Zeitung Heute : Aufmerksamkeit: Ist das noch zu fassen?

Christine Berger

Soviel Medienkonsum war selten: Nach den Terroranschlägen am 11. September liefen in vielen Haushalten mehrere Fernseher gleichzeitig, zusätzlich suchten User im Internet nach neuen Informationen, während das Telefon heiß lief, um Freunde in den USA zu kontakten. Und als wir gerade glaubten, die Lage würde wieder übersichtlicher werden, fielen erst Bomben auf Afghanistan, dann machte der Milzbrand Schlagzeilen.

Manchen Menschen wird das gewaltige Informationsangebot, das tagtäglich auf uns einprasselt, zum Verhängnis: Sie sind süchtig nach immer neuen Nachrichten und nutzen jede Quelle. Vielleicht ist ihnen der Wissensdrang ein Bedürfnis. Vielleicht sind sie aber auch ganz einfach krank und leiden unter ADS, dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Stellen sie den Fernseher einmal an, verlieren sie sich in den Bildern, zappen von Programm zu Programm und finden nicht mehr den Knopf zum Ausschalten.

ADS gibt es nicht erst seit Erfindung der Massenmedien, jedoch tritt dieses Syndrom in heutiger Zeit deutlicher auf als je zuvor. Schon in der Kindheit beginnt der Leidensweg der Betroffenen, der sich in drei Leitsymptomen ausdrücken kann: Impulsivität, Unruhe sowie Unaufmerksamkeit. Sie fallen auf, weil sie sich auf nichts konzentrieren können, ständig drei Aufgaben gleichzeitig beginnen und nichts beenden, hyperaktiv herumzappeln oder entrückt vor sich hinträumen. Im Erwachsenenalter bereitet ihnen ihre Vergesslichkeit Schwierigkeiten, und oftmals auch ihr massiver Rededrang. "Wenn sie sich für etwas begeistern", sagt die Psychotherapeutin Petra Maria Hammer, "lassen die Betroffenen niemanden zu Wort kommen." Hammer ist Co-Autorin des Buches "ADS bei Erwachsenen", das im November im Oberstebrink-Verlag erscheint. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit ADS bei Kindern und hat festgestellt, dass oft auch die Eltern und Großeltern ihrer kleinen Patienten mit ADS-Symptomen zu kämpfen haben.

Die These, dass die Krankheit neurobiologisch bedingt und vererbbar ist, ist umstritten. "Mit Sicherheit ist der erbliche Faktor der größte Einzelfaktor", sagt Manfred Döpfner, Professor für Psychotherapie an der Universität Köln. Es brauche aber Umweltbedingungen, die ADS gewissermaßen auslösen: "Eine Umgebung mit vielen Reizen und wenig Orientierung" könnte ein Grund sein, weshalb die Krankheit gerade in heutiger Zeit häufiger auftrete. Döpfner meint jedoch, dass nicht jeder, der notorisch unruhig ist, auch ADS-krank sein muss. "Die Symptome müssen sich wie ein roter Faden ab dem Schulalter durchs Leben ziehen." Wer mit 25 plötzlich feststelle, dass er nervös und vergesslich sei, müsse nach anderen Gründen suchen. Bei Erwachsenen mit ADS haben amerikanische Wissenschaftler nachgewiesen, dass die Aktivität des Enzyms Dopa-Decarboxylase vor allem im Stirnhirn deutlich verringert ist und dadurch weniger Dopamin entsteht. Damit gibt es direkte Hinweise für einen Dopaminmangel, der die fehlerhafte Reizübertragung im Gehirn mitverursachen könnte. Wegen dieser Dysregulation im Stirnhirn, das unter anderem für die Steuerung der Aufmerksamkeit und der Emotionen zuständig ist, fällt es Betroffenen schwer, ihre Aufmerksamkeit gezielt aufrecht zu erhalten, ohne sich von ablenkenden Reizen stören zu lassen.

Noch vor gar nicht langer Zeit war man der Meinung, dass sich das Aufmerksamkeitsdefizit nach Ende der Pubertät in Luft auflöse. Tatsächlich lässt die motorische Unruhe in der Adoleszenz nach. Das innere Chaos aber lichtet sich bei rund einem Drittel aller Betroffenen nicht. ADS im Erwachsenenalter zu diagnostizieren ist wesentlich schwieriger als bei Kindern, weil aufgrund der vielen Misserfolgserlebnisse im Laufe des Lebens psychosomatische Beschwerden hinzukommen. Diese werden dann oft primär behandelt. "Die Leute werden ängstlich und leiden unter Kopfschmerzen oder Magengeschwüren", sagt Hammer. Besonders Männer mit ADS sind anfällig für Alkoholmissbrauch, um ihre Versagensängste zu kompensieren.

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