Zeitung Heute : Auferstehen mit Weltmeisterbrötchen

WM-Rückblick von A bis Z: Ein Sommernachtstraum ist vorbei, und Deutschland wird nun doch nicht Weltmeister. Macht aber nix. Es waren trotzdem vier großartige Wochen mit Fußball, Sonne und Hupkonzerten auf den Straßen. Und damit nicht gleich alles wieder in Vergessenheit gerät, blickt Philipp Köster zurück: auf flatternde Spielbälle, kesse Lauser mit Bärten beim ZDF und argentinische Endlosgesänge

-

AUFERSTEHUNG: Was hatten wir Mitleid mit Zinédine Zidane nach dem desaströsen Spiel gegen Südkorea. Schon wollten wir ihm Stützstrümpfe und Schnabeltasse überreichen und im Seniorenheim ein Bett neu beziehen, da kehrte der große, alte Mann des französischen Fußballs zurück ins Turnier und führte Frankreich ins Finale. Was wir daraus lernen? Dass die Jugend noch kein Wert an sich ist. Christian Wörns muss trotzdem nicht reaktiviert werden.

AUSSENSEITER: Einen knuffigen Underdog, der die großen Nationen ärgert, muss es bei jeder WM geben. Und weil dummerweise Jamaica dieses Mal nicht mitkickte und auch Österreich nicht dabei war, wurde diesmal die karibische Auswahl aus Trinidad & Tobago auserkoren, zumal die sich mit aufopferungsvollem Kampf ein 0:0 gegen die Schweden ertrotzten. Doch der Medienhype konnte die biedere Spielanlage der Inselkicker nicht kompensieren. Ohne eine einzige Bude war nach der Vorrunde Schluss.

AUTOKORSO: Neuer deutscher Volkssport. Nach jedem deutschen Sieg rannten deutsche Fans massenweise zu ihren Autos und bretterten hupend über die Ausfallstraßen.

BALL: Selten wurde so ausdauernd über den offiziellen Spielball gemosert wie bei diesem Turnier. Der Ball mit dem einprägsamen Damenbinden-Muster und dem hübschen Namen „Teamgeist“ flattere zu sehr, bemängelten die Torhüter. Sozusagen aus Protest ließen sie jede Menge Weitschüsse passieren.

BIERGLAS: Konnten wir schließlich auch nicht mehr sehen, jenen überdimensionalen Bierhumpen vor dem Brandenburger Tor, gegen den Oliver Bierhoff vor jedem Spiel prüfend klopfte. „Trink ihn doch endlich aus“, flehten wir. Was Bierhoff dann auch tat und nach dem Viertelfinale gegen Argentinien volltrunken auf den Platz spurtete. Die Folgen sind bekannt.

BUSINESS-ENGLISCH: Es war nur ein Satz, den sich der freundliche Volunteer am Eingang des Olympiastadions merken musste. Und deshalb kam er auch wie aus der Pistole geschossen, wenn ihn Fans fragten, wo man denn U-Bahn-Billets bekommen könne. Die Auskunft: „You must go to the Ticket-Automat.“ Die WM-Touristen schauten verstört.

EXPERTEN: Jeder Fernsehsender bot eine Reihe gut bezahlter Fachleute auf, um keine Flanke, keinen Rückpass unerklärt zu lassen. Souverän und ohne das übliche Gezicke absolvierte das alte ARD-Ehepaar Delling & Netzer die vier Wochen WM, während im ZDF Johannes B. Kerner, Jürgen Klopp und Urs Meier die kessen Jungs von der letzten Schulbank gaben. Zwischenzeitlich ließen sich die Lauser sogar allesamt blonde Bärte stehen. Der schönste Satz fiel allerdings bei Premiere. Dort verkündete Christoph Daum: „Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg“.

FÄHNCHEN: Waren wochenlang als Dekoration fürs Auto der allerletzte Schrei. Manche Familienkutschen wurden gleich mit fünf oder sechs Klemmfähnchen ausgestattet. Einziges Problem: Die Fenster durften zwecks Fahnenstabilität nicht heruntergekurbelt werden, bei 35 Grad im Schatten für Autos ohne Klimaanlage eine harte Prüfung.

FANFESTE: Galten vor der WM als einfallslose Kommerzmeilen und Friedhöfe der WM-Sponsoren, entwickelten sich jedoch während der vier Wochen zum eigentlichen Herzen des Turniers. Nirgendwo wurde so ausgelassen gefeiert wie vor den Großbildleinwänden in den Innenstädten. Auch wenn manche Passanten aufgrund ihres stattlichen Alkoholpegels nicht mehr so ganz genau wussten, welches Spiel nun gerade läuft.

FANGESÄNGE: Altbekanntes („Mexiko, Mexiko, rarara“) mischte sich mit Neuem („Ihr seid nur ein Möbellieferant“ – sang das deutsche Publikum gegen Schweden). Besonders zu Herzen ging uns jedoch der sentimentale argentinische Endlosgesang: „Ole, ole, ole, ole, ole, ola!; Cada dia te quiero mas! Ooooooh soy de Argentina! Es un sentimiento no puedo parar!“ Übersetzt: Es ist ein Gefühl, dem ich nicht widerstehen kann. Können wir auch nicht.

FIGURPROBLEME: Hatte Brasiliens Vorzeigestürmer Ronaldo. Zumindest im ersten Spiel gegen Kroatien erinnerte er eher an den tapsigen Braunbären Bruno als an einen durchtrainierten Klassestürmer. Tore hat er anschließend dennoch gemacht

FLITZER: Nur ein einziger Fan schaffte den Homerun aufs Spielfeld. Bei der Partie Brasilien gegen Kroatien spurtete ein junger Kroate im Klasnic-Trikot über den Rasen und machte Faxen. Anschließend konnte nicht geklärt werden, wie er den dicht gestaffelten Sicherheitsring hatte überwinden können. Immerhin: Der junge Mann war angezogen, auch unten herum. Splitternackte Herren mit baumelndem Gemächt blieben uns erspart.

GESTE: Vor dem Elfmeterschießen marschierte Oliver Kahn zum Konkurrenten Jens Lehmann und drückte ihm kurz und aufmunternd Hand und Nacken. Eine ganz normale sportliche Geste, die aber von einigen interessierten Medien gerne zur metaphysischen Energieübertragung hochstilisiert wurde. Oliver Kahn war plötzlich nicht mehr Ersatzkeeper, sondern Fernet Branca: Man sagt, er habe magische Kräfte.

GOLEO: Das zottelige Maskottchen wird froh sein, dass das Turnier endlich vorbei ist. Am Ende wurde der Gute-Laune–Löwe in den Stadien nicht einmal mehr ignoriert. Seinen Ruf endgültig ruiniert hatte die Goleo-Animation, die nach den Toren über die Stadionleinwände flimmerte. Die sah nämlich so aus, als sei sie noch auf einem Heimcomputer der Marke Commodore 64 hergestellt worden.

HELIKOPTER: Franz Beckenbauer, Chef des Organisationskomitees, wirkte am Ende ein wenig gestresst. Mit dem Einsatzhubschrauber wurde der Kaiser von einem Stadion zum nächsten geflogen. Am Ende steht eine beeindruckende Bilanz: Kaum ein Spiel verpasst, dazu unzählige PR-Termine und zwischendurch auch noch die Blitzheirat mit Lebensgefährtin Heide. Aber Franz Beckenbauer ist eben ein disziplinierter Arbeiter und kam nicht durcheinander. Jedenfalls ist nicht überliefert, dass er nach der Trauung verkündete hätte: „Wir haben eine gute Partie gesehen, die Atmosphäre war einmalig“.

HOOLIGANS: Vorher waren Völkerschlachten angekündigt worden, Engländer gegen Polen gegen Deutsche gegen Holländer gegen Serben und umgekehrt. Am Ende passierte: fast nichts. Weder verwüsteten englische Anhänger deutsche Innenstädte, noch schauten die angekündigten 5000 polnischen Hooligans vorbei. Im Sonderzug nach Gelsenkirchen zum ersten Spiel gegen Ekuador saßen ausschließlich friedliche polnische Papas mit ihren Kindern.

KREISSPARKASSE WANGEN: Hätte sich Filialleiter Franz Zwiesler auch nicht träumen lassen, dass sein Geldinstitut einmal WM-Geschichte schreiben würde. Weil die Spieler des WM-Teilnehmers Togo zu Turnierbeginn ihre Antrittsprämien noch nicht ausgehändigt bekommen hatten, tobte ein heftiger Streit im WM-Quartier in Wangen im Allgäu. Allgemeines Aufatmen, als schließlich zwei Geldkoffer in der örtlichen Kreisparkasse deponiert wurden. Danach konnte das Turnier auch für Togo beginnen.

NEUVILLE, OLIVER: Bei dem gilt es, Abbitte zu leisten. Hatten wir Neuville doch längst schon vor langer Zeit in die Rubrik „Zerstreuter Chancentod“ eingeordnet und dementsprechend genervt aufgestöhnt, als Klinsmann den Gladbacher gegen die Polen einwechselte. Das Ende der Geschichte ist bekannt.

ROTE KARTE: Forderte der portugiesische Stürmer Cristiano Ronaldo für den Engländer Wayne Rooney nach dessen Tätlichkeit im Viertelfinale. Die Fernsehbilder ließen den Schluss zu, der Schiedsrichter habe sich gerne von Ronaldo beraten lassen und erst anschließend die Rote Karte gezückt. Was wiederum die englischen Anhänger empört, die flugs die Seite www.ihateronaldo.co.uk ins Internet stellten. Dort können allerlei unvorteilhafte Fotos von dem Portugiesen heruntergeladen werden.

STADIONMUSIK: Das größte Ärgernis dieser WM. Mit wummernd lauter Kirmesmusik vor dem Anpfiff und nach dem Schlusspfiff schaffte es die Stadionregie in nahezu allen Stadien, die Stimmung auf den Rängen abzuwürgen. Gefühlte zehnmal pro Stadionbesuch hörten die Zuschauer den Giftmüllmix aus „Volare“, „I will survive“ und Grönemeyer – all das in einer Lautstärke, die selbst AC/DC- Tontechniker anerkennend die Augenbraue heben ließe.

SÜDAFRIKA: Dort findet die nächste WM statt. Und vielleicht kommt dann endlich einmal eine afrikanische Mannschaft richtig weit. Aber es ist ja noch lange hin bis 2010, gerundete 1440 Tage nämlich.

SCHOTTLAND: War eigentlich nicht qualifiziert, war dann aber plötzlich über einen kleinen Umweg doch bei der WM dabei. In Form von Jason Scotland nämlich, dem Stürmer von Trinidad & Tobago. Der Mann erfreute sich während der WM größter Beliebtheit in Schottland, T-Shirts wurden hergestellt und eine Hymne auf ihn gedichtet.

SCHWARZMARKT: Mit aller Macht hatte das Organisationskomitee Zustände wie 1998 in Frankreich verhindern wollen, als professionelle Schwarzhändler den Ticketmarkt beherrschten. Das gelang auch durch allerlei Schwindeleien wie die Ankündigung scharfer Kontrollen an den Eingängen. Kontrolliert wurde selten bis gar nicht. Der Schwarzmarkt blieb überschaubar. Weder schraubten sich die Preise in absurde Höhen wie 1998, noch wurden plötzlich Finalkarten für 3 Euro 50 angeboten. Wer also Endspielkarten für einen Spottpreis erworben hat, sollte besser noch mal schnell auf die Tickets schauen, wahrscheinlich sind es Karten für die Rhönrad-WM im Herbst in Buxtehude.

SÖNKE WORTMANN: Begleitete das deutsche Team mit der Kamera durchs Turnier. Filmte in der Kabine und im Hotel wurde vom Team in leicht spöttischer Tonlage „Hollywood“ gerufen. Wir freuen uns natürlich schon auf Schlüsselszenen: Kahn und Lehmann tanzen in der Hotelbar Klammerblues, Odonkor bekommt Besuch von Mutti, Lehmann füllt Spickzettel aus, Jogi Löw krempelt Klinsmann die Hemdsärmel hoch. All das schon bald auf großer Leinwand.

TIPPRUNDE IM BÜRO: Ganz schlechtes Thema. Haben wir natürlich wieder nicht gewonnen, wir hätten gar nicht erst mitmachen sollen. Wie gesagt, ganz schlechtes Thema.

TRÄNEN: Seit der englische Haudegen Paul Gascoigne anno 1990 bittere Tränen vergoss, brauchen sich Fußballer ihrer Tränen nicht mehr zu schämen. David Odonkor, das deutsche Nesthäkchen, und der erfahrene Michael Ballack heulten dann auch nach dem Ausscheiden gegen die Italiener.

T-SHIRT-BOTSCHAFTEN: Vor vier Jahren trug so ziemlich jeder brasilianische Kicker ein Leibchen mit christlichen Botschaften, dieses Mal hat die Fifa verboten, das Trikot zu lupfen. Keine Ausnahme. Nicht mal für Jesus.

VOLUNTEERS: Die freundlichen Gesichter dieser WM. Ob auf der Fanmeile, im Stadion oder am Busparkplatz: Die freiwilligen Helfer in den hellblauen Leibchen versahen ihren Dienst zuvorkommend bis zur Selbstaufgabe. Als Belohnung durften die Volunteers die leeren Plätze in den Stadien auffüllen.

WELLE: Kreiste in jedem Stadion beharrlich ab der zehnten Spielminute. Wurde von den Kommentatoren stets als Ausweis besonders dufter Stimmung auf den Rängen gedeutet. Den Zuschauern war allerdings meistens einfach nur langweilig.

WELTMEISTERBRÖTCHEN: Werden zumindest in der Bäckerei bei uns nebenan immer noch verkauft, und das obwohl wir nur um den dritten Platz spielen und obwohl der Weltverband immer noch gegen die Bezeichnung prozessiert. Ehrlich gesagt bevorzugen wir sowieso eher Körnerkrusties und Zimtwuppies.

WM-HYMNE: Lange rangelten allerlei mehr oder weniger talentierte Musikkapellen um das deutsche Lied zur WM. Am Ende machten die Sportfreunde Stiller mit ihrer Mathematikhymne „’54, ’74, ’90, 2006“ das Rennen. Nach dem Sieg gegen Argentinien schmetterte das ganze Stadion und anschließend komplette U-Bahn-Waggons das Lied vom „Herz’ in der Hand und der Leidenschaft im Bein“. Und schon gibt es von den Sportfreunden den Textvorschlag für 2010: „Die ganze Welt greift nach dem goldenen Pokal, doch nur einer hält ihn fest, so ist das nun einmal. Die Welt zu Gast in Südafrika, wird unser Traum dann endlich wahr!“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben