Zeitung Heute : Aufbruchstimmung

HAUPTBAHNHOFCellist Alban Gerhardt spielt einen ganzen Tag lang Bachs Solo-Suiten für Reisende an Berlins Verkehrsknotenpunkt.

FREDERIK HANSSEN

Die Idee ist wirklich abgefahren: Am 8. Mai schnappt sich Alban Gerhardt seinen Instrumentenkoffer, besteigt die S-Bahn, fährt bis zum Hauptbahnhof, packt das Cello aus und spielt den ganzen Tag lang Musik für die Passanten. Live und kostenlos. Normalerweise ist es der Virtuose, der sich auf den Weg zu seinen Zuhörern macht. Diesmal nimmt Gerhardt als einziger Platz, während der Betrieb weiterläuft. Wenn er Glück hat, bleiben Neugierige stehen, nehmen sich Zeit zum Zuhören. Wenn er Pech hat, hasten die Leute nur vorbei.

Verrückte Aktionen wie das Sit-in im Hauptbahnhof passen zu dem 42-jährigen Musiker. Denn er gehört zu jenen Künstlern, die kein Risiko scheuen, die bei jedem Auftritt immer aufs Ganze gehen. Darum spielt er am 8. Mai auch keine beliebten Zugaben-Schmankerl, sondern das Heikelste: Johann Sebastian Bachs sechs Suiten für Cello nämlich. Höllisch schwere Musik, bei der der Spieler auf seinen Saiten mit mehreren Stimmen gleichzeitig singen soll. Hat Alban Gerhardt keine Angst vor der Geräuschkulisse im Hauptbahnhof, dem babylonischen Stimmengewirr aus tausenden Kehlen, das hier immer erklingt, kontrapunktiert von den Lautsprecheransagen, die verzerrt durch die Etagen hallen? Der Cellist stutzt. Die Frage hat er sich noch gar nicht gestellt. Er ist allerdings auch schon immer ein Profi in punktgenauer Konzentration gewesen. Auf der Grundschule sagte die Klassenlehrerin einmal beim Elternsprechtag zu seiner Mutter: „Sie wissen aber schon, dass Ihr Sohn während des Unterrichts unter der Bank Bücher liest?“ Frau Gerhardt war entsetzt: „Und warum unternehmen Sie nicht dagegen?“ „Bis jetzt wusste er trotzdem immer die richtige Antwort, wenn ich ihn drangenommen habe“, lautete die Antwort.

Im Gymnasium wird Alban Gerhardt später eine Klasse überspringen, Deutscher Jugendmeister im 1000-Meter-Lauf werden und nebenbei zu einem doppelt begabten Musiker heranreifen: In seinem Elternhaus gehört Klassik zum Alltag, der Vater ist Geiger bei den Berliner Philharmonikern, die Mutter Sängerin. Mit sieben beginnt der älteste Sohn mit dem Klavierunterricht, ein Jahr später kommt das Cello hinzu. Seinen ersten öffentlichen Auftritt absolviert er 18-jährig im Februar 1987, mit Joseph Haydns D-Dur-Cellokonzert, mit 19 Jahren dann verweist er beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ im Fach Klavier einen gewissen Lars Vogt auf den 2. Platz, heute einer der gefragtesten Pianovirtuosen weltweit. Dennoch entscheidet sich Alban Gerhardt für das Cellostudium, findet mit Boris Pergamenschikow den idealen Lehrer, zieht nach New York, pendelt zwischen den Kontinenten, baut sich eine Solistenkarriere auf.

Das Wandern ist des Musikers Last, stöhnen fast alle international gefragten Interpreten. Alban Gerhardt hat das Glück, dass er keinen Jetlag kennt, selbst wenn er von Deutschland mit Zwischenstopp in Bangkok nach Australien muss, bringt ihn die Zeitumstellung weder körperlich noch geistig aus dem Gleichgewicht. Da hilft ihm wieder seine außergewöhnliche Konzentrationsfähigkeit. „Oft aber plagt mich mein Umwelt-Gewissen, wenn ich weit reise, um dann ein 20-minütiges Cellokonzert wie das von Saint-Saens zu spielen“, erzählt er. Da schlägt er dem Management dann schon mal ein verrücktes „outreach“-Happening vor. Mit „outreach“ bezeichnen die Amerikaner ihre Bemühungen, kulturferne Menschen an die Klassik heranzuführen. In Cleveland hat er sich neulich morgens in ein Radiostudio gesetzt und die Hörer aufgefordert, einen öffentlichen Ort zu nennen, wo er nachmittags spontan auftreten solle. Es wurde die Gemüseabteilung eines Supermarkts.

Wie er am 8. Mai im Hauptbahnhof Aufmerksamkeit erregen will? Auf jeden Fall nicht durch billige Showeffekte: Pseudoemotionales Interpretengehampel nach Art des Pianisten Lang Lang ist seine Sache nicht: „Ich werde versuchen, mir in der riesigen Halle durch Konzentration und Aura meinen eigenen Klangraum zu schaffen.FREDERIK HANSSEN

8. 5., 11 bis 16 Uhr

Mittelfläche auf der Ebene O.

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