Zeitung Heute : Aufgeputscht

Acht Minuten dauerte die Rede von Ägyptens oberstem General. Dann brandete Jubel über den Tahrir-Platz. Hunderttausende feierten die ganze Nacht. Dennoch ist Kairo eine belagerte Stadt. Überall sind gepanzerte Fahrzeuge postiert, damit es nicht zu Kämpfen zwischen den verfeindeten Lagern kommt.

Glück und Wut. Die einen feiern (o.), die anderen packt das Entsetzen.Fotos: Reuters/Eglau
Glück und Wut. Die einen feiern (o.), die anderen packt das Entsetzen.Fotos: Reuters/EglauFoto: Katharina Eglau, Winterfeldtstr.

Kairo vibriert, Ägypten sonnt sich wieder als Paradies der guten Laune. An jeder Ecke ist die Erleichterung mit Händen zu greifen. „Mursi – das war’s“, den Daumen runter und ein grinsendes, einvernehmliches Nicken. Egal ob Obsthändler, Zeitungsverkäufer, Taxifahrer oder Parkwächter, jeder vermittelt am Tag danach den Eindruck, das Volk Ägyptens habe sich mit seinen viertägigen Massenprotesten von einer jahrzehntelangen, düsteren Diktatur befreit.

Stundenlang hatten am Mittwochabend Hunderttausende auf dem Tahrir-Platz auf die erlösende Rede von Armeechef Abdel Fattah al Sissi gewartet. Als der 58-jährige General schließlich vier Stunden nach Ende seines Ultimatums um exakt 21 Uhr vor die Kameras trat und seinen Landsleuten mit fester Stimme und in acht Minuten verlas, wie es weitergehen solle, fiel der weltberühmte Platz für einen Moment in eine nahezu atemlose Stille. Nicht dass Ägypter plötzlich in der Lage wären – wie ihre türkischen Mitstreiter gegen islamistische Dominanz –, stundenlang in schweigendem Protest zu verharren. Kaum hatte der Oberbefehlshaber hinter dem Pult und in kurzärmeligem Hemd geendet, entluden sich Vuvuzelas, Trillerpfeifen, Autohupen und Sprechchöre in einem stundenlangen Massenrausch.

Die Straßen in den Wohnvierteln hallten wieder von Freudenschüssen, manch einer geriet so in Verzückung, dass er von seinem Balkon aus direkt ein ganzes Magazin in den nächtlichen Himmel jagte. „Es war ein Festival, wir sind so überglücklich, wir haben uns die Revolution zurückerkämpft“, schwärmt Alfred Adly Youman, der die ganze Nacht dabei war und auch am nächsten Tag noch immer kein Auge zutun kann. Mit etwas Wasser ins Gesicht habe er die Müdigkeit vertrieben, sagt er, und jetzt gehe es weiter. Keine Minute will er verpassen. „Ein Jahr lang war mein Leben dumpf und dunkel, weil Mursi den Christen ihre Rechte verweigerte“, sagt der 62-Jährige, der in Giza ein kleines Fotostudio besitzt.

Über den Tahrir-Kreisverkehr dröhnen derweil patriotische Lieder, kein Militärfahrzeug ist weit und breit zu sehen. Stattdessen fegen Müllmänner die Reste der patriotischen Party zusammen. Die meisten Geschäfte sind noch verrammelt, nur die Taxifahrer bahnen sich bereits wieder erste Schneisen durch den vier Tage lang total blockierten Platz. Die meisten aus der Jubelmenge aber sind irgendwann am frühen Morgen nach Hause gegangen und ins Bett. Nur das Frauenareal vor der Rednertribüne, von Helfern mit einem dicken Seil abgesperrt, erinnert daran, dass es während der Megaproteste auch schreckliche Szenen gegeben hatte: Über hundert Frauen wurden übel misshandelt, sexuell missbraucht und vergewaltigt.

Sayyed Ahmed Abdel Ali hat sich einen Modellpanzer auf den Kopf geschnallt, in der linken Hand hält er ein Kreuz, in der rechten einen Koran – die neue Dreifaltigkeit Ägyptens. „Muslime, Christen und Armee gehen Hand in Hand“, ruft er aus, während über die Köpfe zur Unterhaltung der übrig gebliebenen Rebellen ein Formationsflug der ägyptischen Luftwaffe hinwegdonnert, Rauch in den rot-weiß-schwarzen Nationalfarben hinter sich herziehend.

Mansour Elleithy hat für solche Spektakel nur ein müdes Schulterzucken übrig. Zusammen mit zwei Dutzend Mitprofessoren hält der 51-jährige Dozent für Physiotherapie seit vier Tagen auf dem Ennahda-Platz vor der Kairo-Universität die Stellung. Die Zugänge zu dem Gelände der Muslimbrüder direkt neben dem Zoo sind seit dem Vorabend durch Mannschaftstransporter und Jeeps abgeriegelt. Eine verbrannte Palme liegt quer über dem Asphalt. Zertrümmerte Werbetafeln zeugen noch von den schweren Ausschreitungen vor zwei Tagen, als sich Bewaffnete durch den angrenzenden botanischen Garten anschlichen und das Mursi-Camp mitten in Kairo mit Sturmgewehren unter Feuer nahmen. 18 Menschen starben, über 200 wurden verletzt, den Überlebenden steht der Schock noch in den Gesichtern.

Säuberlich haben sie jetzt in langen Reihen Vorräte an Wurfsteinen aufgehäuft. Fast jeder Zweite hat neben sich einen Knüppel griffbereit. „Die Armee hat die Demokratie zerstört. Wir demonstrieren friedlich und werden bis zum Ende friedlich bleiben“, sagt Mansour Elleithy, während um ihn und seine Kollegen ein kleiner Protestzug im Kreise zieht und „Mursi, wir stehen hinter dir“ skandiert. Alle hier wissen, dass der abgesetzte Präsident und Dutzende aus der Führungsriege der Muslimbruderschaft bereits verhaftet worden sind. „Wir haben keine Angst, Gefängnisse sind nichts Neues für uns“, sagen sie.

Indessen haben die ägyptischen Streitkräfte alles aufgefahren, was Räder hat. In vielen Stadtteilen Kairos sind gepanzerte Fahrzeuge postiert. Die Versammlungsorte der Muslimbrüder in Nasr City und Giza sind abgeriegelt. Damit will die Armee verhindern, dass es zu Krawallen und blutigen Auseinandersetzungen zwischen beiden Lagern kommt. Armeechef Sissi ließ am Donnerstag verlauten, die Armee fühle sich für die Sicherheit der Muslimbrüder genauso verantwortlich wie für die Sicherheit der übrigen Bevölkerung. „Auch diese Menschen sind Söhne Ägyptens“, hieß es in seiner Erklärung.

Mohammed Mursi selbst, der sich am Donnerstag im Verteidigungsministerium in Gewahrsam befand, verurteilte seine Entmachtung als „klaren Militärputsch“. Er sei „der gewählte Präsident Ägyptens“, erklärte er in einer Twitter-Botschaft. Seine Absetzung werde „von allen freien Menschen des Landes abgelehnt, die dafür gekämpft haben, dass Ägypten eine zivile Demokratie wird“.

Noch in der Nacht wurden im ganzen Land mehr als 300 Mitglieder von Mursis Regierungsmannschaft sowie Führungskräfte der Muslimbrüder verhaftet, darunter auch der Chef der Muslimbruderschaft, Mohamed Badie, und sein Vize Khairat al Shater. Für hunderte Muslimbrüder gilt ein Ausreiseverbot. Sechs Satellitenkanäle ließ das Militär schließen, darunter „Misr 25“, den einzigen eigenen Sender der Muslimbrüder.

Nach der Vereidigung des vorsitzenden Richters des Verfassungsgerichts, Adli Mansur, als Übergangspräsident wartete das politische Ägypten mit Spannung auf die Ernennung eines Interims-Regierungschefs. Möglicherweise könnte die Wahl auf den ehemaligen Chef der Wiener Atomenergiebehörde, Mohammed al Baradei, fallen. Wie lange Übergangspräsident und Übergangspremier im Amt bleiben, wann ein neues Parlament und eine neue reguläre Regierung gewählt werden sollen, weiß bisher noch niemand.

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