Zeitung Heute : Aufgenommen in Ruinen

Der traurige Morrissey hat ein erfolgreiches Album eingespielt. Dafür wandelte er ein halbes Jahr auf Pasolinis Spuren durch Rom. Was er dort suchte und was er fand.

Ulf Lippitz

Mortacci tua! So fluchen die Autofahrer Roms, wenn ihnen eine Vespa wieder die Vorfahrt genommen hat. Gröbster römischer Dialekt ist das, übersetzt heißt der Fluch: „Deine Verreckten“. Manchmal benutzen die Römer ihn ironisch, dann drückt er baff Erstaunen aus. In beiden Fällen klingt er derb, als würde einem jemand ins Gesicht spucken.

Morrissey lebte sechs Monate in Rom. Er hat sein im April erschienenes neues Album „Ringleader Of The Tormentors“ hier aufgenommen – das in Großbritannien Platz eins erreichte, in Deutschland auf Platz neun der Charts steht. Täglich muss der 46-jährige Brite den groben Spruch als Hintergrund-Sound gehört haben, wenn er die Straßen entlang lief. Erzählt man Römern, dass Morrissey in ihrer Stadt war, reißen sie Augen und Mund auf: „Mortacci tua!“ Da sieh doch einer an!

Rom mag ewig sein, modern ist es nicht, jung auch nicht. Im Zentrum sind die Gassen verstopft, die Häuser alt, die Menschen laut und die Geschäfte edel. Rom ist eine Vitrine europäischer Geschichte, durch die wie aus Versehen dutzende Busse, hunderte Autos und tausende Motorroller scheppern. Das Leben findet auf der Straße statt, Bars, Clubs oder Cafés sind entweder zu klein oder zu teuer.

Der letzte kulturelle Zenit lag in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Filmemacher und Schriftsteller strömten in die Stadt. Pier Paolo Pasolini, Federico Fellini, Alberto Moravia, Elsa Morante, Luchino Visconti wirkten hier – und strahlten weit über ihre Grenzen. Alles vergangen. Die Kultur scheint zu verharren, still zu stehen.

Steven Patrick Morrissey stammt aus der britischen Stadt Manchester. Dort bewegte sich in den späten 70er Jahren auch nichts, nur die Arbeitslosenzahlen stiegen unaufhörlich. Er sang sich in Punk-Bands den Frust von der Seele, 1982 gründete er mit drei Freunden The Smiths – eine Band, die in Drei-Minuten-Songs Themen wie Perspektivlosigkeit und Jugendgewalt aufgriff. Als das Quartett sich 1987 auflöste, besaßen The Smiths und ihr enigmatischer Sänger Morrissey Kultstatus. Er zog nach Dublin, lebte sechs Jahre im sonnigen Los Angeles und ging nach dem zweiten Wahlsieg von George W. Bush fort.

Morrissey behauptet, die unaufgeregte Selbstverständlichkeit der Römer habe ihn angezogen – und Pasolini. Morrissey verehrt den kontroversen Schriftsteller und Filmemacher, der 1975 von einem Stricher ermordet wurde. Pasolini verfasste bittere Anklagen gegen die italienische Gesellschaft, schrieb aber auch rührende Zeilen über Rom. Morrissey folgt seinem Beispiel: Sein Album ist eine Hommage an die Stadt geworden, die aus der Zeit gefallen scheint – eine Stadt, die dröhnt, hupt, quietscht, brüllt und flucht. Was aber hat Morrissey da gesehen, während seiner römischen Affäre?

Piazza Euclide

Das Forum Music Village schützen dicke Wände vor dem Alltagslärm. Es ist das heilige Studio Roms, weil es direkt im Gewölbe einer Kirche residiert – der Chiesa di Sacro Cuore Immacolato di Maria an der Piazza Euclide, im Neureichen-Viertel Parioli. Hier haben Größen der Platten-Branche wie Quincy Jones und Jon Bon Jovi aufgenommen. Morrissey mietete sich vier Monate ein. Vor allem wegen eines Altmeisters: der legendäre Filmkomponist Ennio Morricone („Spiel mir das Lied vom Tod“) gehört zu den Gründern des Studios. Für Morrisseys „Dear God“ hat Morricone sogar ein Arrangement geschrieben – und es mit Orchester im Studio A eingespielt.

Marco Patrignani ist der Geschäftsführer des Studios. Er erinnert sich gut an den Oktobertag, als Morricone im Studio dirigierte, Morrissey hinter der gläsernen Trennwand saß, das Gesicht zwischen seinen Händen vergraben. So angespannt wirkte er, dass man nicht wusste, ob er das orchestrale Stück nun ergreifend oder widerwärtig fand. „Die Luft war zum Schneiden“, sagt Patrignani und gibt zu, dass er selbst ein wenig geweint habe, die Hände vor dem Gesicht, weil er so ergriffen von der Musik gewesen sei.

Der 38-jährige Manager und Produzent blättert das pralle Gästebuch des Studios auf. Darin finden sich blumige Danksagungen von Lucio Dalla, Oliver Stone und Sophia Loren. Morrissey hat nur seinen Namen quer über eine Seite geschrieben. Irgendwie typisch, findet Marco Patrignani. „Er ist ein sehr höflicher Mensch“, sagt er, „aber niemand weiß, was er denkt.“ Viel geredet hat er jedenfalls nicht. Und auch nicht erwartet, dass man mit ihm viel redet.

Im Studio A hat Morrissey aufgenommen – 350 Quadratmeter Parkettfußboden für seine sechsköpfige Band und ihn. Wo Morrissey saß, hing ein Plakat des französischen Chansoniers Sacha Distel. Der war in den frühen 60er Jahren auch in Deutschland erfolgreich, mit Hits wie „Die Frau mit dem einsamen Herzen“. Distel gilt als unverstandenes Genie, einer, der tolle Melodien schrieb, aber als kitschig abgewatscht wurde. Morrissey sang für ihn, wenn er aufnahm. Es sah wie eine Mahnung aus.

In einem kleineren Studio ließ er einen Gemeinschaftsraum einrichten, darin aßen die Band, die Techniker, der New Yorker Produzent Tony Visconti und er an einem langen Tisch. Es durften nur vegetarische Gerichte gereicht werden. Morrissey ist strikter Veganer. Selbst als Patrignani einmal mit der Band essen ging, ohne Morrissey, draußen an der Piazza Euclide, da wagte keiner Fleisch zu bestellen. „Aus Respekt“, wie er sagt.

Was Morrissey in Rom gesucht hat, da fällt Patrignani nur ein Name ein: „Pasolini“. Die Single „You Have Killed Me“ beginnt mit den Zeilen: „Pasolini is me/Accattone you’ll be.“ Morrissey identifiziert sich darin mit Pasolini, er hat dieselbe Wut auf die satte Gesellschaft, dasselbe Mitgefühl für Außenseiter – für Prostituierte, Arbeits- und Hoffnungslose, eben jenen Accattone, einen Filmheld Pasolinis.

Hotel de Russie

Accattone wohnte an der Peripherie, Morrissey im Zentrum. Er hätte gern ein Apartment gekauft, doch er fand kein passendes. Er nahm mit einem Hotel vorlieb – aber mit was für einem. Gleich neben der Piazza del Popolo stieg er im Fünf-Sterne-Hotel de Russie ab, einem Luxus-Juwel von Hotelzar Rocco Forte. Der eröffnet demnächst das Berliner Hotel de Rome Unter den Linden. Von außen sieht das Russie wie ein erdfarbener Palazzo des frühen 18. Jahrhunderts aus, innen ist es ein schickes Refugium aus Marmor, Glas und Edelhölzern. Jean Cocteau, Pablo Picasso und Igor Strawinsky haben hier logiert, George Clooney ist Stammgast. Vor allem wegen des traumhaften Privatparks von 3500 Quadratmetern, der sich im Innenhof erstreckt.

Der britische Sänger bezog Quartier im linken Seitenflügel, eine Suite mit zwei separaten Zimmern im strengen Design der 40er Jahre – für 1950 Euro pro Nacht. Dafür guckt man auf die 150 Jahre alte libanesische Zeder, den Kiesweg zwischen Palmen, Orangen- und Zitronenbäumen, auf den Südrand der Villa Borghese. Wenn Morrissey singt „Warm lights from the grand houses blind me“, ist es nicht schwer, sich vorzustellen, wie er am Fenster steht und das Sonnenlicht ihn von der ockergelben Mauer gegenüber blendet. Ziemlich weit weg von Pasolinis verzweifelten Vorstadtgestalten.

Dedy Ferrari Clerici erledigt die Öffentlichkeitsarbeit des Hotels. Die elegante Dame im hellen Kostüm streckt die Hand aus dem Fenster der Suite, in Richtung der Straße, die sich hinter dem Gebäude den Pincio-Hügel hinauf windet. „Diesen Weg ist er immer zur Villa Borghese gegangen“, erzählt sie. Er habe die Spaziergänge geliebt, fast wie ein tägliches Exerzitium. „I’m walking through Rome“, singt Morrissey auf der neuen Platte.

„Ein ganz feiner Gentleman“, sagt Frau Clerici. Zurückgezogen habe er hier gelebt. Manchmal habe er Essen auf sein Zimmer bestellt, vegetarisch natürlich. Popstar und Hobbyfotograf Bryan Adams hat ihn einmal in seiner Suite fotografiert. In der Zeitschrift „Zoo“ sind die Aufnahmen erschienen. Richtig glücklich sieht Morrissey auf den Fotos nicht aus.

San Lorenzo

„Die Sache mit Bryan Adams“, sagt Fabio Lovino, Rockfotograf aus Rom, und streicht die schwarzen langen Haare aus der Stirn, „hat nicht gut funktioniert. Er mochte doch auch nicht die Musik von Bryan Adams.“ Nach fünf Minuten habe Morrissey das Shooting abgebrochen. Einige Tage später stand er bei Lovino im Studio. Morrissey suchte keinen DolceVita-Abklatsch in Hotels, sondern eine neo-realistische Sachlichkeit – wie Pasolini sie liebte. Lovino zeigte ihm Fotos von Rom, weit weg von den Trampelpfaden des Tourismus und erhielt den Auftrag, die Imagekampagne zu bebildern.

Lovino ist ein gut beschäftigter Fotograf, so etwas wie der Anton Corbijn Italiens. Mark Knopfler von den Dire Straits hat ihn gerade engagiert. „Man braucht eine gute Beziehung zu seinem Objekt“, sagt er in seinem Studio nahe dem Petersdom. Hinter ihm zieht sich gerade ein weibliches Model um, die CD von Radiohead hakt, drei Assistentinnen laufen hektisch umher, Fabio schreit etwas, die Musik stoppt, er erzählt weiter.

Zwei Tage seien sie mit dem Auto durch Rom gefahren. Sie kurvten im Studenten- und Arbeiterviertel San Lorenzo umher, auf der Suche nach Graffiti. Morrissey wollte sie auf den Fotos, weil er sie als anarchistisch empfand – und er dachte, Pasolini würde sie heute wohl gut finden. Sah er welche, die ihm gefielen, sagte er nur „Stop“, das zehnköpfige Team mit Stylist, Manager und Beleuchter bremste, rannte auf die Straße und machte Morrissey zurecht.

So ist auch das Bild im Begleitheft der CD entstanden. Morrissey sitzt auf einer Vespa, auf der Wand hinter ihm steht „Smash Bush. Was man nicht sieht: Die Mauer gehört zu einer schmalen Vespa-Werkstatt zwischen zwei großen Toren. Es regnete, jemand musste ständig den Schirm über Morrissey halten, und natürlich parkte der Tross in zweiter Reihe. Die Straße war blockiert, zornige Römer hupten, wahrscheinlich riefen sie „mortacci tua“, nur Morrissey blieb seelenruhig. Leiden für die Kunst gehört seit jeher zu seinen Tugenden.

Am nächsten Tag fuhren Lovino und Morrissey zum größten Friedhof der Stadt, dem Cimitero Verano. Nur zu zweit, der Pietät willen. Sie spazierten um die Grabstätten, plötzlich hielt Morrissey an, lachte und hörte gar nicht mehr auf. „Mein Grab“, sagte er und wies auf einen Stein mit der Inschrift Moresi – der Name klang in seiner englischen Lesart wie Morrissey. Der englische Popsänger ist bekannt für seine gelegentlich morbiden Texte. Auch auf der neuen Platte gibt es Zeilen wie: „Soon I will be dead“.

Via del Mandrione

Morrissey wollte noch mehr Pasolini-Ästhetik, wollte Orte sehen, die der italienische Intellektuelle besucht hatte. Gianluca Moro hat sie für ihn gefunden. Er steht auf einem wilden Fußballfeld, wo im November Morrissey mit Rocco, Moros Boxer, einem Ball hinterher rannte. Auf demselben Feld, auf dem Pasolini vor 50 Jahren mit den Jungs der Peripherie kickte.

Der wild schnaufende Hund scheint sich an den Nachmittag zu erinnern, er rennt hin und her, dort wo fest getretener Dreck und sattes Gras ineinander übergehen. Morrissey hat bei den Fotoaufnahmen hier immer wieder die Hände in die Luft gerissen und „Mamma Roma“ gerufen – ein Filmtitel von Pasolini.

Die Gegend wirkt seit 50 Jahren unverändert. Kein Tourist, kaum ein Römer verirrt sich hierher, in diese wilde Zone, „wo die Stadt plötzlich nichts wird“, wie Gianluca Moro sagt. Sie liegt wie eine Insel zwischen Eisenbahn und Schnellstraßen. Ein paar Menschen schauen misstrauisch. Verwitterte Ruinen ragen bedrohlich in die Luft. Es sind Reste eines alten Aquäduktes, der vor Jahrhunderten Wasser aus den Bergen in die Stadt brachte.

Bis in die 70er Jahre hinein haben Prostituierte sich unter den Bögen angeboten. Via del Mandrione heißt die unwirtliche Hauptstraße. Pasolini hat sich mit den Frauen hier manchmal unterhalten, ihre Kinder zum Fußball mitgenommen und sie ein wenig auf der Straße unterrichtet.

Ein Foto zeigt Morrissey in so einem Bogen an der Mandrione. Er lehnt an einem alten Fiat 850, der seit Jahren an derselben Stelle parkt. Ein verschlissenes Sofa steht auf der gegenüberliegenden Straßenseite, ein anderer Bogen ist der Madonnen-Verehrung vorbehalten, frische Blumen hängen am Gitter. Überall liegen Teile aus Metall herum. „Die Menschen hier haben früher ihr Geld mit dem Metallhandel verdient“, erzählt Moro. Die verlorene Stimmung hat Morrissey gesucht.

Gianluca Moro hat eine klare Meinung von Morrissey und seinem Aufenthalt in Rom. „Er ist ein Künstler, der seinen Schmerz öffentlich lebt – so wie es Pasolini getan hat“, sagt er. Aber heute, 30 Jahre nach Pasolinis Tod, wirkt das wie „eine romantische Flucht“, meint Moro. Morrissey kommentiert die damalige Kunst, nicht die aktuelle Politik Italiens. Er wirft einen Blick zurück, nicht nach vorne – aber vielleicht hat er sich über die Beschäftigung mit Pasolini auch selbst gefunden. Die Kritik ist sich einig: auf keinem Album klingt der Melancholiker Morrissey so warm und optimistisch wie auf „Ringleader“.

Im Schatten von Pier Paolo Pasolini, dem Orangengarten des Hotel de Russie, des Aquädukts an der Peripherie und der Kirche an der Piazza Euclide hat er eine Stadt erfunden, die vielleicht nicht dem Rom von heute entspricht, aber den Ruf Roms in die Welt trägt – ein bisschen morbide, aber erregend für die Sinne.

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