbandes, „Own Tomorrow“ - „die Zukunft gehört dir“, ziert in lateinischer und arabischer Schrift die Rückwand. Acrouche stellt der Presse einen neuen Preis vor, der einem Jungunternehmer helfen soll, eine Geschäftsidee in die Tat umzusetzen. „Die neuen Möglichkeiten liegen auf der Straße, man muss sie nur nutzen.“

Politisch isoliert, von den USA als „Schurkenstaat“ eingestuft und mit einem Wirtschaftsboykott belegt, wirken Syrien und sein störrisches Regime wie die letzte Bastion aus vergangenen Zeiten. Pan-Arabismus und Sozialismus waren über Jahrzehnte die Maximen des Regimes – und haben Gesellschaft, Architektur und Geschmack geprägt. Doch seit 2004 reformiert das Regime von Bashar al-Assad vorsichtig seine Wirtschaft. Privatbanken und Versicherungen eröffnen, Einfuhrzölle werden gesenkt, der Devisenhandel liberalisiert. Das bringt Investitionen und eine neue Geschwindigkeit in die Stadt am Fuße des Qassiun-Berges.

Das Jahr 2008 soll zur Bühne für neuen Glanz werden: Damaskus ist Kulturhauptstadt der arabischen Welt. Doch noch haben sich die Bewohner eine gewisse Geruhsamkeit erhalten. Noch gibt es das kuriose Nebeneinander von Alt und Neu.

Das wird schon am Flughafen deutlich: Nach der Passkontrolle begrüßt den Besucher ein Banner im alten Geist: „Das Volk Syriens und seine Gewerkschaften begrüßen die ausländischen Gäste zum 29. Gewerkschaftskongress." Gleich daneben zieht ein knallgelb gestrichenes Büro hinter einer Glaswand die Blicke auf sich: Der südafrikanische Mobilfunkbetreiber MTN bietet seine Dienste an. In einem Land, in dem es vor wenigen Jahren noch kein Mobiltelefon und nur für Privilegierte einen Festnetzanschluss gab.

Dieser Kontrast setzt sich in der Stadt fort. Das Gebäude der Lehrergewerkschaft wird von einem bunten Mosaik geschmückt, das die hoffnungsfrohen Arbeiter des Landes mit gestreckten Armen zeigt, wie sie in eine sonnige Zukunft schreiten, angeführt von einem Soldaten. Fähnchengirlanden zieren die Fassade des grauen Gebäudes. Schräg gegenüber verläuft der „Damascus Boulevard“, eine edle Ladenpassage aus hellem Stein, die an das „Four Seasons“ angegliedert ist: Die Schaufenster des mondänen Modeladens mit Ferré-Cocktailkleidern und Dolce&Gabbana-Handtaschen sind mit Champagnerflaschen in Eiskübeln dekoriert.

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks war Syrien eines der letzten Länder, in denen die Zeit eingefroren zu sein schien. Nicht nur die sozialistischen Parolen gehen inmitten der Reklametafeln für Guess-Uhren oder Kartoffelchips unter. Auch das Bild auf den Straßen verändert sich rasant: Die alten amerikanischen Chevrolets und Cadillacs, mit denen ältere Herren am Wochenende die Familie herumfuhren, sind seltener geworden.

Wegen der extrem hohen Importzölle für Autos wurden sie gehegt und gepflegt. Heute werden Citroëns und Hyundais importiert – wie in der ehemaligen DDR scheint die Anschaffung eines Autos die erste Amtshandlung vieler Familien in der neuen Ära zu sein. Aber auch Porsche, Jaguar, Mercedes und einzelne Maseratis sind auf den Straßen zu sehen. Nur die Armee tuckert noch immer mit ihren russischen LKWs durchs Land – oder repariert diese altersschwachen Ungetüme mal wieder am Straßenrand.

„Damaskus sieht nicht länger aus wie Nordkorea“, sagt der syrische Journalist Ibrahim Hamidi, Korrespondent der angesehenen arabischen Zeitung „Al Hayat“. Vorbei die Zeiten der riesigen Regierungsgebäude und Wohnblocks nach sowjetischer Manier, aus grauem Beton, massiv, allein die Porträts von Hafez al-Assad und seiner Söhne Basil und Bashar schmückten die Fassaden. Der in hellem Stein gehaltene und mit orientalischen Ornamenten verzierte Sitz der Cham Islamic Bank sei ein weiteres Beispiel der „neuen Architekturphilosophie“ in Damaskus.

Hamidi spricht von der „Beirutisierung von Damaskus“. Denn während der vergangenen 30 Jahre, in denen Syriens Militär im Libanon stationiert war und Damaskus dort die politischen Entscheidungen traf, war das weltoffene Beirut das gelobte Land für Geschäftsleute und Regimegrößen: Gleich hinter der Grenze im libanesischen Dorf Schtura, das eigentlich nur aus Bankfilialen bestand, hatten Syrer ihre Konten. In Beirut wickelte man seine Geschäfte ab. Zum Shoppen fuhr man in die nur knapp 90 Kilometer entfernte Glitzerwelt der Beiruter Malls mit der französischen Markenkleidung, zum eleganten Drink in das Georges-Cinq-Hotel. Die Kinder der Regimegrößen zog es ins Rotana-Café, betrieben vom saudischen Musiksender gleichen Namens, der die Region mit arabischem Pop und sexy auftretenden Mädchen überschwemmt.

Das ist jetzt nicht mehr nötig. Im Juli hat ein Ableger des Rotana-Cafés in Damaskus eröffnet, eine riesige gläserne Rotunde, in deren Mitte Exzentriker an einer erhöhten Tischgruppe wie auf einer Bühne die Blicke auf sich ziehen können. Kaffeetassen, CD’s und T-Shirts mit den Rotana-Musikstars werden im Erdgeschoss verkauft. Noch wirkt der Laden mit seinen silbrigen Metallmöbeln und der Videobeschallung kalt und fremd in der Stadt. Wie ein demonstratives Statement, dass Syrien in der Globalisierung angekommen ist. Das erste Costa Café, Ableger der britischen Kaffeehauskette, oder das amerikanische Kentucky Fried Chicken sind dagegen schon voll angenommen – bei denen, die drei Euro für einen brasilianischen Kaffee bezahlen können.

Auch die vor einem Jahr eröffnete Shopping Mall „Cham Center“ zieht am Wochenende bis zu 8000 Besucher täglich an. Auf den fünf eleganten Etagen, mit riesigen künstlichen Palmen geschmückt, ist das mittlere Markensegment mit Benetton, Vero Moda und Herrenmode von Peter Berg und Ricada vertreten.

Im Supermarkt gibt es amerikanischen Heinz-Ketchup und französischen Dijon-Senf. Vor ein paar Jahren war es in Damaskus noch ein Ereignis, wenn Zucker oder Bratenfett im Regal zu finden waren. Viele kommen allerdings nur zum Schauen – und nehmen einen Imbiss im Untergeschoss. Der Chauffeur Aymad, der bei einem großen Hotel angestellt ist, verdient rund 15 000 Pfund (215 Euro) und damit recht gut, er geht mit seinen Kindern jedoch nicht einmal zum Schauen hin: „Dann wollen meine Kids alles kaufen und dafür reicht mein Gehalt nicht.“

Der neue Unternehmer-Geist macht auch vor der Altstadt von Damaskus nicht halt. Sie gehört zu den ältesten, ununterbrochen bewohnten Städten der Welt. Die engen Gassen und Straßen mit ihren Seifenherstellern, Tischlern und Marzipanverkäufern sowie dem Hamam (Badehaus) Nur al-Din versetzen den Besucher augenblicklich um Jahrhunderte zurück. Die Ummayaden-Moschee, mit ihren vier verschiedenen Minaretten und Mosaiken eines der schönsten Bauwerke des frühen Islam, zieht täglich zahlreiche Familien an, die im Innenhof ruhen, spielen und beten. Auch das handgemachte Vanille-Pistazien-Eis vom Familienbetrieb Bakdasch im populären Souk al Hammadiye ist noch immer eine Attraktion für alle Damaszener. Kleine Freuden für jedermann. Doch die Altstadt droht sich in ein Touristenziel und eine Gastronomieenklave für Wohlhabende zu verwandeln.

Samer Antoine Kozah, der bei Bakdasch schon als Kind Eis gelutscht hat, sieht dies mit gemischten Gefühlen. Der kräftige Herr mit den grauen Schläfen lebt selbst in einem traditionellen Damaszener Haus in der Altstadt. Er zeigt auf ein Zimmer, das vom Innenhof abgeht. „Hier wurde ich vor 50 Jahren geboren“, erklärt er mit einem gewissen Stolz. Sein Vater wollte die Altstadt nie verlassen, obwohl sie zusehends verfiel – trotz Versprechen der Regierung, das historische Erbe zu erhalten. Heute lebt der Kunsthändler und Fotograf, der gelernter Ingenieur ist, im ersten Stock seines Elternhauses. Dank neuer Kreditmöglichkeiten hat er es fast vollständig renoviert.

Doch anders als Kozah können viele Bewohner die teilweise baufälligen Häuser nicht instandhalten und verkaufen an geschäftstüchtige Investoren. Diese haben seit 2001 insgesamt 85 neue Restaurants und Cafés in der Altstadt eröffnet, weitere 25 haben nun eine Lizenz erhalten.

Ebenso wie 30 Hotels. Gegenüber der Griechisch-Orthodoxen Kirche liegt nun die erleuchtete Glasfront des Edel-Restaurants „Naranj“, in dem eine Vorspeisenplatte mit Humus, Tabouleh und gefüllten Weinblättern für zwei Personen über 1000 Pfund kosten (15 Euro). Ein Essen für vier Personen kostet hier so viel, wie ein Beamter im mittleren Dienst monatlich verdient. Wobei elf Prozent der Syrer unter der Armutsgrenze leben, neun Prozent arbeitslos sind.

In der holperigen „Geraden Straße“, die mitten durch die Altstadt führt und auf der schon der Apostel Paulus gewandelt sein soll, stechen grell pinkfarbene Fahnen ins Auge: „Villa Moda“. Durch eine historische Holztür betritt der Besucher ein restauriertes Gewölbe mit unverputzten Steinwänden und Torbögen, in dem seit elf Monaten Gucci-Sonnenbrillen und Prada-Schuhe verkauft werden. In den Boutique-Hotels „Beit Mamluka“ oder „Talisman“ können Gäste ab 250 Dollar pro Nacht orientalischen Luxus um einen Innenhof mit Springbrunnen und Orangenbäumen herum genießen.

Auch der Kunsthändler Kozah musste sich etwas einfallen lassen, um sein Haus zu erhalten: Er eröffnete eine Galerie mit Werkraum für Workshops im Erdgeschoss. In dem Zimmer, in dem er zur Welt kam, hängen jetzt abstrakte Figuren der New Yorker Künstlerin Nanette Carter. „Wir retten die Altstadt“ sagt Kozah im Hinblick auf die anderen Privatinvestoren, die seit der vorsichtigen Öffnung zum Kapitalismus Projekte in der wiederentdeckten Altstadt starten.

Doch auch wenn Kozah jetzt den Traum von einer eigenen Galerie verwirklichen konnte, macht ihn der neue Verdrängungswettbewerb für Augenblicke wehmütig. „Es wird immer schwieriger, einen Bäcker oder einen Lebensmittelladen in unserem Viertel zu finden.“

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