Zeitung Heute : Aufmerksamkeit: Konzentrationsschwäche: Kinder, Kinder

Zappel-Philipp war ein schwieriges Kind, kippelte ständig mit dem Stuhl, Hans Guck-in-die-Luft lief zerstreut durch die Welt und tappte prompt ins Unglück. Was Heinz Hoffmann einst in seinem Kinderbuch "Der Struwwelpeter" beschrieb, hat heute den Charakter eines Krankheitsbildes. Bei hyperaktiven Kinder, die ständig in Bewegung sind und sich niemals richtig konzentrieren können, oder bei Träumern, die mit ihren Gedanken ständig woanders sind, wird das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom diagnostiziert.

Heftiger Medienkonsum wie stundenlanges Fernsehen oder Spielen am Computer verursacht die Krankheit zwar nicht, doch die Symptome konzentrationsschwacher Kinder verstärken sich um ein Vielfaches. Wer vor der Glotze sitzt, bewegt sich nicht, die motorische Unruhe fällt hinterher um so stärker aus.

Das Stillsitzen in der Schule fällt besonders ADS-Kindern mit Hyperaktivität schwer. In manchen Integrationsschulen, wie etwa in der Weddinger Hermann-Herzog-Schule, werden verhaltensauffällige Kinder deshalb in eine eigens eingerichtete Spielecke des Klassenzimmers geschickt, wenn sie sich nicht mehr konzentrieren können.

Kinder mit ADS sind in der Regel nicht dümmer als andere Kinder. Sie brauchen nur länger, um sich den Unterrichtsstoff anzueignen. Leiden Betroffene massiv unter ihrem Anderssein, kann eine Medikation sinnvoll sein. Das ist allerdings bei Fachleuten umstritten, da die Gefahr einer unsachgemäßen Verabreichung groß ist. Aufputschmittel wie Ritalin wirken bei ADS beruhigend; ein paradoxer Effekt. Die Kinder werden wacher, doch genau dadurch beruhigt sich ihre Motorik.

Als Gründe dafür gibt es verschiedene Theorien: Zum einen wird für die fehlerhafte Reizverarbeitung die geringere Durchblutung des Stirnhirns verantwortlich gemacht. Sie wird durch Aufputschmittel gewissermaßen angekurbelt. Zum anderen sprechen Wissenschaftler im Fall von ADS von einem Zustand zentralnervöser Unteraktivierung. Kinder suchen deshalb ständig nach neuen Reizen, um auf ein anderes Aktivierungsniveau zu kommen. Mit Hilfe der Medikation erreichen sie dieses Aktivierungsniveau ohne äußere Einflüsse. In jedem Fall sollte eine Verhaltenstherapie mit Konzentrationstraining die medikamentöse Behandlung begleiten.

Natürlich leidet nicht jedes verhaltensauffällige Kind an ADS. Fehler in der Erziehung gilt es bei der Diagnose genauso auszuschließen wie emotional bedingte Verhaltensauffälligkeiten, etwa nach dem Tod eines Elternteils. Auch mangelnder Schlaf oder Überforderung in der Schule kann zu Konzentrationsschwächen führen.

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