Zeitung Heute : Auferstehung mit Rock’n’Roll

VOLKSBÜHNE Frank Castorf inszeniert das Rockmärchen „Hans im Glück“ im Babylon-Kino – André Herzberg und die Musiker der Band Pankow spielen live die Songs ihres legendären Albums

PATRICK WILDERMANN

Pankow spricht“, so nannte man das damals, wenn die Offiziellen der DDR sich äußerten. Denn der Name des Bezirks im Osten Berlins war ein Synonym für die DDR-Regierung, und damit das Pendant zur bundesrepublikanischen Nachrichtenverortung „Bonn“. Eine hübsche Ironie also, dass sich die 1981 gegründete Rockband Pankow dem Namen nach zum Sprachrohr ihres Staates erklärte, bloß dass in ihren Texten nicht der kollektive Aufbaufleiß gefeiert, sondern die realsozialistische Schieflage so kritisch besungen wurde, dass Zensureingriffe und Auftrittsverbote nicht lange auf sich warten ließen. „Wobei die Kritik immer mit der Hoffnung verbunden war, dass die Verhältnisse sich bessern könnten“, betont Gitarrist Jürgen Ehle. Und auch Sänger André Herzberg sagt, er sei aufgewachsen mit dem Satz „Kunst ist Waffe“ – und dem Glauben, das richtige Lied werde Berge versetzen. Freilich eine Illusion mit kurzer Halbwertszeit. „Die Lebensweisheit musste ich mit dem Löffel fressen: Du kannst vielleicht dich selbst verändern, aber gesellschaftlich ist da wenig zu machen.“

Die Band Pankow, die gleichwohl aus der Reibung mit dem DDR-Regime ihre pulsierende Energie bezog, existiert noch heute, zumindest phasenweise. Die Mitglieder haben sämtlich andere Standbeine, doch alle zwei, drei Jahre kommen sie zusammen für eine Tournee, oder, wie jetzt, für ein Theaterprojekt. André Herzberg und Frank Castorf kennen sich schon lange, da fiel beim Bier natürlich auch mal der obligatorische Künstlersatz „Wir müssen unbedingt mal was zusammen machen“, bloß dass die Kneipenidee in diesem Fall tatsächlich Gestalt annahm. „Hans im Glück“ heißt der Abend, den der Volksbühnenchef mit Pankows Live-Musik, Texten von Lothar Trolle und Schauspielern im Exilspielort Kino Babylon Mitte inszeniert. „Hans im Glück“, das war das zweite Album der Band, es erschien 1985 und erzählte ein Stationendrama, „die Geschichte eines sozialen Abstiegs“, wie Ehle sagt. Protagonist Hänschen Mittelmaß wird als Klassenbester ins Leben entlassen, wandelt sich vom Karrieristen zum Kleinkriminellen, zum Familienpapa, zum Trinker, bis er sich schließlich als Nihilist die Kugel gibt. Ganz am Ende steht seine Wiederauferstehung, und, noch mal forciert, die Leitfrage dieser Platte: Was ist Glück? Das zeitloseste Thema überhaupt. „Ob Schuhputzer, Millionär oder Hartz-IV-Empfänger, jeder jagt doch dem nach, was manche Glück nennen“, sagt Herzberg und lächelt.

Vom mittlerweile verstorbenen Pankow-Schlagzeuger Frank Hille stammt das Bonmot, wonach DDR-Stars wie die Sonne seien: Im Osten gehen sie auf, im Westen unter. Auch die Pankow-Musiker konnten ihre Erfolgsgeschichte nach der Wende nicht bruchlos fortsetzen, vor 1990 haben sie häufiger im Westen gespielt als heute. Eine ganze Generation von Musikern und Schriftstellern, sagt Herzberg, habe diesen Stempel aufgedrückt bekommen: DDR. Und schon teile sich das Interesse. Auf der anderen Seite sei auch ihre Kunst natürlich geprägt vom Verlust der Ost-Identität – beziehungsweise der Behauptung derselben.

PATRICK WILDERMANN

Premiere 15.3., 20 Uhr

Weitere Vorstellungen 23. und 24.3., jeweils 20 Uhr

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