Zeitung Heute : Aufrüsten

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Dorothee Nolte

Die Kita rüstet auf. Immer mehr Kinder erscheinen morgens bewaffnet in ihren Gruppen. An den Wänden hängen Schwerter und Schilder, martialische Gesänge erklingen. Eine Weile lang habe ich die schleichende Militarisierung schweigend mit angesehen. Dann regte sich der Keim zivilen Widerstands. Hej!, sagte ich: Was’n hier los?

Die Ritter sind los, antwortete man mir: Bis zum Faschingsfest wird sich alles ums Mittelalter drehen. Und ich erkannte: Mit viel Liebe verwandeln die Erzieherinnen die ganze Kita (städtisch, über 100 Kinder, Hort inklusive) in eine Ritterburg; Personalengpässe hin oder her. Die Kinder singen Ritterlieder, basteln Drachen und Festungstürme, beim großen Ritterfest werden sie aus Pokalen trinken und Wappentoasts essen. Unser Sohn darf sich neuerdings Theodor der Turmwächter nennen, andere Jungs heißen Dagobert der Drachentöter, Leopold der Lanzenstecher oder Burghard der Bärentöter. Für die Mädels hält das Rittertum nicht so viele attraktive Rollen bereit, aber immerhin klingende Namen wie Hildegunde von Hammelburghausen oder Kriemhild von der Klapperbrücke.

Auch zu Hause sind wir jetzt ganz aufs Mittelalter eingestellt. Das dreimonatige Baby ist zum Ritter geschlagen worden, und der große Bruder kennt nur noch ein Thema („Die Dinosaurier sind ausgestorben! Sind die Ritters auch ausgestorben?“). Mir scheint, er testet gezielt meine Allgemeinbildung, indem er meine Antworten mit denen seiner Erzieherin vergleicht. Gegen sie kann ich nicht punkten. Sie ist seine „hohe vrouwe“, ihr singt er Minnelieder, für sie findet er Kosewörter („Ich will ein Leben lang bei Renati bleiben!“), während ich eher die Rolle eines mittelalterlichen Fußschemels einnehme.

Manchmal wäre es mir lieber, der Kindergarten hätte ein friedlicheres Motto für sein Fest gewählt, zum Beispiel „Pflegeheim Bad Oldesloe“. Dann würde Theodor der Turmwächter nicht ständig mit dem Ikea-Schwert auf mich eindreschen und rufen „Ich steche dich“. Stattdessen würde er auf leisen Sohlen umherschleichen und nette Dinge sagen, etwa: „Der Kamillentee ist fertig!“ oder „Darf ich Ihnen das Bett aufschütteln?“ Das wäre Friedens-Pädagogik! Doch offenbar ist die Zeit dafür nicht reif.

Kürzlich bin ich mal wieder ein Jahr älter geworden. „Was willst du denn der Mama zum Geburtstag schenken?“, fragte zartfühlend der Kindsvater. Nur kurz besann sich das liebliche Kind. „Eine Axt“, erklärte es dann, und, zu mir gewandt: „Dann kannst du alles kaputt hauen“. Während mir also meine Freundinnen afrikanischen Schlamm und Ayurveda-Wellness-Tee schenkten, alles Produkte, die mich verjüngen sollen, brachte mir das Kind eine Axt, in Form eines in Papier eingerollten Bleistifts. In mir regte sich ein wilder, dunkler Trieb. Mir wurde heiß; riesige Muskeln wuchsen, meine Hände wurden zu Pranken, ein Röcheln entrang sich meiner Kehle. Anschließend zertrümmerten Theodor der Tassenfeind und Dorothea von Dödelsheim unser Mobiliar sowie das der Nachbarn und der umliegenden Geschäfte. Hei war das ein Spaß! Hab mich selten so jung gefühlt.

Ritterausrüstung gibt’s u.a. bei Ikea. Begleitlektüre: „Wir entdecken die Ritterburg“ (Ravensburger).

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