Zeitung Heute : Aufschwung in Russland: GUS-Staaten wachsen stärker als erwartet

dh

Die russische Wirtschaft hat sich vor allem dank hoher Rohstoffpreise im vergangenen Jahr überraschend gut entwickelt, darf aber über diesen guten Daten die notwendigen Strukturreformen nicht aus den Augen verlieren. Dies sagte Bundeswirtschaftsminister Werner Müller bei der Eröffnung des deutsch-russischen Kooperationsrates am Montag abend in Berlin. Die internationale Wirtschaft warte darauf, dass nach den ersten Reformschritten die nächsten Elemente des Reformkonzepts angepackt würden. Dazu zählten vor allem die Reform des Bankensektors, eine Bodenreform und entschlossene Maßnahmen gegen Bürokratie und Korruption.

Unerlässlich für langfristige Geschäfte zwischen Ost und West seien aber auch stabile Finanzbeziehungen, also die termingerechte Rückzahlung der Auslandsschulden. Dies sei auch die Voraussetzung dafür, "dass wir den Ein-Milliarden-Mark-Hermesplafond wie vorgesehen ausschöpfen können", sagte Müller. Russland ist beim Pariser Club mit insgesamt 117 Milliarden Mark verschuldet.

Auch Wolfram Schrettl vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hält es für ganz wichtig, dass Russland und andere GUS-Staaten wichtige Reformprojekte in die Tat umsetzen und sich angesichts des aktuellen Wirtschaftswachstums nicht zurücklehnten. "Russland erlebt zurzeit einen wirtschaftlichen Aufschwung, ohne seine Reform-Hausaufgaben gemacht zu haben", bringt er das Problem bei der Vorstellung der Studie "Russlands Aufschwung in Gefahr" am Montag morgen auf den Punkt.

Für den momentanen Boom sieht der Ökonom drei Gründe: Zum einen habe der Anstieg der Rohöl- und Gaspreise der russischen Wirtschaft einen warmen Regen gebracht. Zum anderen sei nach der Krise und der drastischen Abwertung des Rubels vor zwei Jahren russischen Importeuren der Appetit auf teure Importwaren vergangen. Dies habe sich positiv auf die inländische Produktion ausgewirkt, deren Waren plötzlich wieder gefragt waren. Drittens sei der beträchtliche Inflationsschub nach der Krise zunächst nicht durch eine Erhöhung der Reallöhne ausgeglichen worden, was zu einem weiteren Kostenvorteil für die russische Industrie geführt habe.

Ein Risiko sieht Schrettl allerdings darin, dass seit kurzem die Lohnsteigerung unverhältnismäßig angezogen hat: "Real wachsen die Löhne um 23 Prozent, während das BIP-Wachstum nur sieben bis acht Prozent beträgt." Diese Fehlentwicklung müsse dringend gestoppt werden, rät er. Das gelte auch für die anhaltende Kapitalflucht: Schätzungen zufolge verlassen monatlich ein bis zwei Milliarden Dollar das Land, nach Schrettls Ansicht ein deutliches Misstrauensvotum für die russische Politik.

In der Ukraine hat sich dagegen die Politik des neuen Premiers Wiktor Juschtschenko vorteilfhaft für die Wirtschaft ausgewirkt, so die Einschätzung von Felicitas Möllers von der Deutschen Bank Research und Mitglied der Beratergruppe der ukrainischen Regierung. Nach Jahren der Stagnation ist die Wirtschaft dort im vergangenen Jahr erstmals um fünf Prozent gewachsen. Juschtschenkos 1000-Tage-Programm habe die Wirtschaft stabilisiert, so die Schlussfolgerung ihrer Studie "Ukraine on the Road to Europe". Erstmals habe es auch Reformen in der Landwirtschaft gegeben. Außerdem seien ausstehende Löhne und Renten gezahlt worden, dies habe die Inlandsnachfrage angekurbelt. Für 2001 wird ein Wachstum von vier Prozent geplant. Allerdings sei die Ukraine mit ihren wichtigsten Exportgütern - halbfertige Produkte der Metallurgie und Chemie - von den Weltmarktpreisen abhängig.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben