Zeitung Heute : Aufgeladene Atmosphäre

Teheran behauptet, das Land benötige seine Atomanlagen zur Energiegewinnung. Experten befürchten, dass es damit Atombomben herstellt. Die Indizien lassen Schlimmes befürchten. Auch weil das Mullah-Regime schon mehrmals beim Lügen ertappt wurde.

Clemens Wergin

BAUT IRAN MASSENVERNICHTUNGSWAFFEN?

Seit Tagen demonstrieren Studenten in Teheran gegen das Regime. Am Montag könnten die Mullahs weiter unter Druck geraten. Dann stellt Mohamed al Baradei, der Leiter der Atomenergiebehörde IAEO, in Wien seinen Bericht über das iranische Nuklearprogramm vor. Und der hat es in sich.

Der Tagesspiegel konnte den Bericht einsehen und dort heißt es: „Iran ist seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen was das Melden von Nuklearmaterial, die nachfolgende Weiterverarbeitung und den Gebrauch dieses Materials anbelangt und hat auch Einrichtungen nicht gemeldet, in denen das Material gelagert und weiterverarbeitet wird.“ Mit anderen Worten, Iran hat die wichtigsten Punkte des Abkommen über die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen gebrochen.

Al Baradei ist als sehr vorsichtig bekannt. Deswegen heißt es in seinem Bericht nur, „die Anzahl der Verstöße Irans gibt Anlass zur Sorge“. Doch eine Menge unbeantworteter Fragen lassen erhebliche Zweifel aufkommen, ob Iran nur ein ziviles Atomprogramm verfolgt – oder unter dem Deckmantel der Energiegewinnung die Voraussetzungen zum Bau einer Atombombe schafft. Das Problem: Dieselben Anlagen, die zur Anreicherung von Uran für Brennstäbe taugen, können auch zur Herstellung von waffenfähigem Material verwendet werden.

Das iranische Atomprogramm ruft aus mehreren Gründen Skepsis hervor. Wenn es tatsächlich nur zivilen Zwecken dient, bleibt unklar, warum Iran das Nuklearlabor in Teheran, den Komplex zur Anreicherung von Uran in Natans und die Fabrik zur Herstellung schweren Wassers in Arak bisher geheim gehalten hat. Erst, als im August 2002 Exiliraner von den Projekten berichteten, hat Iran deren Existenz zugeben müssen. Al Baradei war bei seiner – von den Iranern erst hinausgezögerten – Visite im Februar erstaunt, in der Pilotanlage in Nantas schon 160 Gaszentrifugen zur Anreicherung von Uran vorzufinden. Laut Schätzungen könnten die fast fertiggestellten Hauptgebäude in Zukunft je 30 000 Zentrifugen beherbergen und so erhebliche Mengen von Uran anreichern.

Laut westlichen Geheimdienstquellen plant Iran zwei unterschiedliche Atombombentypen – einen mit Plutonium, den anderen mit angereichertem Uran. Die Plutoniumbombe ermöglicht kleinere Raketensprengköpfe. Waffenfähiges Plutonium muss aber in einem Reaktor aufbereitet werden, der mit Satelliten einfach zu entdecken ist. Die Bombe aus angereichertem Uran (U-235) ist relativ klobig. Die Zentrifugen zur Anreicherung von Uran sind aber leichter zu verbergen. Bisher scheint Iran weit fortgeschritten zu sein, was die Uran-Bombe anbelangt. Zumindest könnte der Komplex in Natans bald entsprechende Mengen angereicherten Urans liefern – wenn er nicht streng kontrolliert wird.

Was die Plutoniumbombe anbelangt, so musste Iran nach der Entdeckung einer Anlage zur Herstellung schweren Wassers zugeben, einen Schwerwasserreaktor bauen zu wollen. Das mutet seltsam an. Schließlich baut Iran in Buschehr schon einen Leichtwasserreaktor. Normalerweise konzentrieren sich Länder wegen des notwendigen Knowhows auf nur eine Technik. Zudem ist man in den letzten Jahren zunehmend von Schwerwasserreaktoren abgekommen – auch aus Kostengründen. Der einzige Vorteil solch eines Reaktors: Man kann mit ihm einfacher waffenfähiges Plutonium produzieren.

Noch etwas macht die Inspekteure der IAEO stutzig: Im Jahr 1991 hat Iran 1900 Kilo undeklarierte Uranprodukte in China eingekauft. Um, so kann vermutet werden, verschiedene Verarbeitungstechniken zu erproben – was Teheran bestreitet. Als die Inspekteure im März dann aber den Verbleib des Uranhexafluorid (UF6) klären wollten, fehlten, so der Bericht, fast zwei Kilo Gas, was Teheran mit leckenden Ventilen erklärt.

Besorgniserregender ist allerdings die Verarbeitung des in China gekauften Urantetrafluorids (UF4). Das hat Iran in Uranmetall umgewandelt. In Punkt 20 des IAEO-Berichtes heißt es: „Die Rolle des Uranmetalls im vom Iran gemeldeten nuklearen Brennstoffkreislauf ist weiter unklar, weil weder seine Leichtwasserreaktoren noch sein geplanter Schwerwasserreaktor Uranmetall als Brennstoff benötigen.“ Die Forschung an Uranmetall ließe sich erklären – allerdings nicht zivil. Schließlich braucht man Uranmetall zur Herstellung einer Uranbombe.

Hinter all den Detailfragen der IAEO verbirgt sich aber eine große Frage: Warum braucht Iran überhaupt ein ziviles Atomprogramm wenn nicht dafür, sich das Knowhow zum Bau einer Bombe anzueignen? Schließlich hat Iran die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt und erhebliche Erdölvorkommen – warum sollte das arme Land also große Summen in eine aufwändige und im Vergleich zum Erdgas auch sehr teure Art der Energiegewinnung stecken?

Bisher hat sich Iran geweigert, dem Zusatzprotokoll zur Atomsicherheit beizutreten, das landesweite, unangekündigte Inspektionen zulassen würde. Diese Verweigerung wird Teheran nach der Vorstellung des IAEO-Berichts wohl nicht mehr aufrechterhalten können. Aber die Mullahs haben vorgesorgt: Mehrere Quellen berichten davon, dass iranische Experten Seminare in Nordkorea belegt haben. Dort hat man schließlich Erfahrung in der Entwicklung von Atombomben – auch unter Beobachtung der IAEO.

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