Zeitung Heute : Aufs Wesentliche reduzieren

Wie eine Partygängerin Berlin erleben kann

Christine Lang

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Berlin besteht ja aus einer Menge von Stadtteilen, und dabei stellt jeder Stadtteil eine kleine Stadt für sich dar. Seit einem Jahr gibt es in Mitte von Zeit zu Zeit eine zusätzliche kleine Stadt: für die Castorf Inszenierung „Der Idiot“ wurden im großen Raum der Volksbühne die Zuschauersitze abmontiert und eine Stadt mit voll ausgestatteten Häusern nachgebaut.

Die vierte Spielzeit des Stücks ist nun gerade zu Ende, und aufgrund des Aufwands wird es wahrscheinlich die letzte gewesen sein. (Der Aufbau des Bühnenbildes nimmt mindestens eine Woche in Anspruch und legt das Theater in der Zeit völlig lahm. Zusätzlich schrumpft das Platzangebot auf 250 Leute pro Vorstellung.) Die kleine Sperrholzstadt aber bleibt noch bis Sonntagmorgen stehen, und damit haben die Partygänger noch eine letzte Möglichkeit, sie zu bewundern.

Heute und morgen stehen im Rahmen des „Club Neustadt“ wieder Elektronikmusiker statt Theaterschauspieler auf der Bühne. Dabei handelt es sich um die Avantgarde der deutschen Elektronik-Szene. Im Lauf der letzten zwölf Monate spielte hier alles was Rang und Namen hat, ob Console, T-Raumschmiere oder Turner. Am vergangenen Wochenende feierte hier das legendäre Hamburger House-Label Ladomat sein 15-jähriges Bestehen.

Zum Finale stehen diese Woche zwei echte Stars auf der Bühne. Beide sind international bekannt, quasi die Exportartikel der deutschen Minimalelektronik. Thomas Fehlmann, Gründungsmitglied von Palais Schaumburg und seit Mitte der 90er Mitinitiator des Ocean Clubs. Er wird heute sein kürzlich erschienenes Album „Visions of Blah“ präsentieren. Der Sound seiner neuen Produktion liegt zwischen Ambient, Clubtechno und Dub. Außerdem wird noch Stefan Betke aka Pole auftreten. Pole ist der Meister der musikalischen Reduktion.

Seine drei Alben tragen die strengen Namen Blau, Rot und Gelb und revolutionierten die Club-Minimalmusik. Betke hatte das digitale Störgeräusch entdeckt und mischte damit die Musik auf. Auf seinem neuen Album bleibt er seiner musikalische Methodik treu, jedoch stehen die Clicks und Kratzgeräusche nicht mehr so im Vordergrund. Der Pole-Sound klingt weicher und analoger als zuvor, seine Interesse an Dub und Hip Hop ist zu hören, nicht nur durch die Zusammenarbeit mit dem Rapper Jon Marshall alias Fat Jon.

Fehlmann und Pole gehören zu der Generation, die elektronische Musik seit ihren Anfängen mitverfolgt haben und über ein umfassendes historisches Musikwissen verfügen. In ihrem Sound reduzieren sie das auf das Wesentliche; ihre Klangwelt grenzt an E-Musik besitzt aber trotzdem die Leichtigkeit moderner Clubmusik. Der Event heute Abend zählt zu den Höhepunkten des Wochenendes. Die fehlende Performance der Minimal-Musiker wird außerdem durch die tolle Bühnendekoration ersetzt.

„Club Neustadt“ in der Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Heute ab 24 Uhr Thomas Fehlmann, Pole feat Fat Jon. Morgen ab 22 Uhr Mina, Bus & DJ Meteo .

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