Zeitung Heute : Aufpassen!

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

So ungefähr äußert sich diese plötzliche Nervenerschütterung, die wir Schock nennen: Es ist, als ob ein Blitz durch den Körper fährt, ohne Vorwarnung. Man ist benommen. Der Puls rast. Das Herz schmerzt. Den Brustkorb umspannt ein stählerner Ring. Alles dreht sich. Ich kriege keine Luft. Nur weg hier, weg von diesem Ort mit seinem psychoreaktiven Syndrom. Umsonst. Das traumatische Erlebnis verfolgt mich, bis heute. Deshalb möchte der Herr Rentner warnen. Sein Tagestipp besteht aus einem einzigen Wort: aufpassen! Man muss seine sieben Sachen, seine Gefühle, seine Umwelt irgendwie unter Kontrolle haben, wach sein. Und nie glauben, dass einem so etwas nicht widerfahren kann.

Langfinger haben mir das Portemonnaie geklaut, einfach aus der rechten Tasche vom Anorak gezogen, vielleicht im Gewühl der Linie 1, vielleicht auf dem U-Bahnhof Nollendorfplatz, da gibt es ja drei Ebenen, auf welcher denn nun? Der Schlag kommt in dem Moment, in dem man das merkt. Wo mit urplötzlicher Gewalt die Wahrheit in dein Leben raunt: Nun hat es dich erwischt, du Bruder Leichtsinn. Dann zündet die zweite Raketenstufe im Wirrwarr der Gefühle: Wie konntest du so dämlich sein und alles, was wichtig erscheint, mit dir herumtragen? Was ist denn nun, abgesehen von 80 Euro, diesem wildfremden Tagedieb in die Hände gefallen? Kann er überhaupt etwas damit anfangen? Die EC-Karte wird sogleich gesperrt. Das Kaufhaus ist schnell bereit, dir ein neues Kundenkärtchen auszustellen. Aber die Personal-, Presse- Bundestags- und Fußballvereinsmitgliedsausweise? Und die Chip-Karte für den Doktor. Wer wartet irgendwo darauf, mit meinem Namen aufgerufen und behandelt zu werden? Vielleicht hab’ ich Grippe, die Schwind- oder Gelbsucht und weiß gar nichts davon. Oder sie haben mich längst auf den OP-Tisch gezerrt, reden dauernd von der dickwandigen Galle des Patienten H. und freuen sich, wenn sie mir den Bauch aufschneiden? Liegt gar mein Ausweis-Passbild-Kopf in irgendeinem Gebüsch und friert? Wem man die Geschichte erzählt, der kramt in eigenen einschlägigen Erfahrungen. Schlimm, was man da so alles hört. Ach, bessre dich, du schnöde Welt. Und du, Mensch: Pass besser auf dich auf!

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben