Zeitung Heute : Aufgeklärt beten

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Dorothee Nolte

Achtung: Wir sind unter euch. Ihr mögt uns zwischenzeitlich vergessen, ignorieren, aber irgendwann stoßt ihr doch an oder kommt nicht an uns vorbei und merkt: Da rollt schon wieder so eine Hochschwangere herum. Meist trefft ihr uns in Möbelläden, denn wir sind vom heftigsten menschlichen Trieb erfasst, dem Nestbautrieb, der zeitlich genau mit der Mutterschutzfrist zusammenfällt. Wir schieben unsere Kugel tapfer vor uns her und bieten einen absurden Anblick – im Unterschied übrigens zu allen anderen Säugetieren, die vernünftigerweise auf vier Beinen laufen, weswegen sich der schwellende Bauch viel harmonischer ins Gesamtbild fügt.

Aber nein, unser Bauch ist unübersehbar da, und wir kümmern uns drum. Kürzlich wollte ich Schwangeren-Yoga ausprobieren. Ich geriet in einen Schummerraum mit Kerzenlicht und musste als erstes drei Mal hintereinander „Ong Namo Guru Dev Namo“ beten. Anschließend atmeten wir voller Liebe zu unserem Baby hinunter und vollführten einige gymnastische Übungen, „beim Einatmen denkt ihr Sat – Wahrheit – und beim Ausatmen Nam, das bedeutet Identität“. Die Yoga-Lehrerin empfahl uns auch, während der Schwangerschaft nur schöne Gedanken zu denken und beschloss die Session mit einer zehnminütigen gesungenen Anrufung der acht Aspekte des Göttlichen, die allesamt klingende Namen wie Udimbe und Karaini tragen.

Die anderen sangen mit und bewegten dabei die Arme in erhabenem Rhythmus. Ich singe an sich gerne, aber nicht zu Ehren von Udimbe und Patimwe, die mir nicht geheuer sind. Ich dachte an den Vorbereitungskurs vor meiner ersten Geburt, bei dem zwar nicht gebetet wurde, aber ganz viel gekuschelt, massiert und nachgespürt. Das war nett und entspannend, hatte aber mit der Geburt genauso wenig zu tun wie Ong Namo Guru. Ich habe daher den Verdacht, dass viele Geburtsvorbereitungskurse in dieser Stadt in Wahrheit Veranstaltungen zur Täuschung Erstgebärender sind. Durch die permanente Kuschelei entsteht bei ihnen der Eindruck, der Kreißsaal sei eine Art Kathedrale oder Kurhotel, in dem sie ein spirituelles Erlebnis oder aber der ultimative Wellness-Trip mit Massagen und Duftölen erwartet.

Übrigens lehne ich es ab, neun Monate lang nur schöne Gedanken zu denken. Ich halte es mit dem radikalen Pragmatismus meiner tierischen Vorbilder. Keine Nilpferd-Mama würde behaupten, sie liebe ihre Brut bereits im Mutterleib, sie erzählt ihren Föten auch keine Märchen und beschallt sie nicht mit Mozart; sie ist ganz sie selbst.

Eine Erstgebärende fragte übrigens am Ende der Stunde, ob man denn tatsächlich während der Wehen die Arme ausbreiten und einen imaginären Wattebausch über eine Rittertafel pusten solle, wie bei der yogischen Wehen-Übung. Da musste sogar die Yoga-Lehrerin kichern. Ich habe für die junge Frau gebetet: Mögest du noch einen besseren Kurs finden, im Namen der göttlichen Wahrheit und der wahren inneren Weisheit, Ong Namo Guru Winnie the Pooh.

Geburtsvorbereitungskurse, Schwangeren-Yoga und -Schwimmen bieten Krankenhäuser, Geburtshäuser und Hebammen an ( www.geburt-in-Berlin.de , Zentraler Hebammenruf 214 27 71).

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